Staatstheater Cottbus Uraufführung WARTEN AUF STURM Schauspiel von Peter Thiers Szenenfoto mit: (im Vordergrund) Ariadne Pabst (Lara) und Boris Schwiebert (Winter); (rechts oben) Lisa Schützenberger (Winters Sohn) Foto: Marlies Kross
Marlies Kross
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Uraufführung am Staatstheater Cottbus - "Warten auf Sturm"

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Peter Thiers hat mit seinem tiefschwarzen Stück "Warten auf Sturm" den diesjährigen Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker gewonnen. Am Staatstheater Cottbus fand nun die Uraufführung statt. Der Regisseur Volker Metzler hat den Text gegen den Strich gebürstet.

Der Autor selbst bezeichnet sein Stück als Dystopie, "die sein könnte – oder bereits ist". Es geht um ein Bergwerk, in dem die Kumpel (im Text heißen sie Cleaner) brutal ausgebeutet werden. Doch auch über Tage geht es den Menschen schlecht. Das Land ist vertrocknet, Wasser muss aus mehr als 100 km Entfernung herbeigeschafft werden. Das lohnt sich nur, weil im Bergwerk Coltan gefördert wird. "Alles kommt vom Bergwerk her!" – ist die Losung, mit der die Cleaner zur Arbeit angefeuert werden. Das ist ein Propagandaspruch und zugleich eine tiefe Wahrheit. Spannend ist, dass niemand gegen die Ausbeutung aufbegehrt. Im Gegenteil: die Cleaner verehren den Bergwerksbesitzer Winter, weil er ihnen Arbeit gibt …

Sturm der Zerstörung

Im Zentrum der Handlung steht ein Besuch Winters im Bergwerk. Er hat seinen Sohn mitgebracht, den er darauf vorbereiten will, die Leitung zu übernehmen. Der Junge ist von der Solidarität der Cleaner begeistert, die ihm unter Tage begegnen. Er bleibt einige Wochen im Bergwerk, und als er erneut seinem Vater begegnet, tötet er ihn. Ein Sturm zieht auf. Starkregen und Explosionen zerstören das Bergwerk. Am Ende sammelt ein junges Mädchen die Überlebenden um sich, um einen Neuanfang zu versuchen. Doch sie tut das mit den Worten: „Ich bin Winter“ – was nichts Gutes erwarten lässt.

Staatstheater Cottbus Uraufführung WARTEN AUF STURM Schauspiel von Peter Thiers Szenenfoto Foto: Marlies Kross
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Das große Ganze bleibt auf der Strecke

In Volker Metzlers Inszenierung wird der düstere, sprachlich dichte Text zur Grundlage für ein Science-Fiction-Spektakel. Es gibt tolle Lichteffekte und viel Musik, wodurch die Aufführung unterhaltsam wirkt – doch es ist kaum noch zu erkennen, worum es eigentlich geht. Die schmutzige Bergwerksrealität wird komplett ausgeblendet. Auf der Bühne stehen Pavillons mit Milchglaswänden, die in immer neue Formationen geschoben werden können, und auch die Kostüme sind blütenweiß. Dass es um schwere Arbeit geht und um eine Art Klassentrennung zwischen den Menschen über und unter Tage, interessiert den Regisseur nicht. Die große Botschaft lässt er beiseite und inszeniert stattdessen, die kleineren Konflikte zwischen den einzelnen Figuren.

Lisa Schützenberger als Winters Sohn überzeugt

Der Kapitalist Winter trägt einen Cowboyhut, und als er ins Bergwerk kommt, ist die Musik aus "Spiel mir das Lied vom Tod" zu hören. Seinen Sohn, der ihm im Weg ist, stößt er mit dem Fuß zur Seite. Damit ist schon viel über ihn erzählt. Der Sohn wiederum tritt zunächst wie einer der Droogs aus "Clockwork Orange" auf. Er stößt mit einem bösen Lächeln den Rollstuhl um, in dem der Metallschmelzer Noon sitzt. Den alten Mann zu quälen, bereitet ihm sichtbar Vergnügen. Später im Bergwerk staunt er über die Solidarität der Cleaner, die sich in gefährlichen Situationen gegenseitig beistehen. Er wandelt sich und wird ein Stück weit zu einem besseren Menschen, bis er am Ende nach der Macht greift. Lisa Schützenberger, die die Figur spielt, zeigt diese Wandlungen sehr genau. Da ist bei aller Überhöhung auch Psychologie im Spiel. Diese Szenen können überzeugen, die Gruppenauftritte hingegen, bei denen der Chor der Cleaner, die Arbeitsbedingungen unter Tage beschreibt, rauschen vorbei. Volker Metzler findet einfach kein Bild dafür.

BERLINER ENSEMBLE/ "Mütter und Söhne" von Karen Breece, Regie: Karen Breece, Bühne: Eve V. Born, Kostüme: Teresa Vergho, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin; Foto: JR Berliner Ensemble
Bild: JR Berliner Ensemble/ "Mütter und Söhne"

Viele Fragen bleiben offen

Als am Ende der Sturm aufzieht und im Bergwerk die Schächte einstürzen, inszeniert er ein beeindruckendes Untergangschaos, aber auch da wird nicht klar, wo die Inszenierung hinwill. Eine Windmaschine bläst Nebelschwaden über die Bühne, ein paar Cleaner tragen eine Europafahne durch den Sturm, aber dieser Verweis aufs Hier und Jetzt, erzählt nichts, weil der Kontext verwaschen bleibt. Ein Vorarbeiter und Winters Sohn liefern sich ein Rededuell. Der erste versucht, die Cleaner zu überzeugen, vor dem Sturm zu fliehen, der andere will, dass sie bleiben, auch wenn es Opfer kostet. Lisa Schützenberger als Winters Sohn keift ins Mikrofon und versucht, die Emotionen aufzupeitschen – eigentlich ein starker Auftritt, doch dann folgt ein großes Kuddelmuddel und am Ende steht eine ganz andere Figur als Gewinnerin da – Lara, die Tochter des Metallschmelzers Noon. Volker Metzler lässt sie in einer Szene, die arrangiert ist, wie das biblische Abendmahl, Äpfel und Wasser an die Überlebenden des Sturms verteilen. Ist sie ein neuer Jesus oder wird sie in die Rolle des Oberkapitalisten Winter schlüpfen? Am Ende der Inszenierung bleiben viele Fragen offen.

Oliver Kranz, rbbKultur

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