Germania nach Heiner Müller in der VOLKSBÜHNE Berlin. (Quelle: Julian Röder)
Julian Röder
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Volksbühne - "Germania"

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Wie kann man deutsche Geschichte begreifen? Gibt es eine Logik in der Geschichtsschreibung von der Varusschlacht bis hin zur November-Revolution, zu Hitler und Stalin, zum Mauerbau und dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems?

Heiner Müller hat sich sein Leben lang daran abgearbeitet, die Entgleisungen der deutschen Vergangenheit aufzuzeigen. An der Volksbühne werden nun zwei seiner Bilderbögen an einem Abend gezeigt: Drei Sopranistinnen in Glitzerroben besingen "Germania". Begleitet werden sie von einem Männerchor und einem großen Orchester. Wenn dann noch die Schau- und Puppenspieler in bunten Tüllkleidern hereinspringen, stehen rund fünfzig Menschen auf der Bühne.

Claudia Bauer fährt alle Mittel auf, die das Theater zu bieten hat: Live-Video, Drehbühne, Puppen, Musik – ein dröhnendes Spektakel, das über drei Stunden hinweg etwa anderthalb Momente Ruhe besitzt.

Castorf lässt grüßen

Das große Industriegebäude dreht sich manchmal so, dass man auf die Zimmer schaut, in denen gespielt wird. Oft ist jedoch nur die Fassade zu sehen, sie dient als Projektionswand für die Szenen, die auf der Rückseite gefilmt werden – Frank Castorf lässt grüßen.

Im Schweinsgalopp geht es durch die Episoden: Hitler und Stalin beschmieren sich mit Blut in der Badewanne, Skelette fressen vor Stalingrad die Glieder von Wehrmacht-Soldaten, die Nibelungen fahren auf einem quietschenden Wägelchen herein und metzeln sich gegenseitig ab. Da ist auch mal ein starkes Bild dabei – doch letztlich rauscht man ohne Folgen durch diese grell aufgemotzte Geisterbahn.

Volksbühne: Germania, hier: Amal Keller, Zenghao Yang, Sebastian Grünewald, Friederike Harmsen, Rowan Hellier, Narine Yeghiyan; © Julian Röder
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Zwei Stücke, eine Frage

Auch bei Heiner Müller bestehen beide Stücke aus losen Szenensplittern, Schlaglichtern. Keine Geschichtslektion, sondern ein surrealer Zerrspiegel von Geschichte. "Germania  – Tod in Berlin" hat Müller bis 1971 geschrieben, es blickt auf die Wurzeln Nachkriegsdeutschlands. "Germania 3 – Gespenster am Toten Mann" ist nach der Wende entstanden und Fragment geblieben.

Im Zentrum steht die deutsch-russische Geschichte des 20. Jahrhunderts, mit Verweisen auf frühere Ereignisse und Mythen: die Varusschlacht, Napoleon, Friedrich der Große. Es sind Collagen aus Clownsnummern, absurden Parodien und grotesken Pantomimen: Ein Nazi bringt seinen Kommunisten-Bruder um, Goebbels gebärt im Führerbunker die Bundesrepublik in Gestalt eines Contergan-Wolfs. Rosa Luxemburg, Walter Ulbricht und Ernst Thälmann irren als Gespenster umher.

Müller erzählt die deutsche Vergangenheit als einzige Katastrophengeschichte und alle Figuren eint die Frage: Was haben wir falsch gemacht?

Bilderflut statt Interpretation

30 Jahre nach dem Mauerfall, bei erstarkendem Rechtsradikalismus, ist die Frage, welches Deutschlandbild uns heute prägt, essentiell. Umso enttäuschender, wie wenig sich der Abend bei allem Bombast dafür interessiert.

Müller hatte stets die Heroisierung der deutschen Geschichte vor Augen, die Nibelungen, den Preußenkönig. Diese Helden vom Thron zu stoßen war Provokation. Im Internetzeitalter werden viele Zuschauer die "Varusschlacht" allerdings erst einmal googeln müssen. Es gibt keine Heroen mehr vom Thron zu stoßen. Das Geschichtsbewusstsein fehlt, um die Anspielungen einordnen zu können – und Claudia Bauer setzt allein auf Bilderflut statt auf Interpretation und Analyse.

Am rechten Rand aber, wo die Heroisierung längst wieder begonnen hat, wird diese Monstershow ebenfalls wenig bewirken – dafür verunsichert sie zu wenig. Für die nationalistische Seite sowie die geschichtsvergessene gilt: Mit szenischem Overkill kommt man im Theater heute nicht mehr weit.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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