Gorki Theater: Rewitching Europe; hier: Lindy Larsson, Orit Nahmias; © Ute Langkafel/MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel/MAIFOTO

Gorki Theater - "Rewitching Europe"

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Der "Berliner Herbstsalon" des Gorki-Theaters steht in diesem Jahr unter dem Motto "De-Heimatize it!" Es werden Perspektiven der Identität, Nation und Zugehörigkeit diskutiert. Als ein Höhepunkt des noch bis zum 17. November laufenden Festivals darf sicherlich die Premiere eines neuen Stückes der israelischen Theatermacherin Yael Ronen gelten.

Glaubt man der hochtrabenden Ankündigungsprosa des Theaters, soll "Rewitching Europe" aus feministischer Sicht in die von konservativen Kräften angezettelte Debatte um „Heimat“ eingreifen. Sollen Begriffe wie "Rasse", "Klasse" und "Geschlecht" neu diskutiert werden.

Angetrieben von der Frage, wie sich "Rassismus" und "Sexismus" auf das Leben und die Körper von Frauen im Jahr 2019 auswirken, wolle Yael Ronen einen "Diskurs über die Verbindung zwischen kapitalistischen und patriarchalischen Strukturen" eröffnen. In der Figur der "Hexe" suche sie das Potential für eine "widerständige, ja utopische Praxis zur Überwindung des Patriarchats". "Rewitching Europe" sei also nicht nur ein Projekt zum "zeitnahen Untergang des Patriarchats", nein: mit dieser Premiere "endet das Patriarchat".

Gorki Theater: Rewitching Europe; hier: Lea Draeger; © Ute Langkafel/MAIFOTO
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Ein lauter und fieser Abend

Zum Glück hält sich niemand an diesen theoretischen Quark. Im Gegenteil: Es ist ein komisches, schauspielerisch überkandideltes, rhetorisch intelligentes und musikalisch groteskes Hexenspektakel. Alles nur ein großer Spaß, ein bizarrer Bühnenulk, eine wahnwitzige Verballhornung der alten Hexengeschichten. Veralbert wird auch gleich noch Wagners "Rheingold" und das Raunen von "Erda", der archaischen Mutter Erde, sowie die "Matrix"-Visionen Hollywoods, bei denen der Mensch in einer Scheinwelt und einem Wahnsystem aus Lügen gefangen ist.

Orgiastische Rituale werden gefeiert, bei denen Frauen sich als Hexen verkleiden und mit ihrer monatlichen Blutung die Erde düngen, um sich und die Welt zu erneuern. Und die Männer müssen ihren Selbsthass und ihre Unterdrücker-Fantasien aus sich heraus und in einen Plastikeimer kotzen. Ein lauter und fieser Abend, der daran erinnert, dass wir alle – Mann und Frau – etwas tun müssen, wenn wir nicht in einem Meer aus Wachstum und Konsum untergehen wollen.

Gorki Theater: Rewitching Europe; hier: Riah Knight, Lea Draeger, Sesede Terziyan; © Ute Langkafel/MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel/MAIFOTO

Verändert die Welt!

Wir erleben ein Spiel im Spiel. Die Darsteller*innen tischen uns die haarsträubende Lüge auf, sie hätten bei Renovierungsarbeiten im Theater im Keller alte Skelette und eine 7.000 Jahre alte Figurine gefunden, eine Hexengestalt mit riesigen Brüsten, Symbol für Sünde und Sex, für Rausch und Freiheit. Schon nimmt der Wahnsinn seinen Lauf, beginnen sich alle in Hexen zu verwandeln.

Doch immer, wenn jemand ins Theoretisieren und Belehren kommt, werden von den anderen Witze gerissen und Lieder gesungen. Der Wagner-Sänger wird mit seinem Mutter-Erde-Komplex nach Lappland geschickt, um sich von einem Rentier den Kopf waschen zu lassen, die verzückt tanzenden Gorki-Hexen werden mit apokalyptischen Visionen und Vorwürfen von Greta Thunberg überhäuft: Wie könnt ihr es wagen! Ich will nicht eure Hoffnungen, eure schönen Worte und verlogenen Ausreden, ich will, dass ihr endlich handelt und die Welt verändert!

Es liegt an uns

Doch es gibt keine Hoffnung, nirgends. Denn was sich da auf der von Holzpfählen bestückten Bühne, die einer Ausgrabungsstätte gleicht, abspielt, ist nicht von heute: Wesen aus einer sehr fernen Zukunft graben menschliche Überreste aus und versuchen zu verstehen, warum diese Kreaturen, die einmal als homo sapiens bezeichnet wurden, ausgestorben sind. Warum sie, obwohl sie denken, schreiben, lesen, singen konnten, von der Erde verschwanden. Wusste diese letzte Generation der Menschen – also wir, die wir uns gerade mit einem lachenden und einem weinenden Auge über dieses köstliche Theater-Spektakel amüsieren –, dass wir das letzte Kapitel der Menschheit aufgeschlagen hatten und nichts taten, um unseren eigenen Untergang zu verhindern?

Aber bevor wir anfangen zu verzweifeln, schicken uns Yael Ronen und ihre tolles Ensemble lieber mit einem rassigen Song über das Wunder des Lebens und die Schönheit der Apokalypse in die kalte Nacht: Es liegt an uns, wir müssen uns nur entscheiden, ob wir widerspenstige Hexe oder frommes Lamm sein wollen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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