Szene aus: Don't be evil
Volksbühne / Julian Röder
Bild: Volksbühne / Julian Röder

Volksbühne Berlin - "Don’t be evil"

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"Don’t be evil" – "Sei nicht böse", so lautete bis 2018 das inoffizielle Unternehmensmotto des Internetgiganten Google. "Don’t be evil" heißt auch die neue Inszenierung von Regisseur Kay Voges – ein Abgesang auf die digitalen Medien des einstigen Netz-Enthusiasten.  

Ein Schulmädchen mit Röckchen und Zöpfen steht mitten im blinkenden Würfel mit tausenden aufflammenden Newsbildchen und wird irre angesichts der Kriegsfronten auf den unterschiedlichen Plattformen der Sozialen Medien: "8chan steht für freie Meinungsäußerung, aber ist laut den Medien voller gewaltbereiter Nazis, aber Reddit steht auch für freie Meinungsäußerung, aber ist laut den Medien nicht voller gewaltbereiter Nazis. Aber auf Reddit sind trotzdem die Incels und Identitären aktiv, hää?"

Lächerliche Splitter aus dem Netz

Ja, das Internet – es ist undurchschaubar. Und es ist bevölkert von Trollen, Hatern und Narzissten, die im besten Fall nur über Rucola und veganes Essen lästern – oder aber über Greta Thunberg:

Im flimmernden Kubus treten die acht Schauspielerinnen und -spieler nach vorn, sie geben Witzfiguren in Wollsocken und Pantoffeln oder in Cowboy-Montur, die von der Kamera mehrfach an die Würfelseiten projiziert werden. Ein noch so großer Kulturpessimist hätte kaum lächerlichere Splitter aus dem Netz fischen können.

Im Dienste der Gedankenfreiheit

Das pseudo-coole Teenagerpärchen, das in vielen Videos wie Bonnie und Clyde vor der Polizei flieht, kriegt umso mehr Zuschauer, Likes und Herzchen, je radikaler es herumballert. Und auch Narziss darf nicht fehlen, der sich in einem Boden spiegelt, der so schwarz glänzt wie ein Smartphone-Display.

Zwischendurch Zitat-Fetzen von Thomas Mann, Franz Kafka, Gilles Deleuze und Slavoj Zizek.

Am Anfang wird Brechts Radiotheorie zitiert, in der er sich den Rundfunk als ein interaktives Medium gewünscht hat – und so die Möglichkeiten des Internets vorausdachte. Mit einem aufgezeichneten Hippie-Party-Exzess wird dann die einstige Utopie des partizipativen Mediums ad absurdum geführt, das im Dienste der Gedankenfreiheit stehen sollte.

Einrennen sperrangelweit offener Türen

Die Internet-Euphorie der 2000er Jahre ist hier wie weggeblasen. Dass der Netz-Enthusiast Kay Voges, der die digitalen Möglichkeiten bislang spielerisch für die Bühne auslotete, jetzt zu so einer düsteren Bestandsaufnahme kommt, ist in der Tat bemerkenswert. Dass die virtuelle Welt kein von Toleranz geprägter Kuschelort ist, dürfte allerdings hinlänglich bekannt sein.

Dieses Einrennen sperrangelweit offener Türen wäre auszuhalten, würden wir als Zuschauer bei unserem Netz-Verhalten gepackt, würde der Abend ein kleines bisschen weh tun, würden wir uns an irgendeiner Stelle für diese digitale Jauchegrube mitverantwortlich fühlen. Doch von Ursachenforschung oder Bewältigungsstrategien keine Spur.

So erkenntnisreich wie zwei Stunden Youtube-Surfing

Kaum ein Zuschauer wird wissen, dass die Bonnie-und-Clyde-Clips auf die Biografie russischer Teenager zurückgehen, die sich 2016 am Ende der Verfolgungsjagd mit der Polizei tatsächlich umbrachten. Voges dient der Fall lediglich als Lachnummer.  

Darüberhinaus wird man von harten Sounds und Videobildern bombardiert und blickt auf Karikaturen in Einhorn-, Frosch- oder Cowboykostümen, die höchstens zum Schenkelklopfen dienen.

Das macht den Abend so erkenntnisreich wie zwei Stunden Youtube-Surfing. Man kann nur abschalten.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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