Uckermärkische Bühnen Schwedt: "Nürnberg"; © Udo Krause/UBS
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Uckermärkische Bühnen Schwedt - "Nürnberg"

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Schwedt liegt näher an Stettin als an Berlin. Deshalb blickt die Leitung der Uckermärkischen Bühnen schon lange nach Osten. Da passt es, dass zur Spielzeiteröffnung ein Stück auf dem Programm steht, dass sich mit der jüngeren Geschichte Polens auseinandersetzt.

"Nürnberg" von Wojciech Tomczyk berichtet über Geheimdienstverbrechen aus der Zeit des Sozialismus. Ein ehemaliger Oberst der militärischen Spionageabwehr klagt sich selbst an. Er möchte vor Gericht gestellt werden, wie die Nazis, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Nürnberg verantworten mussten. Schon allein das sorgte in Polen bei der Uraufführung des Stücks im Jahr 2006 für kontroverse Diskussionen. Kann man die Verbrechen sozialistischer Geheimdienste mit denen der Nazis vergleichen?

Das Stück wurde als Provokation verstanden. Trotzdem erhielt es Preise und wurde von vielen Bühnen gespielt. Doch inzwischen hat sich das gesellschaftliche Klima in Polen gewandelt. Positive Leitbilder sind gefragt, die Auseinandersetzung mit Verfehlungen der Vergangenheit hingegen kaum. Auch deshalb ist die deutschsprachige Erstaufführung in Schwedt wichtig.

Eine Atmosphäre der Paranoia

Der Oberst hat eine Journalistin zu sich nach Haus eingeladen, vor der er eine Art Beichte ablegen will. Doch sie möchte sein Geständnis zuerst nicht hören. Sie hat sich mit ihm verabredet, um Informationen über einen anderen Geheimdienstler zu bekommen, über den sie recherchiert. Dass sich ihr Interviewpartner auf einmal in die Brust wirft und erklärt, er wünsche sich sein eigenes Nürnberg, nervt sie nur. Erst als er durchblicken lässt, dass er was mit dem Tod ihres Vaters zu tun hat, beginnt sie, ihm zuzuhören.

Das Stück schildert den Verlauf des Gesprächs. Schon beim Lesen spürt man, dass der Autor vom Film kommt. Der Text wirkt wie ein Drehbuch. Das Interieur der Wohnung des Obersts wird bis ins kleinste Detail beschrieben – Kleinbürgermief mit bemalten Wandtellern und Jagdtrophäen, an den Türen sämtlicher Schränke hängen Vorhängeschlösser – eine Atmosphäre der Paranoia. Äußerlich passiert wenig, psychologisch sehr viel. Man kann sich die Großaufnahmen der Gesichter mitdenken.

Ein Tick zu theatralisch

In Schwedt wird diese Nähe durch die Gestaltung des Bühnenraums erreicht. Das Publikum sitzt auf zwei Seiten der Spielfläche, in der Mitte stehen zwei Sessel und ein Tisch, eine Kochnische und ein Sideboard stehen am Bühnenrand. Man kann die Akteure fast mit den Händen greifen.

Gespielt wird einen Tick zu theatralisch. Die Gesten sind zu groß, die Lautstärke zu laut – aber die Dynamik des Gesprächs teilt sich mit. Sebastian Reusse als Oberst zeigt mit seinen abgezirkelten Bewegungen das Zwanghafte der Figur, Adele Schlichter als junge Journalistin wirkt erst selbstsicher, dann zunehmend betroffen. Als ihr klar wird, wie viel ihr Gesprächspartner von ihr weiß – von ihrer gescheiterten Ehe und ihrer überstandenen Alkoholsucht – flackert Angst in ihre Augen und sie wird schroff.

Hochspannend – trotz Defiziten

Der Oberst erklärt ihr beiläufig, dass es gar nicht einfach sei, Fingernägel auszureißen. Im Übrigen hätte er ihre journalistische Karriere stets gefördert – zynisches Machtgehabe. Er führt das Gespräch, sie bäumt sich immer wieder auf, fängt an zu schreien und droht damit zu gehen. Am Ende scheint der Oberst seinen Willen zu bekommen. Die Journalistin schreibt einen Artikel über ihn und bringt mit einer Strafanzeige den Gerichtsprozess ins Rollen. Doch dann gibt es eine überraschende Wende …

Spielerisch hat die Inszenierung einige Defizite, aber sie ist trotzdem hochspannend. Viele Details über Geheimdienstpraktiken im ehemaligen Ostblock kommen ans Licht. Man erfährt viel über Polen und indirekt auch über die DDR. Sehenswert.

Oliver Kranz, rbbKultur

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