Deutsches Theater: Franziska Linkerhand © Arno Declair
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Deutsches Theater - "Franziska Linkerhand"

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Ein Jahr nach dem Tod der Autorin Brigitte Reiman erschien das Romanfragment "Franziska Linkerhand". Die kritische Auseinandersetzung mit der geistigen Enge im Mauerland war die literarische Sensation in der DDR 1974. Daniela Löffner hat das Kultbuch jetzt auf die Bühne übertragen.

Wer in den 70er Jahren in Ostdeutschland erwachsen war, der kam an ihr nicht vorbei: "Franziska Linkerhand", 1974 postum veröffentlicht, nachdem die Schriftstellerin Brigitte Reimann mit 39 Jahren an Krebs gestorben war. "Franziska Linkerhand" wurde zum Kultbuch und gilt noch heute als eine der großen DDR-Erzählungen: Es beschreibt das Aufwachsen der jungen Franziska nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Entwicklung zur idealistischen Architektin in den 1960er Jahren. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls hat die Regisseurin Daniela Löffner den Roman am Deutschen Theater inszeniert.

Die Schwierigkeit dabei ist nicht nur, ein Kultbuch auf die Bühne zu übertragen, das für mindestens eine Generation von Frauen eng mit dem eigenen Erleben, den Wünschen und Möglichkeiten in der DDR verbunden ist. Sondern auch einzubeziehen, dass das Buch in Westdeutschland deutlich weniger bekannt ist.

Wie ein langer Brief verfasst

Brigitte Reimann arbeitete zehn Jahre am Roman, bis zu ihrem Tod, die Geschichte blieb unvollendet und ist lose mit Reimanns Biografie verknüpft. Eine junge Frau stößt darin mehr und mehr an die Grenzen des Systems, an die fehlende Demokratie, den Starrsinn der Partei – obwohl Franziska an diesen Staat glaubt, sie ist keine Oppositionelle. Man wird hineingezogen in den Lebenshunger, die Sehnsüchte dieser unbequemen, zartfühlenden Frau, die Karriere in Berlin machen könnte, sich aber für die Provinz entscheidet, um dort im Wohnungsbau das Leben der Menschen zu verbessern. Hier kämpft sie für Kultur im Stadtzentrum, individualisierte Wohnungen – und scheitert am typisierten Plattenbau des Sozialismus.

Manches ist in der Veröffentlichung 1974 gestrichen worden: die Erwähnung der hohen Suizidrate in der DDR, die Vergewaltigung Franziskas durch ihren Mann, allzu sinnliche Liebesbeschreibungen. Dieses sinnliche Beschreiben ist besonders an Reimanns Stil. Der Roman ist wie ein langer Brief an ihren Geliebten Ben verfasst, mit Vor- und Rückgriffen und einer dichten, poetischen Sprache, die alle Details eines Lebens in der DDR bebildert.

Daniela Löffner gelingt es in ihrer neuen Theaterfassung (der Roman wurde mehrmals adaptiert) allerdings nicht, diese Sprache auf die Bühne zu übertragen. Viele Gedanken hat sie in Dialoge transferiert, doch die Poesie, die Franziskas Weltsicht ausmacht, wird nicht spürbar. Und so wird eine Art Stationendrama daraus: Franziskas Weg vom behüteten Elternhaus in die erste eigene Wohnung mit ihrem Ehemann, ins Studium zum verehrten Professor Reger, in die Provinz zum angepassten Stadtplaner Schafheutlin. Doch weil ihr Leben äußerlich mehr dahinplätschert als dass große Konflikte eskalieren, geraten die vier Stunden dieses Abends geradezu lähmend.

Deutsches Theater: Franziska Linkerhand © Arno Declair
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Zeitlos?

Wer den Roman kennt, wird die Reimannsche Atmosphäre schmerzlich vermissen – alle anderen werden kaum verstehen, was diese Architektin, von Kathleen Morgeneyer eher verletzlich gespielt, zu einer derartigen Kult-Figur hat werden lassen.

Zum größten Problem der Inszenierung gerät allerdings das Bühnensetting von Wolfgang Menardi. Wie so oft bei Daniela Löffner (und im Theater generell) verlegt die Regisseurin die Geschichte in einen weißen Raum. Zu Beginn entrollt Morgeneyer ein riesiges Papier, das an Halterungen von der Decke herabhängt. Es bildet eine Video-Projektionsfläche, auf der die Gesichter der Spieler groß gezeigt werden, am Boden kann man zudem auf das Papier kritzeln wie auf einen Skizzenblock.

Auch ein Klavier steht herum, später ein Zeichentisch, viele Schubkarren. Geraucht wird ohnehin Kette. Doch es bleibt eine Geschichte im luftleeren Raum, die Zeitumstände sind eliminiert. Franziska Linkerhand ist jedoch gerade keine zeitlose Figur, sie arbeitet sich vielmehr an den Konventionen der 1960er Jahre und am System ab. Die Inszenierung ist geradezu zeitvergessen – es könnte fast die Geschichte einer westdeutschen Frau sein, die in den Mühlen der Bürokratie zerrieben wird.

Zu flach?

Wenn Morgeneyer postuliert, Frauen sollten besser nicht heiraten, bevor sie 30 sind, klingt das, bezogen auf die Gegenwart, wie eine Banalität. Auch die Verzweiflung der Alkoholikerin Gertrud, die, flirrend gespielt von Maren Eggert, über die Bühne torkelt, bleibt ohne das Wissen, dass hier jemand an den Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg laboriert, vordergründig. Und die Provokation, eine geschiedene Frau zur Heldin zu machen, ist längst keine mehr.

Es zeigt sich hier ein grundsätzliches Problem des gegenwärtigen Theaters: Im unbedingten Streben nach "Heutigkeit" und aus Angst vor "Musealisierung" möchten sich Theatermacher gerade nicht in eine frühere Zeit hineinversetzen. Doch der große Gewinn beim Lesen des Buches ist nun einmal genau das: die Möglichkeit, in die DDR-Zeit einzutauchen, Unterschiede zu heute festzumachen. Ohne den Stoff historisch zu verorten, wirken die Figuren, wirkt diese Emanzipationsgeschichte allzu flach.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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