Deutsches Theater: Hekabe – Im Herzen der Finsternis; hier: Paul Grill, Katharina Matz, Almut Zilcher, Linn Reusse; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Hekabe – Im Herzen der Finsternis"

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Der Trojanische Krieg hat viele Helden hervorgebracht. Aber wie ist die Legende aus Sicht der Frauenfiguren und Verliererinnen? Der Regisseur Stephan Kimmig begibt sich auf die Spuren der "Troerinnen" und dem selten gespielten Frauenstück "Hekabe" von Euripides und untersucht das "Herz der Finsternis".

Mit dem Ende eines Krieges ist das Leid nie zu Ende. Die größte Bürde, das zeigen bereits die Dramen Euripides', tragen im Anschluss die Frauen: Sie werden oft als Kriegsbeute verschachert, vergewaltigt, ihrer Kinder beraubt.

Die Mutter all dieser Leiden ist Hekabe. Einst glückliche Königin von Troja, verliert sie im Krieg ihren Mann und fast alle 18 Kinder. Als Sklavin wird sie an Odysseus verschachert und von den Siegermächten verschleppt. Als auch noch ihre letzte Tochter geopfert wird und ihr letzter Sohn aus Geldgier vom Freund ermordet, nimmt sie grausam Rache.

Das Thema des Abends ist so düster wie sein Untertitel, den der Regisseur Stephan Kimmig ihm gegeben hat: "Im Herzen der Finsternis". Andererseits gibt es noch einen weiteren Untertitel und der heißt: "Konzert". Ein Hinweis vorab also, dass die Antike nicht mit blutigen Bildern gezeigt werden wird, mit barbarischem Abschlachten – sondern, ganz im Gegenteil, ein Abend zu erwarten ist, der auf das Wort setzt, auf Klang, Rhythmus, Sprachkraft.

Es wird nicht gesungen auf der Bühne und musiziert lediglich von einem Musiker, Michael Verhovec. Er sitzt neben den Schauspielern an einem Aufschlagidiophon, einem großen Xylophon, bei dem verschiedene Materialien zum Klingen gebracht werden, und liefert den dunkel dräuenden Grundton des Abends.

Der Begriff "Konzert" bezieht sich mehr auf die Struktur der Inszenierung, die mit 80 Minuten und zehn Kapiteln oder Tracks an ein Musikalbum erinnert. Es wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Sinnabschnitten. Einer heißt "Mütter", ein anderer "Götter". "Herrscher" gibt es, "Männer" oder "Unterwelt". Instrument bleiben ausschließlich die gesprochenen Worte.

Sprachextrakt antiker Stücke

Drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler stehen in schwarz vor Notenständern, darauf ihr Text. Zwischendurch wird abgelesen und chorisch gesprochen – die Notenständer sind jedoch mehr künstliches Requisit als Hilfsmittel. Katja Haß hat die Bühne mit hellen Holztafeln eingefasst und deutlich verkleinert, der Raum wirkt wie ein Kammermusiksaal, bei dem die Konzentration allein auf Klang und Lichtspielen liegt. Aktionen gibt es bis auf zwei kleine Choreografien kaum, der Abend will reines Sprachextrakt antiker Stücke sein.

Deutsches Theater: Hekabe – Im Herzen der Finsternis; hier: Linn Reusse, Almut Zilcher, Katharina Matz; © Arno Declair
Linn Reusse, Almut Zilcher, Katharina Matz | Bild: Arno Declair

Drei Frauen unterschiedlicher Generationen stehen hier nebeneinander: Katharina Matz mit ihren fast 90 Jahren, Almut Zilcher ist Mitte 60, Linn Reusse Mitte 30 – sie alle sind (auch) Hekabe. Katharina Matz gibt sie als die vom Leid geprüfte alte Dame, zäh und ausdauernd. Almut Zilcher gibt ihr die meiste Leidenschaft, Linn Reusse schwankt zwischen Rebellion und Aufgabe. Doch auch die Texte anderer geschundener Frauen fließen ein – Linn Reusse etwa hat einen starken Monolog als Andromache, Witwe des Kriegshelden Hektors. Sie lebt nur noch für ihr Baby – das ihr von den Siegermächten entrissen und von der Stadtmauer geworfen wird.

Nicht nur das Drama "Hekabe" spielt also eine Rolle, sondern auch Euripides' "Troerinnen" und Einsprengsel von Homers "Illias", die Odysseus als großen Helden feiert – während er bei Euripides erbarmungsloser Kriegstreiber ist. Große Konzentration ist gefragt beim Mash-up dieser Geschichten, Figuren, Schicksale.

Die Kraft der Sprache

Das Konzept der Inszenierung ist durchaus nachvollziehbar: Kimmig und sein Dramaturg John von Düffel möchten sich ganz auf die Kraft der Sprache konzentrieren – denn auch Hekabe ist bei Euripides eine sprachmächtige Figur. Als Kriegsgefangene stehen ihr nichts als ihre Worte zur Verfügung. Allein ihre Argumentationskunst führt dazu, Agamemnon, den griechischen Heerführer, vom unfassbar großen Unrecht zu überzeugen, das ihr zuteil wurde. Agamemnon gibt ihr erst die Erlaubnis und Möglichkeit, sich am Mörder ihres Sohnes und dessen Kindern zu rächen.

Die Frauen sind hier also nicht nur Opfer, Hekabe ist nicht nur die Mutter aller Leiden. In ihrer Sprachgewalt liegt die Hoffnung, den Hass, den Teufelskreis von Krieg und Rache letztlich womöglich zu durchbrechen und durch Kommunikation, durch Reflexion zu mehr Selbstbestimmung zu gelangen.

Allerdings ist diese Regie-Setzung mit Minute Eins des Abends offensichtlich und unverrückbar. Zwar ist es nie verkehrt, die emanzipatorische Kraft von Frauen zu beschwören – spannend wird das hier aber kaum. Denn es wird ein Zustand beschrieben, keinerlei Handlung. Das führt zu einer entdramatisierten Inszenierung, abstrakt und spröde, deren Konfliktpotential gleich Null bleibt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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