Schaubühne Berlin: Amphitryon © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Schaubühne Berlin - "Amphitryon"

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Göttervater Jupiter legt sich das Äußere des Kriegshelden Amphitryon zu, um mit dessen Frau ungehindert ins Bett zu gehen. In der Version von Molière hat das viel Sprachwitz und führt die Allmachtsfantasien der herrschenden Klasse vor. Was macht Regisseur Herbert Fritsch an der Schaubühne daraus?

"Meine Tante Thermostat kocht vor Wut" – Kalauer, wie dieser, schräge Tanzeinagen, irrwitzige Gesänge à la Oper oder Pop, eine überaus opulente Kostümierung und vor allem die oft karikierenden Figuren-Interpretationen suggerieren Spaß, puren Spaß. Die Geschichte von Gott Jupiter und seinem Adlatus Merkur, die sich zwecks sexueller Lusterfüllung auf die Erde begeben, sich als Feldherr Amphitryon und dessen Diener Sosias ausgeben, scheint nichts als krachender Klamauk in stilistisch höchster Perfektion zu sein. Scheint. Denn: Regie geführt hat Herbert Fritsch. Und dem ist ja immer darum zu tun, den Schrecken hinter dem Witz zu beleuchten. Und das gelingt ihm wieder famos. Denn jede und jeder im wunderbar miteinander spielenden Ensemble hat zwei, drei Momente, in denen hinter der Maske des Lachens der pure Wahn von Charakteren sichtbar wird, die nicht mehr ein noch aus wissen. Tatsächlich ist ja auch schrecklich, was geschieht: Mächtige, die meinen, alle und alles bestimmen zu dürfen, rauben der Einzelnen und dem Einzelnen die Identität und damit die Menschlichkeit, agieren als Strippenzieher, die ihren Spaß daran haben, wenn Frauen und Männer nur noch hilflos zappeln können.

Schaubühne Berlin: Amphitryon © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Ein kraftvolles Plädoyer für die Würde des Einzelnen

Freilich: Man muss höllisch aufpassen, um das Hintergründige zu entdecken. Denn Fritsch haut nicht auf die Pauke. Er setzt auf Zwischentöne, auch Schweigen, das Erstaunen, dass im Rascheln eines Vorhangs aus Papier hörbar ist. Dazu wird schauspielerisch aufgetrumpft, ohne plump effektheischend auf die Tube zu drücken: Die Protagonisten, die oft anmuten wie kunstvoll arrangierte Scherenschnitt-Figuren, eilen in einem schier irrwitzigen Tempo durchs Geschehen. Dabei deklinieren sie sozusagen körperlich, mimisch und sprachlich das ABC des Menschseins durch. Was macht uns zu Human Beings? Der Abend zeigt deutlich: nichts als die inneren Werte, das Bewusstsein für diese und das daraus folgende Handeln. "Amphitryon" in der Deutung von Herbert Fritsch ist ein großes, kraftvolles Plädoyer für die Würde des Einzelnen, für ein respektvolles Miteinander, für Anständigkeit.

Schaubühne Berlin: Amphitryon © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Ein großes Vergnügen

Besondere Spannung lag vor dem Abend in der Luft, weil Joachim Meyerhoff nach Jahren in der Ferne nun wieder in Berlin spielt. Er ist als Sosias zu sehen, der Diener, der – durch Merkurs dunkles Zauberspiel sozusagen mit sich selbst konfrontiert – gleich zu Beginn aus der (Lebens-)Bahn gerät und unterzugehen droht. Meyerhoff als Star des Abends? Nein! Fritsch bietet keinen Budenzauber, bei dem mit der Wurst nach der Speckseite geworfen wird. Meyerhoff ist großartig, ja – und die anderen sind es auch. Sämtliche Mitwirkenden, hier seien die vorn, links und recht vor der Bühne spielenden zwei Musiker*innen nicht vergessen, finden zu einem kraftvollen Miteinander, heben durchweg gemeinsam in den siebten Himmel der Theaterkunst ab. Ein großes Vergnügen, weil das Vergnügen am Nachdenken über die Welt und die Rolle von uns Menschen in dieser Welt gestärkt wird. Was übrigens am Ende nicht zu befreiter Heiterkeit führt, sondern zu einem erschrockenen Innehalten.

Peter Claus, rbbKultur

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dpa/Evie Flylaktou/Athens Festival/EPA/_ANA-MPi

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Ute Langkafel/MAIFOTO

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