Don Quijote von Jakob Nolte nach Miguel de Cervantes , Regie: Jan Bosse
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Don Quijote"

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Sein Kampf gegen Windmühlen ist zum geflügelten Wort geworden – aber Don Quijote von der Mancha, sein Pferd Rosinante und sein treuer Gefährte Sancho Panza haben noch viele andere Abenteuer erlebt. Über 1500 Seiten dick ist Cervantes' Zweiteiler vom selbsternannten Ritter und seiner überbordenden Fantasie. Am Deutschen Theater (in Kooperation mit den Bregenzer Festspielen) ist der figurenreiche Klassiker nun mit nur zwei Schauspielern über die Bühne gegangen.

Natürlich fallen bei einer zweieinhalbstündigen Inszenierung drei Viertel des Romans weg. In der Fassung von Jakob Nolte sind fast nur noch Schlüsselmomente enthalten: der Kampf gegen Windmühlen, die Don Quijote für Riesen hält, die Schlacht gegen die staubumwölkten Schafe, in denen er feindliche Heere aufziehen sieht.

Wenn Realität anders gedacht und verhandelt wird

Es ist die Erzählung eines Menschen, der sich die Welt durch sein Vorstellungsvermögen zurecht träumt, sich zum Ritter für Wahrheit und Gerechtigkeit macht. Das Theater selbst ist an für sich eine einzige Don-Quijoterie: Ein Mensch gibt sich auf der Bühne als König aus – und wird zum König. Nicht aus purem Vergnügen, sondern als Gegengewicht zur Wirklichkeit. Das, was hier imaginiert wird, kann Realität anders denken und verhandeln.

Die Taten Quijotes bleiben harm- und reibungslos

Die Entscheidung, das Mammutwerk mit nur zwei Schauspielern zu inszenieren, ist theoretisch konsequent gedacht vom Regisseur Jan Bosse: Will man Don Quijote als jemanden zeigen, der seine eigene Welt erschafft, braucht er dafür höchstens einen Freund, der ihn bestätigt. Der große Nachteil: Die Wirklichkeit bleibt ausgesperrt. Eine Reibung mit der Realität wie im Roman ist unmöglich, es gibt nur den Kopfinnenraum. Dadurch bleiben die Taten Quijotes seltsam harmlos.

Don Quijote als Fake-News-Narzisst

Der Roman gehört auch deshalb zur Weltliteratur, weil er unsere Utopie-Geschichte geprägt hat. Sprechen wir heute von jemandem, der gegen Windmühlen kämpft, kann das einen Menschen meinen, der sich irr und naiv einem aussichtslosen Kampf opfert – oder einen widerständigen Utopisten, einen Rebell, der die Welt verändern will. Hinzugekommen ist Don Quijote der Fake-News-Narzisst: "Egal, welche Fakten ihr liefert, ich baue mir meine eigene Welt."

"Don Quijote"
Bild: Arno Declair

Gemeinsam einsam

Ulrich Matthes gibt den Quijote nun als leisen, zarten, traurigen Träumer, ganz nach dessen Beinamen "Der Ritter von der traurigen Gestalt". Mit blumenbekränztem Aluhelm und langem, fahlem Bart wirkt er wie ein Greis. Ihn umschwebt eine Melancholie, ein einsames aus der Welt gefallen sein. Dieser Quijote hat nichts Kämpferisches – es ist keiner, der gegen Windmühlen anrennt.
Wolfram Koch als Sancho Panza läuft als fleischgewordene Comicfigur nebenher – mit hautenger Jeans über der dicken Kissenwampe, Lederweste und Cowboyhut. Er liefert als Quijotes Gegenstück kleine Slapsticknummern ab – etwa, wenn er beim Wort "Nachtlager" jedes Mal wie ohnmächtig bäuchlings auf die Bühne kippt.

Im zweiten Teil spürt man dann jedenfalls die Fürsorge der beiden Einsamen zueinander – vor allem, wenn Sancho Panza Quijote an der Hand nach Hause führt, wo er in Sanchos Armen stirbt.

Es fehlt an szenischer Schärfe

Auf der Bühne dazu: viel Nebel, Dunkelheit, Leere. Nur ein großer Container, der mal als Schänke fungiert, mal als Höhle. Jan Bosse will nichts illustrieren, auch nichts vordergründig aktualisieren, alles soll in der Vorstellung des Zuschauers passieren. Er will auf die Kraft seiner Schauspieler setzen. Das leuchtet ein – doch es fehlt diesem Abend schlicht die Power, die szenische Schärfe, das Zauberspiel der Imagination.

Beim Kampf gegen die berühmten Windmühlen fuchtelt Matthes mit einer meterlangen Lanze über den Köpfen der Zuschauer herum, die Schemen eines Windrads werden kurz projiziert – das war’s. Keine zwei Minuten dauert das kleine Intermezzo und zeigt nichts vom Furor, mit dem hier eigentlich gegen die Realität angerannt wird.

Zu wenig Dringlichkeit

Ein Regisseur soll nicht bebildern – doch es braucht bei so wenig Sinnlichkeit zumindest Schauspieler, die mit einer Spielwut am Werk sind, dass im Kopf Welten entstehen. Das gelingt den beiden fast routiniert wirkenden Spielern zu selten.

Das große Gedankengebäude zwischen Schwerkraft der Realität und Fliehkraft der Fantasie bekommt keine Dringlichkeit. Wofür kämpft dieser Don Quijote, wofür steht er – wenn nicht nur für seine private, traurige Fantasiewelt? Ein matter, dröger zu gediegener Abend.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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