Schaubude Berlin/Theater der Dinge: Das Hirn ist ein Taubenschlag; © G2 Baraniak/monsun.theater
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Schaubude Berlin | "Theater der Dinge" - "Das Hirn ist ein Taubenschlag"

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Wer bei Puppen- und Objekttheater immer noch an Theater für Kinder denkt, dem sei die neue Ausgabe des internationalen Festivals "Theater der Dinge" ans Herz gelegt! 14 Inszenierungen, Installationen und Ausstellungen von Künstlern aus zwölf Ländern zeigen nicht nur, aber hauptsächlich Figuren- und Objekttheater für Erwachsene. "Kaputt" lautet das Festivalmotto in diesem Jahr.

Dabei stehen viele Produktionen auf dem Programm, die sich mit unserer desaströsen Welt auseinandersetzen – "kaputt" meint hier also zerstörerisch, tödlich, brachliegend. Die Inszenierung aus Litauen etwa wird vom Verfall eines Landes erzählen. Bei den Schweizer Theatermachern geht es um magische Räume zwischen Kindheit und Tod. In einer der deutschen Inszenierungen wird Gewalt in Videospielen Thema sein.

Der künstlerische Leiter Tim Sandweg fängt das Motto jedoch auch von der positiven Seite ein, indem er sagt: Erst, wenn Altes zerstört ist, kann Neues entstehen. Er betont zudem den hohen Lustfaktor beim Kaputtmachen – deshalb gibt es die "Werkstatt der Zerstörung", eine Produktion vom Fundus Theater in Hamburg, bei der man eigene Dinge zum Zertrümmern mitbringen soll.

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Das Zerstörerische im Zentrum

Die Eröffnungsproduktion "Das Hirn ist ein Taubenschlag" kommt vom Hamburger monsun.theater in der Regie von Cora Sachs. Auch hier steht das Zerstörerische im Zentrum: Es ist der Monolog eines gewissen Adalbert Immensteins, Mitte 60 – umso mehr man von ihm erfährt, desto offensichtlicher wird sein psychischer Verfall, sein nicht mehr umgehen können mit der Welt, seine völlige Isolation.

Im Stücktext von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel bemerkt man erst nach und nach, wie verrückt dieser Mensch ist. Zuerst klingt seine Geschichte wie die eines klassischen Muttersöhnchens. Immenstein hat sein Leben lang mit ihr zusammengewohnt, sie später rund um die Uhr gepflegt. Und sie am Ende, wie er sagt, schmerzfrei von ihrem Leiden erlöst.

Seite für Seite entblättert sich jedoch, wie sehr sich der angebliche "Dr. Immenstein" seine Identität zurechtfantasiert: Ein großer Wissenschaftler sei er, der auf die untergehende Spezies Mensch blickt. Seine Mitmenschen sind ihm nichts als "geistige Pantoffeltierchen", "minderwertige Existenzen", so blöd, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Und weil er weiß, dass das nichts als ein Trugschluss ist, will er bestimmte Exemplare, wie seine Mutter, aber auch die Tauben, die er in der Wohnung züchtet, für die Ewigkeit bewahren: Er tötet und präpariert sie.

Identifikation ausgeschlossen

Im Spiel gestaltet sich das weniger gruselig als im Text, da Immenstein auf der Bühne von vornherein kein Mensch, sondern ein maskiertes Halbwesen zwischen Mann und Taube ist – wir sind schließlich im Figurentheater. Vom Schauspieler Pablo Konrad sieht man kein Fleckchen Haut, er steckt in einer blauen Fellhose und einem haarlosen Gummikopf, spricht mit krächzender Stimme und trippelt und ruckelt wie eine Taube. Das rückt ihn leider von vorneherein "tierisch" weit weg von uns, eine Identifikation ist ausgeschlossen.

Er sitzt auf einer hölzernen Schräge wie die Taube auf dem Dach, liest dem Publikum seine Hass-Briefe an die Richterin vor, die entschieden hat, dass er die Wohnung räumen muss. Oder referiert philosophisch-physikalische Diskurse über Weltall und Evolution.

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Komposition aus Schauspiel und Musik

Neben dem Schauspiel-Solo stehen die Livemusik und das poetische Lichtspiel im Vordergrund. Clara Jochum und Hannes Wittmer wurden für diese Produktion soeben mit dem Hamburger Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet. Ihre Musik ist es, die einen emotionalen Zugang zu Immenstein herstellt.

Jochum und Wittmer sitzen mit Cello, Gitarre, Ukulele, Xylophon und allerlei Soundeffektgeräten rechts und links der Bühne und erfinden für die variierenden Immenstein-Temperaturen unterschiedliche Musikarten: Sphärische Klänge, wenn gedanklich im Weltall geschwebt wird, ein warmes Dahinglucksen, wenn Immenstein sich um seine geliebten Tauben kümmert, dann wieder ist ein energetisches Streichen zu hören, sobald er sich auf der Höhe seines Schaffens fühlt.

Kein Klangteppich ist das, sondern eine feine Komposition aus Schauspiel und Musik, mit wiederkehrenden Motiven. Auf der Wand breiten sich derweil aus Lichtpunkten Einzeller aus, mal gleiten Sternschnuppen vorüber, dann wieder sind Taubenzeichnungen zu sehen.

Vielversprechender Festivalstart

Der Abend lebt vom Zwischenspiel plötzlicher Brutalität, wenn Immenstein etwa erzählt, wie er dem Taubenküken mit einem Knacks den Hals umdreht – und der Sorgfalt, mit der er das Vögelchen dann ausstopft und aufstellt, um es für die Ewigkeit zu erhalten. Diese irre menschliche Selbstermächtigung zwischen Zerstören und Bewahren macht nachdenklich und zieht mehr und mehr in den Bann. Ein vielversprechender Festivalstart.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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