Boris Eifman Ballett: Der Pygmalion Effect © Mikhail Metzel/TASS/dpa
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Theater am Potsdamer Platz - "Der Pygmalion Effekt"

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Großes Ballett-Gastspiel in Berlin. Das Boris Eifman Ballett aus St. Petersburg ist mit zwei Choreografie zu Gast im Theater am Potsdamer Platz. Gestern Abend hatte der erste der beiden Ballett-Abende Europa-Premiere: "Der Pygmalion Effekt"

Pygmalion und "My Fair Lady"

Pygmalion ist eigentlich die antike griechische Geschichte vom Bildhauer, der sich in seine Statue verliebt. Boris Eifman ist nun jedoch an seinen Abend herangegangen, als hätte er sich den berühmten "My Fair Lady"-Film mit Audrey Hepburn zum Vorbild genommen, ohne allerdings an dessen Raffinesse heranzureichen oder gar an den schwarzen Humor von George Bernhard Shaws "Pygmalion"-Komödie, die Grundlage für den Film war.

In Armut lebendes Mädchen in der Glitzer-Glamour-Welt

Bei Eifman ist es keine Blumenverkäuferin, die Sprache und Benehmen der englischen Oberschicht lernen muss. Hier ist es ein in Armut lebendes Mädchen, das für seinen Vater Kunden für Pferdekutschfahrten anlockt. Dieses Mädchen Gala gerät in die Glitzer-Glamour-Welt der Ballsäle, der Tanzturniere, es gerät an den Startänzer Leo, den sie vor Gaunern rettet. Er nimmt sie bei sich auf und geht eine Wette mit seinem Tanzlehrer ein, dass er sie zur Tänzerin machen könne. Der Rest ist klar: sie wird brillant, die beiden gewinnen ein Turnier – nur mit der Liebe klappt es nicht, es gibt kein Happy End. Das ist also leicht abgewandelt die bekannte, hier sehr vorhersehbar erzählte Geschichte.

Boris Eifman Ballett: Der Pygmalion Effect © Mikhail Metzel/TASS/dpa
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Eigentlich bezaubernde Idee

Ein Mädchen lernt tanzen und wächst über sich hinaus - eigentlich eine bezaubernde Idee für einen Ballett-Abend. Allerdings erzählt Eifman diese Geschichte klischeehaft und in simplen Bildern. Und er verwechselt Komödie mit Revue.

Hier muss alles groß und strahlend sein. Die armen Leute tragen zwar leicht zerrissene Kostüme in gedeckten Farben, diese sind aber sehr schick und sie haben mit ihren fröhlichen Volksfest-Tänzen sehr viel Spaß - man versteht gar nicht, warum Gala da weg will. Die Gegenwelt der Tanzturniere in den Ballsälen ist grell edelstein-funkelnd und völlig dekadent, Leo und die anderen Tänzerinnen und Tänzer sind blasiert und arrogant – man versteht gar nicht, warum Gala dahin will.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Gala und Leo bleibt behauptet, wird motivisch nicht überzeugend erzählt, zumal für Leo am Ende dann doch die Klassenschranken zählen - er kann Galas Herkunft nicht vergessen.

Geschichte trägt nicht – Figuren fast Karikaturen

Eifmans Inszenierung der Geschichte trägt nicht und die Figuren sind holzschnittartig, fast Karikaturen. Im Komödien-Eifer hat Eifman sie in Herumstolzieren und Dauergrimassieren so stark überzeichnet, das sie eher grotesk wirken.

Auf der tänzerischen Ebene kann Eifman keinen Boden wieder gut machen und das überrascht bei seiner eigentlichen Qualität. Der Tanz ist mit seinem Gewusel, Gespreize, Gehopse und Gefuchtel nah dran an Musical und Varieté, in den Turniertanz-Szenen sieht man Standard-Tanz, v.a. Tango zu Showtanz aufgepimpt.

Zudem hat Eifman das Problem, dass er fast ausschließlich Musik von Johann Strauß Sohn verwendet: Polka, Operette, Walzer und Schnellpolka. Der Tanz steht durchweg unter Hochdruck im Höchsttempo, das ist ein Showtanz auf Speed, bei dem ständig die Arme und Beine irgendwohin geworfen werden – sehr seltsam das Ganze.

Die Solisten zu bedauern

Die beiden Solisten sind bei alldem eigentlich zu bedauern, beide können sichtbar mehr. Oleg Gabyshev muss einen Gockel geben und Lyubov Andreyeva muss sich in eine sehr simple Figuren-Psychologie fügen. Sie ist erst grobschlächtig-breitbeinig Staksende, muss erst mit krummem Rücken, hängenden Schultern und hängendem Kopf watscheln, muss dann im Tanztraining zur mechanischen Puppe und am Ende zur zuckersüß lächelnden Startänzerin und furchtbar traurig-enttäuschten Liebenden werden.

Boris Eifman © Mikhail Metzel/TASS/dpa
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Am Versuch der Komödie gescheitert

Am Versuch der Komödie ist Eifman gescheitert, alles wirkt überdreht und aufgesetzt, es gibt keine Zwischentöne, keine gut gesetzten Pointen, keinen Witz. Er wollte vermutlich feurig-lustige Leidenschaft ist aber bei einer preziösen Schmonzette rausgekommen. Alles, was hier möglich gewesen wäre: von der eigentlich grausamen Zurichtung eines Menschen zu erzählen, von arm und reich oder vom Wesen der Kunst oder von der Faszination des Tanzes – all das gibt es hier nicht, ein sehr befremdlicher Abend.

Frank Schmid, rbbKultur

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