Marias Testament: Nicole Heesters bei der Fotoprobe der Hamburger Kammerspiele; © dpa
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Renaissance Theater - "Marias Testament"

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Schauspielkunst allerhöchster Weihe: Der Roman "Marias Testament" des irischen Autors Colm Tóibín, vor fünf Jahren erschienen, wurde weithin gefeiert. Die vier Jahre später an den Hamburger Kammerspielen uraufgeführte und jetzt in Berlin zu sehende Bühnenfassung darf man schlichtweg als Sensation bezeichnen.

Maria, das ist die Mutter Jesu, des Sohn Gottes. Alt, allein lebend, aber offenbar von zweien der Apostel, deren Namen sie nicht nennt, wohl behütet, wenn nicht gar bewacht, zieht sie Bilanz. Sie berichtet vor allem, wie sie das Ende ihres Sohnes erlebt hat. Aber auch von der Zeit davor, von den Wundern, wie der Wiedererweckung des Lazarus' von den Toten, der Verwandlung von Wasser in Wein. Blickt gar zurück auf das, was als "unbefleckte Empfängnis" in die Weltgeschichte eingegangen ist.

Sie hat Zweifel, viele Zweifel, denn sie, die Mutter, hat das meiste lediglich vermittelt erfahren, aus dritter Hand. Und im Moment des Todes ihres Sohnes ist sie geflohen, um das eigene Leben zu retten …

Fragen über Fragen

Elmar Goerden, der Autor und Regisseur des Stückes, hat den Abend für die Schauspielerin Nicole Heesters entwickelt und mit ihr erarbeitet. Man merkt, mit welcher Sorgfalt sie jeden Anflug von Blasphemie vermieden haben. Diese Mutter fragt. Es sind Fragen, die viele Mütter stellen könnten – vor allem nach den eigenen Versäumnissen.

Das Sensationelle am Text: Ganz leise, sensibel, tastend wird unsere Gegenwart befragt. Denn vor allem dreht sich der Abend um Verführung, Verführung durch Legenden. Auch darum, wie leicht Massen durch Ideologen verführt werden können, allein durch Gefühle, Behauptungen, Verheißungen und Versprechungen. Mit nur einem Ziel: dem, die Massen zu beherrschen.

Ganz nebenbei ist es zudem ein Abend über das Machtverhältnis von Männern und Frauen. Ebenfalls aktuell. Da ist beispielsweise viel die Rede von der Kraft der Männer, die um Jesus waren, mit ihm waren. Und dann kommt die Frage, wo sie waren, seine Anhänger, bei der Kreuzigung, wieso sie nichts unternommen haben. Und dann diese: Was bedeutet Erlösung? Sie kann nicht daran glauben, dass die Recht haben, die da sagen, was aufgeschrieben ist, das werde die Welt verändern.

Marias Testament: Nicole Heesters bei der Fotoprobe der Hamburger Kammerspiele; © dpa
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Grandioses Schauspiel

Gut eineinhalb Stunden ist Nicole Heesters in der Rolle der Maria allein auf der Bühne. Die Dekoration ist spärlich, es gibt nur wenige Requisiten. Eine Erscheinung!

Das ist hoch artifiziell, das ist Kunst, doch ihre Maria mutet völlig authentisch an, natürlich, ungekünstelt, man meint, neben ihr zu sitzen. Heesters gelingt Verblüffendes: Zum einen hat jede und jeder im Zuschauerraum den Eindruck, sie spreche direkt zu ihr oder ihm. Zum anderen macht sie einen glauben, man könne sehen, wie Maria denkt, zweifelt, ihrer inneren Zerrissenheit nachspürt.

Wie Nicole Heesters das macht, ist nicht wirklich erklärbar. Hier kommen Persönlichkeit und Können aufs Beste zusammen. Im Gesicht kann sie scheinbar in ein und demselben Augenblick die unterschiedlichsten Regungen spiegeln: Trauer, Angst, Zorn, Wut, Zweifel, Liebe, Ekel, Abscheu, Verstörung.

Dabei – wie wohltuend! – arbeitet sie kaum mit lauten Momenten. Das Leise dominiert. Und dann die Körpersprache! Hände, Füße, Brustkorb, Arme, Beine – alles setzt sie ein und zeigt dabei vor allem die Verstörung einer Frau, die vieles, zu vieles, nicht versteht, die sich fragt, deren Suche nach Wahrheit im Dunkel von Vermutungen, Versäumnissen und Verwerfungen ins Straucheln gerät.

Die größten Momente dieses Abends höchster Schauspielkunst sind die der Stille. Einmal etwa streichelt die Mutter gedankenverloren einen Hocker, auf dem der Sohn wohl einmal als Kind gesessen hat – "unser Sohn", wie sie sagt – "von dem ich den Namen nicht aussprechen kann."

Man hätte die gesamte Aufführung hindurch die berühmte sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Mehrfach spürte man, wie sich kollektiv eine Gänsehaut ausgebreitet hat. Am Ende: Jubel, schier endloser Beifall, Standing Ovations des gesamten Publikums. Zu Recht.

Der Abend ist schlichtweg grandios. Derart hochklassiges Schauspiel gibt es derzeit in Berlin und Brandenburg kein zweites Mal!

Peter Claus, rbbKultur

Hörtipp

Nicole Heesters © dpa
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Nicole Heesters, Schauspielerin

Sie spielt seit fast 70 Jahren Theater, war die erste deutsche Tatortkommissarin und ist ab Ende Oktober in Berlin im Renaissance-Theater zu sehen. Nicole Heesters spielt den Monolog "Marias Testament", in dem die Mutter Jesu mit ihrem Schicksal hadert. Was sie an dieser Sicht fasziniert und wie es ihr mit ihrer eigenen Mutter erging, darüber spricht sie mit Peter Claus.

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