Gorki-Studio: Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick) © Ute Langkafel MAIFOTO
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Gorki Studio - "Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick)"

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Acht junge Soldatinnen warten auf ihren nächsten Einsatz und umkreisen die vielfältige Möglichkeit ihres eigenen Todes. Sasha Marianna Salzmann inszeniert die Uraufführung von Sivan Ben Yishai Stück "Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick)".

Sasha Marianna Salzmann ist in den vergangenen Jahren zu einer der aufregendsten Schriftstellerinnen und Theatermacherinnen avanciert. Geboren und aufgewachsen ist sie in Russland, in Deutschland studierte sie Szenisches Schreiben. Ihre Stücke werden international aufgeführt. Ihr viel beachteter Roman "Außer sich", der zwischen Moskau und einem Asylbewerberheim in Deutschland hin und her pendelt, wurde von Sebastian Nübling am Berliner Maxim Gorki Theater auf die Bühne gebracht. Jetzt inszeniert Sasha Marianna Salzmann im Gorki-Studio die Uraufführung eines Stückes von Sivan Ben Yishai. Es hat den Titel "Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick)".
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Kriegs-Erfahrungen und Kriegs-Ängste im Alltag

Sivan Ben Yishai kommt aus Israel, sie hat in Tel Aviv und Jerusalem Theater-Regie und Szenisches Schreiben studiert, sie lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Berlin und hat hier auch die meisten ihrer Stücke selbst inszeniert. Eines hieß z. B. "I know I´m ugly but I glitter in the dark" (also etwa: "Ich weiß, ich bin hässlich, aber ich funkel im Dunkeln"), das hat sie bei einem internationalen Theater-Festival des deutsch-israelischen Zukunftsforums im Radialsystem gezeigt. Das neue Stück, "Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick)", ist der vierte Teil eines über Jahre fort geführten Theaterprojekts, das unter dem Obertitel "Let the blood come out to show them" sich dem Thema "Krieg im Frieden" widmet. Dabei wird mit den Mitteln der Sprache und des Theaters untersucht, wie sich Kriegs-Erfahrungen und Kriegs-Ängste in den Alltag hineinfressen, den vermeintlichen Frieden untergraben und aushöhlen, wie Kriege, in denen das Töten erlaubt ist und der Mensch zur Bestie wird, die Überlebenden beschädigt und für den Frieden und für ein Leben in Eintracht fast unbrauchbar macht, vor allem aber wird aus feministischer Perspektive ausgelotet, was der Krieg, das Leben als Soldatin und als Opfer von militärischen Handlungen mit den Frauen macht, wie er sie verändert und nie wieder loslässt.

Gorki-Studio: Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick) © Ute Langkafel MAIFOTO
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In "Oder: Du verdienst deinen Krieg (eight soldiers moonsick)" geht um das fürchterlichen Erleben und die ängstlichen Fantasien von acht jungen Soldatinnen, sie sind in einem Militärcamp stationiert, liegen in einem Zelt, neben sich die schussbereiten Gewehre. Doch sie können nicht schlafen, sie atmen schwer und werden von ihren Alpträumen eingeholt, sie werden gerade zu Tötungsmaschinen für irgendeinen Krieg ausgebildet, sollen ihr Leben geben für irgendein Vaterland oder irgendeine Ideologie. Ihre Ausbilder sind zumeist Männer, der Drill und der Umgangston ist erniedrigend, die Frauen fragen sich verzweifelt, was hier gerade mit ihnen geschieht, ob sie wirklich bereit sind, zu schießen und Menschen zu töten, sie fragen sich, was es für sie - als Frauen - bedeutet, den eigenen Willen aufzugeben und sich einem militärischen Regime unterzuordnen, wie dabei ihr Körper und ihr Geist, ihre Seele und ihre Gedanken neu programmiert werden - und ob sie das wirklich aushalten wollen. Den gerade einmal 35-seitigen Stücke-Text zu lesen, ist qualvoll, eine wüste Collage aus männlichen Befehlen und militärischen Bevormundungen, aus soldatischen Ritualen, aus zerfetzten Körpern und blutigem Fleisch, aus Schlamm und Dreck und Kot und Vergewaltigung, und es besteht wenig Hoffnung, aus diesem Denk-Gefängnis und diesem Horror-Film zu entkommen.

Ein packender, drängender Theater-Abend

Sasha Marianna Salzmann inszeniert das Gewalt-Drama als absurden Alptraum, als Oratorium aus überdrehten Stimmen, schrillen Klängen, garstigen Liedern, klirrenden Geräuschen. Erst im Kopf des Zuschauers wird die Klang-Collage über den Krieg und seine Katastrophen zu einem Bild des Grauens, zu einem Bild, das wir auf der Bühne gar nicht sehen: denn auf der Bühne gibt es keine Zelte, kein Militärcamp, keine Gewehre, keinen Krieg, keinen Schlamm und keine Toten, sondern nur unzählige Stühle und Mikrofone und ein DJ-Pult, um all die Stimmen und Klänge zu sampeln, zu wiederholen, zu verzerren und in Endlosschleifen und Echo-Räumen verhallen zu lassen. Es gibt auch keine acht, sondern nur vier Frauen, sie tragen olivgrüne Militärjacken und weite weiße Röcke, um sich wie Derwische in Trance zu drehen und gedanklich ganz weit weg zu driften; es gibt keine Rollen und keine Figuren, sondern nur Stimmen aus dem Dunkel der Erinnerungen, Stimmen, die durcheinander und übereinander, miteinander und gegeneinander ertönen, Stimmen, die weinen und lachen, schreien und wispern, berichten und erzählen, was die Frauen im Krieg und im Camp erlebt haben, männlichen Hohn und sexuelle Belästigungen von Vorgesetzten, Hinrichtungen und grauenhaftes Morden bei Anti-Terror-Einsätzen, Stimmen, die davon erzählen, wie sie ihren eigenen Tod erlebt haben oder sich vorstellen, wie sie ihren Selbstmord, ihre Hinrichtung, ihre Vergewaltigung erlebt haben, Stimmen, die von Frauen im Krieg berichten, die sich behaupten und sich wehren und irgendwie überleben wollen. 

So ein Theater-Exkurs über Gewalt und Krieg, Frauen-Verachtung und -Bevormundung ist schwer zu ertragen, aber er ist notwendig: es ist ein packender, drängender Theater-Abend, er ergreift und berührt und lässt Raum für eigenes Denken und Handeln. Er kommt ohne jede Belehrung und Bevormundung aus, nichts wird erklärt oder zerredet, bebildert oder gezeigt, alles ist nur Klang, Stimme, Sprache, Musik, Fantasie. Die Frauen müssen uns nicht zeigen und nicht spielen, wie sie von Männern drangsaliert werden, wie sie von ihren Vätern misshandelt und von ihren Vorgesetzten ausgebeutet werden, wie sie im Camp unter er Dusche beäugt und beim Kriegseinsatz dem Gegner zu Fraß vorgeworfen werden: es reicht aus, wenn sie davon erzählen, es besingen, es uns ins Hirn träufeln und uns ins Herz pflanzen, uns beschämen und allein durch ihre Widerstände Präsenz mitteilen: das kann und wird nicht so bleiben, wir sind stark und werden unser Identität als Frauen in den von Männern gemachten Kriegen nicht verlieren, wir werden den Wahnsinn von Unterdrückung und Ausbeutung beenden. Wenn nicht heute, dann eben morgen. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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