Canan Erek: Drunter und Drüber; © Miriam Tamayo
Miriam Tamayo
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Uferstudios 14 - "drunter und drüber"

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Trauer und Wut, Angst und Freude. Wie können diese vier sehr starken Gefühle in einem Tanzstück für Kinder ab 5 Jahren dargestellt werden? Gestern hatte "drunter und drüber", das Stück der Berliner Choreografin Canan Erek über diese vier Gefühle Premiere in den Uferstudios in Berlin-Wedding.

Die Kinder im Publikum – im Alter von vier bis sechs Jahren, Kita-Gruppen und Vorschulkinder – waren vorher alle sehr aufgeregt, während der Vorstellung zumeist aufmerksam und danach, in den theaterpädagogisch betreuten Gesprächen mit den Tänzerinnen und Tänzern, neugierig und sehr darauf aus, selbst über die Bühne zu toben. Ob vor allem die ganz Kleinen alles verstanden haben, ist zwar fraglich – Spaß hatten sie auf jeden Fall.

Alltägliche Spielsituationen

Canan Erek hat Trauer, Wut, Angst und Freude drei Tänzerinnen und einem Tänzer zugeordnet und sie hat alltägliche Spielsituationen entworfen, in denen die Gefühle jeweils in den Vordergrund treten und sich austoben. Eingeleitet werden die Szenen von der Stimme eines kleinen Jungen vom Band; Toni, sechs Jahre alt. Seine Erzählungen markieren die jeweiligen Situationen: Die Eltern haben keine Zeit zum Spielen, die Einschulung steht bevor, er hat Streit mit dem kleinen Bruder, der Hamster ist gestorben und die beste Freundin Alex will nicht mehr mit ihm spielen, was er sehr "gemein" findet und Marie, die neue Freundin von Alex ist sowieso "eine blöde Nuss" und beide sind "einfach doof".

Die Wut als Boxerin

Hier bekommt also die Wut ihren Raum. Sarina Egan-Sitinjak spielt sie in Sportklamotten und mit Boxhandschuhen, mit verzerrtem Gesicht, jeder Muskel angespannt. Sie stampft über die Bühne, boxt, tritt und trampelt mit derart bösem Blick, dass die anderen Gefühle sich lieber zurückziehen und ihr aus dem Weg gehen.

Freude, Angst und Trauer

Die Gefühle werden überdeutlich gespielt, zumal ihnen auch Farben zugeordnet sind: die Wut ist schwarz-rot, die Angst eher grau, die Trauer tritt ganz in Schwarz und mit Kapuze auf. Nur die Freude darf im hellgelben Sommerkleid juchzend über die Bühne flirren, das Kleid in Drehwirbeln fliegen lassen und überschwänglich auf dem Trampolin hüpfen – Daniella Eriksson ist mit ihrem flatternden blonden Pferdeschwanz Fröhlichkeit pur.

Die boxende Wut und die schlotternde Angst kommen jedoch bei den Kindern am besten an. Martin Clausen, ohnehin einer der besten Performer Berlins, gibt der Angst eine komische Seite, wie er mausgleich schreckhaft, sich nach allen Seiten umsehend und absichernd immer zittert und bibbert, das Trampolinspringen behagt ihm natürlich gar nicht.

Die Trauergestalt schien hingegen für die Kinder am wenigsten zugänglich – Judith Nagel – schmal, hochaufgeschossen, von düsterer Langsamkeit, schlaff und motivationslos – hat den schwierigsten Part.

Die Botschaften des Stückes

Canan Erek will mit ihrem Stück deutlich machen, dass es gut ist, alle vier Gefühle zu spüren, dass sie ihren Raum brauchen, ausgedrückt werden dürfen und sie will – das ist das Schwierige an diesem Tanzstück für kleine Kinder – zeigen, dass alle Gefühle in Gesamtheit eine Persönlichkeit erst ausmachen.

Also wird die Angst von den anderen beruhigt, die Wut besänftigt, die Trauer umsorgt und auch die sich austobende Freude wird zur Ruhe gebracht. Jedes Gefühl tritt einmal in den Vordergrund und wird dann eingehegt in Quartett-Szenen, in denen die vier eng verwoben einander umtanzen, umkreisen und umschlingen.

Diese Ideen der Gleichberechtigung aller Gefühle und ihrer Integration zu einem Ganzen schien mir für die Kinder um mich herum dann doch zu komplex zu sein.

Darstellung und Konzept

Nun sind Bühnen-Produktionen – Theater, Musiktheater, Tanz – gerade für kleine Kinder ohnehin sehr schwer, da Kinder unmittelbarer reagieren: Wenn sie sich etwa langweilen, zeigen sie es.

Bei Canan Erek ist die Darstellung der Gefühle in Körpersprache und Mimik gelungen, ist spielerisch-sinnlich, präzise und witzig – da sind die Kinder nahe dran. Das dahinterstehende, eher traditionelle theaterpädagogische Konzept, das Benennen und Setzen der Spielszenen verlangt mitunter jedoch etwas zu viel Abstraktionsleistung: die Kinder müssen verstehen, dass am ersten Schultag Freude und Angst herrschen, dass die fehlende Spielfreundin Trauer und Wut auslöst.

Aus Erwachsenenperspektive gedacht

Das ist etwas zu sehr aus Erwachsenen-Perspektive gedacht, wie auch die Idee der Integration, der Zusammengehörigkeit aller Gefühle – das müsste sicherlich von Erziehern, Großeltern oder Eltern erklärt werden. Dass der kleine Bruder auch mal nerven darf, dass Toni sich über die Ungerechtigkeit beklagen darf, wenn Mama beim Bruderstreit immer nur mit ihm schimpft und dass er traurig sein darf, wenn die Eltern keine Zeit zum Spielen haben – das sind wichtige Botschaften für die Kinder, aber auch sie müssen sicherlich im Nachhinein vermittelt werden. Immerhin ein Anlass, ins Gespräch zu kommen.

Frank Schmid, rbbKultur

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