Sarah Thom/ Dancing at the Edge of the World; Foto:David Baltzer
David Baltzer
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Hebbel am Ufer, HAU1 - Ariel Efraim Ashbel and friends: "no apocalypse not now"

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Nichts Geringeres als den Weltuntergang nimmt der israelisch-deutsche Regisseur Ariel Efraim Ashbel mit seinem neuen Stück in den Blick. Wobei er sich jedoch auf kritische und ausgelassene und hoffnungsvolle Weise mit der Apokalypse beschäftigen will, heißt es jedenfalls in der Ankündigung zu "no apocalypse not now", "Keine Apokalypse, nicht jetzt". Am 9. Oktober war Deutschlandpremiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Reflexion und Revue – Analyse und varietéhafte Zuspitzung

Ariel Efraim Ashbel ist seinen Untergang der Welt mit einer Mixtur aus Performance, Konzert, Installation und leider unbedeutendem Tanz angegangen, mit einem Gebräu aus Reflexion und Revue. Sein Stück ist Analyse und Kritik von Weltuntergangs-Phantasien und zugleich hochprozentige varietéhafte Zuspitzung, als wolle er den rauschhaften Lustschmerz auskosten, den Apokalypse-Visionen auslösen können, die freudvolle Angst-Hysterie, wie man sie derzeit auch in Teilen der Fridays-for-Future-Bewegung oder bei den Aktivisten der Extinction-Rebellion-Bewegung finden könnte.

"The End" und "Get happy"

Ashbel spannt seinen Performance-Bogen über 90 Minuten zwischen zwei Songs in umgekehrter Chronologie: Abflug ist mit "The End" von den Doors und Landung mit einem "Get-Happy"-Lied – beides große Nummern, grandios live gesungen.
Wobei das Drama des Jim-Morrison-Songs mit seinen Anspielungen zu griechisch-römischer Antike und Christentum fast als Blaupause für den gesamten Abend gelten kann, für Inhalt, Szenerie und Spannungsverlauf– ein Faible für deftiges Orgiastisches kann man Ashbel jedenfalls gut unterstellen.

Feuer und Performance-Szenen-Schnipsel

Orgiastisches und Analyse wie Kritik – Ashbel reflektiert und lässt es krachen. Zum Song von den Doors ist der Eiserne Vorhang noch unten, der Saal ist in rotes Licht und Kunstnebel gehüllt, die Beschwörung des Untergangs wirkt gewaltig und erotisch. Als der Vorhang hochgeht, sind Flammen an Bauzäunen zu sehen, das Feuer, das sich selbst verzehrt, bildet das Wort "Light", "Licht" – züngelnde und vergehende Flammen in der Dunkelheit, ein starkes Bild.
Danach folgen jedoch nur Szenen-Schnipsel – die vier Performerinnen spielen auf der brach liegenden Bühne in einer Art verlassener Fabrikhalle jede für sich Situationen durch. Eine bastelt mit Ast und Holzstange herum, als würde sie ein Kreuz bauen wollen, während die anderen mit Neonröhren hantieren, Kerzen anzünden, als blinde Justitia auf einer Leiter stehen, im Babytragegurt ein riesiges Ei schützend liebkosen, als ekstatische Seherin herumlaufen, die vielen Teppichen herumwirbeln und in Kreischanfälle ausbrechen. Lauter Gehäckseltes, lauter unverbunden nebeneinander stehende Aktionen dieser Frauen, die Überlebende einer Katastrophe sein könnten oder die sich auf den Untergang vorbereiten, als wären sie Kassandra-Figuren, die das Ende voraussehen und sich lustschmerzvoll daran reiben.

Assoziationen zu Mythologie, Religion und Kunst

Das sind Assoziationen zu Mythologie und Religion, Kunstgeschichte und Popkultur, derart vielfach durchdacht und assoziationsüberladen, dass sie oft kaum noch entzifferbar und deutbar sind.
Hier verliert Ashbel den Zugriff, lässt seine Performerinnen einfach machen – Konzept, Ziel und Aussage der Szenen bleiben oft unverständlich, fügen sich nicht zu einem Ganzen, das ist ein Trunk ohne Rausch.
Ariel Efraim Ashbel will hier zwar aufzeigen, wie in der westlichen Welt seit der Antike Apokalypse-Ideen in Kunst und Religion wirksam waren und dargestellt wurden und in der Pop-, Film- und Kunstwelt von heute äußerst mächtig sind, aber was genau ihn an diesen Vernichtungs-Phantasien stört oder reizt, bleibt unklar.

Showgirls, Popsongs, Feuer, Taschenlampentanz

Die Revue hingegen, die gelingt ihm aufs Beste, da ist sein Zugriff als Regisseur auch wieder erkennbar.
Wenn er den Showgirls-Tanz aus Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now"- Film keck nachstellen lässt: die Szene im Dschungel, bevor die US-Soldaten die Showbühne stürmen – wenn er Popsongs melancholisch singen lässt, etwa "Final Countdown", einen der schlimmsten Songs aller Zeiten – wenn er wieder Feuer legt, diesmal frisst es sich beängstigend schön über den Boden – wenn er einen varietéhaften Taschenlampentanz inszeniert oder riesige schwarze runde Luftballons fliegen und hopsen lässt.

Hang zum Spektakel – Get Happy – Nicht-Gelingen

Wenn sein Hang zum Spektakel durchkommt, gelingen Ashbel faszinierende Bildwelten: etwa in der Lichtshow mit dutzenden Scheinwerfern, deren Licht vom Kunstnebel reflektiert wird, während krachender Industrial-Sound die Bühnenwelt zu etwas nicht-irdischem werden lässt. Am Ende singen sie den Get-Happy-Song, eine Mischung aus Gospel, Musical und Weihnachtslied – tatsächlich aufmunternd und hoffnungsfroh.

Reflexion und Revue finden letztlich nicht zueinander, ein Sich-Ergötzen an den Apokalypse-Vorstellungen gelingt Ariel Efraim Ahsbel auch dank seiner herausragenden Performerinnen – nachvollziehbare Kritik an Apokalypse-Ideen oder gar das Neu-Entstehen-Lassen einer anderen Welt, die nicht auf Untergangs-Ängste angewiesen ist, um sich verändern zu können, gelingen hingegen nicht.

Frank Schmid, rbbKultur

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