Die Pest, Regie: András Dömötör © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater | Box - "Die Pest"

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Die Pest in Albert Camus' gleichnamigen Roman kann man als Symbol für verschiedene Dinge deuten: Sie kann für den Belagerungszustand im Krieg stehen oder für den Widerstand der Résistance gegen die Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Sie symbolisiert jedoch auch das Böse, das jeder Mensch in sich trägt. Am Deutschen Theater hat der Ungar András Dömötör den Klassiker nun in einer neuen Bühnenfassung inszeniert.

Er schränkt die weite Symbolhaftigkeit zum Glück nicht ein, sondern lässt die Pest eine abstrakte Bedrohung sein: Krieg, Totalitarismus, Faschismus, Unmenschlichkeit. Dömötör bleibt zeitlos und stellt die großen Fragen, die auch Camus umgetrieben haben: Wie verhält sich der Mensch angesichts der Katastrophe? Zieht er sich in Verbitterung mit dem eigenen Schicksal in den Hass zurück? Verliert er den Glauben an die Menschlichkeit? Gibt er auf, verfällt er in Depression? Oder hält er an seinen Werten fest, kämpft er, obwohl der Kampf aussichtslos ist? Und auch die Theodizee-Frage steht im Raum: Kann es einen Gott geben, wenn Tausende Kinder qualvoll sterben? Wer hält dieses Leid aus, ohne den Anstand zu verlieren?

Haltung zeigen

Dömötör hat mit Enikö Deés eine Fassung erarbeitet, in der alle wichtigen Figuren zu Wort kommen – die bei Camus stets Stellvertreter für eine bestimmte Überzeugung sind. Er macht aus dem Roman einen Denkabend über das, was man "Haltung" nennt. 

Die Pest, Regie: András Dömötör © Arno Declair
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Božidar Kocevski als einziger Schauspieler auf der Bühne

Das ist umso überraschender, da nur ein einziger Schauspieler auf der Bühne steht und all diese Rollen gibt: Božidar Kocevski. Einerseits ist er der Erzähler Doktor Rieux, der vom Alltagsleben im abgeschotteten Belagerungszustand berichtet. Wie die Ratten auf der Straße blutend verenden. Wie die Stadtverwaltung den Ausbruch der Pest nicht wahrhaben will. Wie die Anzahl der Toten mit geschwollenen Drüsen und hohem Fieber steigt und steigt. Wie die Straßen sich leeren, die Angst die Menschen lähmt. Wie man zuerst noch Frauen und Männer sorgsam getrennt bestattet und am Ende nur noch wahllos Leichenberge auftürmt.

Subtile Rollenwechsel in Sekundenschnelle

Zwischendurch bricht Dömötör die Inszenierung mit Dialogszenen, in denen Kocevski in Sekundenschnelle die Rollen wechselt – ohne Hut oder Perücke, einfach durch Gestik, Stimme, indem er sich auf einen anderen Stuhl setzt. Das funktioniert hervorragend: nie ein Zweifel, wer gerade spricht. Da gibt es den pflichtgetreuen Doktor Rieux, ein Sisyphos, der den täglichen Kampf gegen die Seuche kämpft. Den Journalisten, den es nur zufällig in die Stadt verschlagen hat – auch er stellt sich am Ende dem Kampf. Es gibt den Priester, der die Pest als Strafe Gottes betrachtet. Den Idealisten und Fremden, der eine Freiwilligentruppe für Rieux organisiert, dessen Freund wird, und zuletzt selbst von der Seuche dahingerafft wird.

Einfaches, wirkungsvolles Bühnenbild

Dömötör und seine Bühnenbildnerin Sigi Colpe arbeiten mit einfachen, aber wirksamen Mitteln. Der Raum ist leer, nur schwarze Stühle und ein Ventilator stehen herum. Mit den Händen verteilt Kocevski schwarze Schnipsel, Ascheflocken, die Pest, die der Mensch selbst mit seinen Händen von hier nach dort trägt und sich ausbreiten lässt. Später rieselt die Asche vom Himmel, wird durch die Luft geblasen, fällt auf die Stühle. Und immer, wenn Kocevski einen Stuhl kippen lässt, ist wieder ein Mensch gestorben.

Kampf mit dem Tod

Aus dem Lautsprecher dringen bedrohliche elektronische Klänge, die die Atmosphäre verdichten. Wenn Kocevski aber den Opernsänger spielt, der auf der Bühne mit offenen Armen tot zusammenbricht, hören wir Töne aus "Orpheus und Eurydike". Oder Stille, wenn Rieux den Todeskampf eines Kindes beschreibt. Kocevski hält dafür keinen schwarzen, sondern einen hölzernen Kinderstuhl am ausgestreckten Arm waagrecht von sich. Hält ihn und hält ihn, das Gesicht verzerrt vor Anspannung, die Asche rieselt und rieselt auf die kleine Sitzfläche – bis der Arm zittert, den Stuhl nicht mehr halten kann, das Kind stirbt. 

Ein Mensch bleiben – darum geht es hier.

Beeindruckend, wie Dömötör in diesem nur 80-minütigen Monolog die existenziellen Fragen des Romans sinnlich, bedrohlich, glasklar auf die Bühne stellt. Und welche unterschiedlichen Stimmungen Kocevski anklingen lässt – Ratlosigkeit, Resignation, Zorn, Trauer, Verzweiflung. Spannend wie in einem Thriller ist das, ohne Angst vor dem großen Gefühl. Dömötör zeigt, wie man ganz ohne flache Aktualisierung mit einem moralphilosophischen Text eine politische Botschaft vermitteln kann: Haltung zeigen, solidarisch sein, ein Mensch bleiben – darum geht es hier.  

Barbara Behrendt, rbbKultur

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