Hans Otto Theater: Cabaret © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "Cabaret"

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In Berlin, im TIPI am Kanzleramt, läuft das Musical "Cabaret" seit Jahren erfolgreich, derzeit ist es an -x Theatern in Deutschland neu auf den Spielplänen zu finden, nun auch in Potsdam am Hans Otto Theater.

Überraschung in Potsdam: Dem Hans Otto Theater gelingt mit dieser Inszenierung Verblüffendes, nämlich der Beweis, dass man aus einem sehr intelligenten, politisch ambitionierten vor Esprit und Erotik nur so flirrenden und dem Publik viele Erkenntnisse anbietenden Welt-Hit einen Rumms-Bumms-Schrumms machen kann, der anmutet, als habe sich ein hinterwäldlerisches Amateurtheater, trunken vor Selbstverliebtheit, zusammengefunden, um mal ein bisschen "Muschiekäll" zu machen.

Da ist ja die Geschichte von Cliff, einem jungen US-amerikanischen Schriftsteller, der zum Jahreswechsel 1929/ 30 nach Berlin kommt. Er beobachtet das Heraufziehen des Faschismus'; er verliebt sich in den Cabaret-Star Sally Bowles; er muss miterleben, wie die Beziehung von Frl. Schneider, seiner Pensionswirtin, und ihres jüdischen Verehrers, Herrn Schulz, dem Obsthändler, wie diese schöne zarte Liebe wegen des drohenden politischen Terrors scheitert. Und das alles wird in Potsdam ohne jedes Gespür für Atmosphäre abgespult, wird in viel zu vielen groben Albernheiten ertränkt, und gelegentlich ist das sogar fahrlässig, nämlich dann, wenn's politisch wird.

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Nummernrevue und Kammerspiel

Regisseur Bernd Mottl hat in einem Bühnenbild, in dem Verruchtheit, Großstadt-Flair, Nachtklub-Atmosphäre nicht zu entdecken sind, auf der einen Seite nicht mehr zu bieten als eine Nummernrevue: Da wird Song für Song abgespielt von, einem kleinen Orchester viel zu laut und undifferenziert begleitet; es wird viel zu glatt gesungen; es ist brav; es ist kunsthandwerklich - und das alles ohne Herz, ohne Seele. Andererseits wird wiederum die Handlung, vor allem die um Frl. Schneider und Herrn Schulz, kammerspielartig durchexerziert.

Das hat dann immerhin momentweise Spannung und Kraft, insbesondere dann, wenn Kristin Muthwill als Frl. Schneider und Andreas Spaniol als Herr Schulz entgegen dem sonstigen Inszenierungsstil wirklich feinsinnig auf der Bühne agieren – was Maria-Danaé Bansen als Sally Bowles und Philipp Mauritz im Part des Entertainers, des Conférenciers, nicht ermöglicht worden ist, die muten an wie Marionetten des Showgeschäfts, die schmettern, die drücken auf die Tube, die hauen auf die Pauke. Alles, was da an Hintergründigem in der Vorlage drin ist, wird in groben Effekten ertränkt.

Hans Otto Theater: Cabaret © Thomas M. Jauk
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Nett ist’s, mehr nicht

Vor allem am Umgang mit einem Song, wird deutlich, dass der Abend eben auch politisch fahrlässig ist: "Tomorrow belongs to me" heißt er im Original, "Der morgige Tag ist mein". Das ist die Hymne der Nazis im Musical. Und da sitzt dann in der Pause tatsächlich einer der Mitwirkenden am Flügel und spielt dieses Stück mal jazzig, mal mit sattem Konzert-Sound, schön schmissig zum Mitklatschen. Das ist schick, das ist schnieke, was denn auch den Jubel einiger Besucher und Beifall bekam.

Aber: bei diesem Song soll einem das Gruseln kommen, da muss man eine Gänsehaut kriegen. Denn er gemahnt daran, wie die Nazis Mord und Terror mit verkitschtem und verlogenem Pseudo-Heimat-Schwulst verbrämt haben. Und das als Party-Hit in der Pause?! Das ist geschmacklos, und das ist auch instinktlos. Das steht, ich drücke mich ganz vorsichtig aus, nehme mich sehr zurück, für eine gewisse Naivität im Umgang mit "Cabaret".

Und dann ist da auch das Finale: Ganz am Schluss steppt Sally Bowles in Potsdam, nachdem sie ihren wichtigsten Song, "Life is a Cabaret", abgespult hat. Um sie herum ist der Rest des Ensembles, fast alle nun in heutigen Alltagsklamotten. Das soll wohl darauf hindeuten, und das überdeutlich, wie aktuell "Cabaret" ist. Aber das wirkt nur angeschafft und, nochmal der Begriff, naiv. Das hätte die Inszenierung vorher beweisen müssen. Es ist bekannt: Shakespeare, wenn der gut gespielt wird, ist heutig. Da muss man nichts dazuklatschen. Und das ist auch bei "Cabaret" so. – Wenn Sally Bowles am Ende steppt, dann muss ihr Klackern einen mörderischen Ton bekommen. In Potsdam ist es leiden einfach nur nett.

Peter Claus, rbbKultur

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