"Philoktet", Regie: Amir Reza Koohestani © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Philoktet"

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Gut 50 Jahre ist es her, dass Heiner Müllers Stück "Philoktet" uraufgeführt wurde – in München, denn in der DDR wollte man den stalinismuskritischen Text erst mal nicht haben. Es brachte dem DDR-Schriftsteller Müller den Durchbruch im Westen. Am Deutschen Theater hat der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani das eher selten gespielte Stück jetzt inszeniert.

Man kann es in verschiedene Richtungen lesen – die gängigste Interpretation ist die des Antikriegsstücks, allerdings ohne klare moralische Lehre. Hier gibt es keine richtigen und falschen Haltungen, sondern nur unterschiedliche Taktiken, um ans Ziel zu gelangen. Müller hat den Philoktet-Stoff nach Sophokles umgearbeitet, zu einem düsteren, fatalistischen Stück in Blankversen, ohne Götter, ohne Himmel, die Welt ist ein einziges Morden – ohne Ausweg.

Die Fragen nach den Prinzipien politischen Handelns sind durchaus aktuell

Ein Stück über Ideologie, Macht, Lüge, Rache, bei dem Prinzipien politischen Handelns ausgestellt werden. Es gibt den pragmatischen Funktionär, den Moralisten und den gebrochenen Kämpfer, der zum Kriegsdienstverweigerer wird. Wie viel muss der Einzelne opfern für den Dienst an der größeren Sache? Wie sehr heiligt der Zweck die Mittel der Kriegsführer? Durchaus aktuelle Fragen.

Ungewürdigte Aufopferung

Philoktet ist ein großer Bogenschütze der Griechen im Kampf gegen die Troer. Er hat sich für seine Kameraden geopfert, indem er sich von einer Schlange hat beißen lassen, die den Weg zum Opferaltar versperrt hat. Die Wunde hat derart geeitert und gestunken, Philoktets Schmerzensschreie waren so unaushaltbar, dass der Anführer Odysseus Philoktet auf einer einsamen Insel ausgesetzt hat.

Zwischen Mitgefühl und Pflichtgefühl

Zehn Jahre später, hier setzt die Handlung des Stücks ein, kehrt Odysseus zurück, weil er Philoktet und seine Waffen für die entscheidende Schlacht gegen Troja braucht. Mitgebracht hat er den Idealisten Neoptolemos, der Philoktet mit einer Lüge entwaffnen soll. Neoptolemos ist jedoch selbst von Odysseus betrogen worden und schwankt zwischen Mitgefühl für Philoktet und dem Pflichtgefühl den eigenen Truppen gegenüber. Am Ende tötet er Philoktet hinterrücks. Odysseus, der Chefstratege und Taktiker, findet sofort einen Dreh, wie man diesen Mord den Troern in die Schuhe schieben kann – und so auch noch die Leiche für den Krieg nutzbar macht.

"Philoktet", Regie: Amir Reza Koohestani © Arno Declair
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Textgetreue Inszenierung

Amir Reza Koohestani hat schon in München und Freiburg inszeniert, arbeitet jetzt aber zum ersten Mal in Berlin. Offensichtliche Bezüge zwischen der politischen Situation in der DDR und jener im Iran stellt er nicht her. Koohestani inszeniert textnah; lediglich die eindrückliche Bühne von Mitra Nadjmabadi gibt Aktualisierungshinweise.

Bedrohliches Bühnenbild

Wir schauen zuerst auf ein Rechteck, das bedeckt ist mit Herbstlaub. Darüber steigt Jörg Pose als Odysseus zu Hubschraubergeratter auf – man ist also mit dem Helikopter unterwegs und trägt Tarnanzug. Neoptolemos’ Waffe ist ein Laubbläser, mit dem er ein Verließ unter den Blättern freilegt, dessen Wände sich langsam aufrichten. Philoktets Reich liegt im dunklen Keller unter den Gittern, die in den Boden eingelassen sind. Hier wird er von einer Kamera verfolgt – ein Überwachungssystem, das sich immer wieder ins Geschehen einmischt.

Neoptolemos als tragische Figur

Edgar Eckert spielt den Philoktet weniger hass- als schmerzerfüllt. Auch wenn er aussieht wie ein finsterer Pirat, hat man mit ihm, dem Kriegsopfer, Mitgefühl. Odysseus, bei Müller eigentlich eine tragische Figur, die für die Gemeinschaft zur Tötungsmaschine wird, ist bei Jörg Pose ein durchweg harter Opportunist. Tragisch ist jedoch der Neoptolemos vom jungen Niklas Wetzel. Der zaudert mit Tränen in den Augen, drückt mal Odysseus den gestohlenen Bogen in die Hand, dann wieder Philoktet – bis er Philoktet im Verließ tötet. Um dann mit weißen Augen, wie ein Gespenst, in die überbelichtete Kamera zu sprechen – auch ihn hat der Krieg letztlich zum Mörder gemacht.  

Eiskalte Sprache, die Distanz schafft

Eine konzentrierte Inszenierung, die dem Stück durchweg folgen will. Allerdings ist bereits dem Stück die Schwierigkeit eingeschrieben, dass seine sperrigen Blankverse emotional auf Distanz halten. Im besten Fall spürt man durch die Worte hindurch eine existenzielle Einsamkeit dringen, die einen frösteln macht. Doch Koohestani schafft es nicht ganz, diese eiskalte Sprache mit seinen Spielern zu gestalten – die Verse klingen tönern, manchmal proklamiert, man begreift sie kaum. 

Ein schwer zu inszenierendes Stück

Noch dazu ist es ein abstraktes Drama, bei dem drei Figuren auf einem Fleck stehend große Dinge verhandeln. Schrecklich schwer, das archaische Fremdsein, den politischen Kampf für den Zuschauer konkret zu machen. Auch an diesem Abend bleiben die virulenten Themen weit weg, die Inszenierung wirkt, trotz des sinnlich-düsteren Bühnenbilds, oft zäh, spröde, statisch. Einmal mehr wird deutlich, weshalb sich so wenige Regisseure mit diesem Stück auf die Bühne trauen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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