Gorki: Futureland, hier: Ahmad Azrati, Fabiya Bhuiyan, Bashar Kanan, May Saada, Sagal Odowa, Sarah Safi, Mohamed Haj Younis, Mamadou Allou Diallo; © Ute Langkafel/Maifoto
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Gorki Theater - "Futureland"

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Diese Jugendlichen kommen aus Ländern, in denen Krieg herrscht. Was sie dazu bringt, alleine die Heimat zu verlassen und was es bedeutet, sich in Europa ständig beweisen zu müssen, um bleiben zu können – davon erzählt "Futureland".

Gorki: Futureland, hier: Ahmad Azrati; © Ute Langkafel/Maifoto
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In Deutschland leben zurzeit über 40.000 Jugendliche, die ohne ihre Familie aus einem anderen Land geflohen sind, sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Um ihr Leben zu retten, auf der Suche nach einer besseren Zukunft, haben sie ihre Heimat und ihre Familie verlassen und sich auf die gefährliche Reise um die halbe Welt gemacht.

Die argentinische Dokumentar-Theatermacherin Lola Arias hat am Maxim Gorki Theater ein Stück mit acht Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren erarbeitet, die ohne ihre Eltern aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Guinea und Bangladesch gekommen sind.

In der Beschreibung heißt es, "Futureland" sei ein Science-Fiction-Doku-Theaterstück. Doch die Jugendlichen erzählen auf der Bühne nicht von einer zukünftigen Welt, sondern von ihrem Leben hier und heute in Berlin. "Futureland" meint dabei das Land, in dem sie sich ihre Zukunft vorstellen: Deutschland.

Sinnbild der Verlorenheit

Auf der Bühne des Gorki-Containers, der neuen kleinen Ausweichspielstätte des Theaters, steht eine zweite kleinere Bühne. Auf deren Vorhang werden animierte Computerspielbilder projiziert. Wir fliegen durch eine virtuelle Stadt mit Hochhäusern und einem futuristischen Fernsehturm als sei es das Berlin der Zukunft.

Die acht Spielerinnen und Spieler, die real auf der Bühne stehen, müssen sich beinahe wie Außerirdische auf diesem fremden Planeten zurechtfinden. Aus den bewegten Bildern sprechen nur Avatare mit automatisierter Roboterstimme zu ihnen und stellen Aufgaben. Der Deutschlehrer fragt Vokabeln ab. Die Anhörung bei der Migrationsbehörde gleicht einer komplizierten Prüfung, bei der es nie eine "sichere" Antwort geben kann. Die Sozialarbeiter, Übersetzer, Vormünder verlangen Pässe und Dokumente.

Es ist das Sinnbild der Verlorenheit: Die einzigen Mitmenschen aus Fleisch und Blut bleiben die gleichaltrigen Geflüchteten – die Erwachsenen sind nichts als fordernde Roboter.

Gorki: Futureland, hier: Bashar Kanan, Mamadou Allou Diallo, Sarah Safi, Sagal Odowa, May Saada, Fabiya Bhuiyan, Ahmad Azrati; © Ute Langkafel/Maifoto
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Beängstigende Unsicherheit

Die Jugendlichen erzählen sowohl aus ihrem Leben in "Futureland" als auch, wie nebenbei, aus ihrer Vergangenheit. Sie beschreiben die ersten Schultage in der Fremde, die ersten deutschen Worte. Wie ihre Knochen vermessen wurden, um ihr Alter zu überprüfen. Wie sehr sie sich fürchten, erwachsen zu werden – nur vor dem 18. Lebensjahr sind sie schließlich sicher vor Abschiebung. Und danach? Beängstigende Unsicherheit.

Wenn die Mitspieler Befragungen bei den Behörden nachstellen, kleine Szenen spielen, singen und tanzen, erfährt man langsam mehr über ihre Familie, die Fluchtursachen. Der Vater von Ahmad aus Kundus etwa ist erschossen worden, als Ahmad sechs Jahre alt war. Danach hat ihn seine Mutter aus Angst vor dem Krieg nicht mehr in die Schule gelassen. Später ist auch sie gestorben und Ahmad machte sich mit zwölf Jahren über Iran, Türkei, Griechenland auf den Weg – irgendwohin. Zu Fuß, mit dem Bus, dem Schlauchboot.

Mohamed dagegen ist Kurde und kommt aus dem Gebiet in Nordsyrien, das Trump gerade von Erdogan überrennen lässt. Er war erst elf bei seiner Flucht und versucht seit Jahren, seine Familie nachzuholen.

Sagal floh mit 12 mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus Somalia, wo ihr Vater von der Al-Shabaab-Miliz gefoltert wurde und starb. In Ägypten saßen sie acht Monate im Gefängnis, Sagal konnte nur alleine weitergehen. Auf der Bühne stellt die Gruppe eine Geburtstagsparty nach, mit Kerzen, Kuchen und Konfetti. Sagal erzählt, wie sie an ihrem 18. Geburtstag allein in ihrem WG-Zimmer saß und weinte – weil sie es nicht geschafft hat, ihre Familie nachzuholen. Mit ihrer Volljährigkeit ist das aussichtslos geworden.

Ein nachhaltiger Abend

Die bürokratischen Hürden, die selbst diesen Jugendlichen auferlegt werden, sind brutal. Doch es ist gleichermaßen bewegend, lehrreich, spannend, aufreibend, wie sportlich und erwachsen sie die Hürden nehmen. Nicht, dass man über all diese Umstände vorher nichts gewusst hatte. Wenn diese zarten Jungs und Mädchen allerdings ohne Pathos, ohne große Worte, erzählen, wie sie sich auf der Flucht verletzt haben oder fast ertrunken wären, kommt einem das emotional ganz anders nah.

Bei aller beeindruckenden Computerspielästhetik stehen die Menschen an diesem Abend zum Glück deutlich im Vordergrund. Lola Arias versteht es, die Geschichten der Jugendlichen nie voyeuristisch auszuschlachten, die Geflüchteten nicht zum bloßen Mittel eines sozialpolitischen Projekts zu machen.

Inzwischen überlegt die schon seit Monaten bestehende Jugendlichen-Gruppe, wie die Zusammenarbeit weitergehen könnte. Es ist ein nachhaltiger Abend, der den Zuschauern so viel gibt wie den Mitspielern.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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