Glaube Liebe Hoffnung Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern von Ödön von Horváth und Lukas Kristl Co-Regie: Jürgen Kruse Bühne: Bernd Damovsky Kostüme: Sophie Leypold Licht: Thomas Langguth Dramaturgie: Juliane Koepp, Franziska Trinkaus Auf dem Bild: Frank Büttner, Julia Boxheimer, Linda Pöppel
Arno Declair
Bild: Arno Declair Download (mp3, 13 MB)

Deutsches Theater - "Glaube Liebe Hoffnung"

Bewertung:

Kaum ein Theater, das momentan ohne Ödön von Horváth auskommt: Seine zeitkritischen Volksstücke aus den 1930er Jahren, im blühenden Faschismus, wirken immer noch beängstigend aktuell. Aber auch seine Sozialdramen erzählen einiges darüber, wie Menschen im Kapitalismus und der Wirtschaftskrise vor die Hunde gehen und der Einzelne in der Masse zerrieben wird.

In "Glaube Liebe Hoffnung" zeichnet Horváth den realen Fall einer jungen Frau nach, die von Bürokratie und Gesellschaft zu Fall gebracht wird. Auch mit diesem Stück kann man die heutige Welt porträtieren. Der Regisseur Jürgen Kruse ist aber wohl der Letzte, der mit tagesaktuellen Texteinschüben den Stoff in die Gegenwart holen würde. Der Realitätsabgleich mit der sozialpolitischen Lage interessiert ihn nicht.

Allzu zeitlose Inszenierung

Kruse ist ein Melancholiker, der stets irgendwo zwischen ironischer Coolness, schrecklichen Kalauern und überschäumender Emotion inszeniert. Der seine Plattensammlung über jeder Inszenierung auskippt und noch einige Flohmarktkisten mit altem Plunder dazu. Ein Weltgeschmerzter, den man sich mit Whiskyglas hinter der Bühne vorstellen mag, wie er in Einsamkeit oder mit seiner Theater-Crew über die Abgründe des Lebens sinniert. Immer lässt er sich, sympathisches Understatement und Hinweis auf die Team-Arbeit, als "Co-Regisseur" im Programmheft anführen. Seit gefühlt hundert Jahren hat er eine unverkennbare Art zu inszenieren – ein Blick auf die Bühne genügt. Von aktuellen Diskursen, Moden lässt er sich nicht beeindrucken.

Zwischen "Wolfahrtsamt" und "Anatomisches Institut"

Bei "Glaube Liebe Hoffnung" inszeniert er den "kleinen Totentanz", den Horváth im Untertitel nennt. Die übervolle Bühne, diesmal von Bernd Damovsky, erinnert an eine Gruft, eine Geisterbahn, ein Zwischenreich. An die schwarzen Wände sind weiße Skelette gemalt, von der Decke hängen Kerzen, schwarze und weiße Engel schreiten umher, Friedhofsskulpturen stehen starr. In der Mitte eine Litfaßsäule mit einem "Körperwelten"-Plakat. An den Seiten zwei Türen, eine mit der Aufschrift "Wohlfahrtsamt", die andere mit "Anatomisches Institut" – dort will die Protagonistin Elisabeth zu Lebzeiten ihre Leiche verkaufen, um an Geld für ihre Selbstständigkeit zu kommen. Zwischen den beiden Türen bewegt sich ihr Leben.  

Skurrile Traumwesen und kuriose Figuren

Aus dem Anatomischen Institut treten die kuriosesten Figuren: Jürgen Huth trägt als Präparator bunte Federn auf dem Kopf und pustet Seifenblasen in die Luft, Vizepräparator Bernd Stempel übergießt sich mit Kunstblut. Elisabeth, gespielt von Linda Pöppel, taucht als fast südländisch wirkende Schönheit in schwarz-rot auf – kurioserweise mit unterschiedlichen Schuhen an den Füßen. Später spucken die skurrilen Traumwesen dutzendweise Zähne und ziehen Geldschein um Geldschein aus der Tasche, als geistere die existenzvernichtende Armut in einer anderen Welt umher. Dazu eine überflutende Geräuschkulisse aus dunklem Vogelschnattern, Telefonschrillen, Rezeptionsklingeln und Songs von den Rolling Stones über die Glitter Band bis hin zu uralten deutschen Schlagern.

Glaube Liebe Hoffnung – Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern von Ödön von Horváth und Lukas Kristl, Foto: Arno Declair
Bild: Arno Declair

Dekonstruierte alberne Sprache

Kruse lässt keine psychologische, sozialrealistische Geschichte erzählen, sondern baut eine riesige Distanz zu den Figuren über ihr Sprechen auf – gerade das wird dem Abend zum größten Problem. Kein einziger Satz darf so klingen, wie man ihn normalerweise spricht, jede Betonung, jeder Sinnzusammenhang wird dekonstruiert.  Manchmal ist das pure Verfremdung: "Es rentiert sich nicht" wird zu "Es Rentier-t sich nicht". Die "Hoffnungslosigkeit" wird zur "HoffnungslosICHkeit". Daneben stehen die haarsträubenden Kalauer: "Grappa-zitäten" statt "Kapazitäten", "Zur Sachertorte" statt "zur Sache". Und das gepaart mit Pausen, Dehnungen, sodass eine alberne Kunstsprache entsteht, die dreimal so viel Sprechzeit benötigt und die auf die Dauer von zweieinhalb Stunden tödlich ermüdend wirkt.

Zwischen Ermüdung und Enervierung

Eine Konstruktion, mit der Kruse die Sprache vermutlich anders hörbar machen, ihre Bilder und ihre falschen Töne entlarven möchte. Oft erinnert das an Brecht. Trotzdem schwankt man die meiste Zeit zwischen Ermüdung und Enervierung, Horváths eigene Kunstsprache geht dabei völlig verloren.

Melancholiker Kruse dringt durch

Das verändert sich erst, als Elisabeth ihren Polizisten Alfons kennenlernt, der sie später aus Karrieregründen verlassen wird. Wenn Linda Pöppel und Manuel Harder dieses Paar spielen, mit einer Verliebtheit, die sie vielleicht noch vor dem Abgrund zu retten vermag, dann dringt schließlich doch noch der Melancholiker Kruse durch. Und auch am Ende, als Elisabeth halbtot aus dem Fluss gefischt wird und alle Figuren nur halb interessiert und mit ihren eigenen Narzissmen beschäftigt um sie herum stehen, wird man hineingezogen in die Eiseskälte dieser Welt.

Lebendig-emotionales Finale

In der letzten halben Stunde dieses düsteren Abends wird Kruses Totentanz dann also doch noch lebendig-emotional, überbordend albtraumhaft. Über die beiden leerlaufenden, enervierenden Stunden zuvor können diese letzten Szenen allerdings nur bedingt hinwegtrösten.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Zu der Zeit der Königinmutter von Fiston Mwanza Mujila | Regie: Charlotte Sprenger © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater | Box - "Zu der Zeit der Königinmutter"

Vor fünf Jahren hat der kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila seinen ersten Roman veröffentlicht – und landete damit auf der Longlist für den Man-Booker-International-Prize. "Tram 83" spielt in einer Bar, in der gesoffen, Musik gemacht, geprügelt und gevögelt wird. Eine rohe, gewalttätige, pulsierende Welt. Mujilas Theaterstück "Zu der Zeit der Königinmutter" spielt nun wieder in einer Bar, irgendwo im Nirgendwo. Am Deutschen Theater Berlin ist es zum ersten Mal in Deutschland inszeniert worden.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Gerrit Jansen, Stefanie Reinsperger, Barbara Schnitzler, Andreas Döhler (Quelle: Matthias Horn)
Matthias Horn

Berliner Ensemble - "Glaube und Heimat"

Glaubenskrieg – da mag man an den Islamischen Staat und den Völkermord an den Jesiden denken, an die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten oder an die verfolgten Uiguren in China. Doch auch mitten in Europa, in Österreich, wurden noch im 19. Jahrhundert Protestanten vertrieben oder getötet, wenn sie nicht zum Katholizismus übertreten wollten.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: