Laurent Chétouane & Leonard Engel:: "Op. 131 End/Dance" © Eva Würdinger
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HAU 1 - Laurent Chétouane & Leonard Engel: Op. 131 End/Dance

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Das Beethoven-Jahr zum 250. Geburtstag wirft seine Schatten voraus. Und das nun auch im Tanz. Der Berliner Choreograph Laurent Chétouane hat ein Solo-Tanzstück entwickelt, zu Beethovens Streichquartett op. 131. Ein Solo für den früheren Ballett-Tänzer Leonard Engel. Am 29. November war Uraufführung im Berliner Hebbel am Ufer.

Beethovens Cis-Moll-Quartett op. 131 wird live gespielt, in voller Länge, von den Geigern Artiom Shishkov und Azadeh Maghsoodi, der Bratscherin Nora Romanoff-Schwarzberg und vom Cellisten Stefan Hadjev. Sie machen das seriös und gediegen, in den lyrisch-melancholischen Momenten etwas unterspannt, in den dramatischen dafür schön feurig. Die vier sitzen zu Beginn – das wird noch wichtig – nicht ganz im Zentrum der leeren Bühne, sondern etwas nach rechts versetzt, der Raum hat so eine gewisse Unwucht, scheint nach rechts zu kippen.
So ergibt sich links eine große weite Leere für den Tänzer Leonard Engel, an der Pariser Oper im Klassischen Ballett ausgebildet, bis 2016 beim Bayerischen Staatsballett, seitdem mit eigenen Projekten und als Tänzer im Zeitgenössischen Tanz unterwegs, keine übliche Karriere für einen Ballett-Tänzer.

Strenge Reduktion – Laufen, Drehen, Kreisen

Laurent Chétouane lässt ihn in strenger Reduktion tanzen. Der Tanz besteht nahezu ausschließlich aus Drehungen und Kreisformen. Leonard Engel läuft zumeist rückwärts in Trippelschritten über die Bühne und dreht sich um die eigene Achse.
Zu Beginn noch ruhig, in regelmäßigen Schritten, der sanft fließenden, etwas schwermütigen Musik des ersten Quartett-Satzes entsprechend – die Arme hängen locker seitlich herab – alles ganz unspektakulär, zumal Engel auch in blauer Jeans, weißem T-Shirt und einfachen Sportschuhen tanzt.
Mit zunehmendem Tempo der Musik erhöht auch er das Tempo der Laufwege und Drehungen, geht kurz auf die Zehenspitzen, wechselt plötzlich die Richtungen, zwischen Rückwärts- und Vorwärts-Laufen und Drehung nach rechts oder links, die Schritte werden zum flotten Trippeln, die Kreise der Laufwege werden immer größer und weiter.

Laurent Chétouane & Leonard Engel:: "Op. 131 End/Dance" © Eva Würdinger
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Reduktion nicht ungewöhnlich für Laurent Chétouane

Mehr Bewegungsmaterial gibt es nicht. Das ist eine radikale Reduktion, nicht ungewöhnlich für Laurent Chétouane, der zu den konzept- und theoriestarken Choreographen gehört oder gehörte – seit einigen wenigen Jahren ist er in einer Neuorientierung, löst sich etwa von der Dekonstruktion von Bewegungs- und Performance-Prozessen, vom Thematisieren der Tänzer-Präsenz-Fragen, vom Tanzen als System-Analyse. Er findet zum Körper zurück und darin scheint er sich mit Leonard Engel zu treffen, der seinen ehemals ballett-trainierten Körper wie aufzubrechen, zu öffnen scheint.
Aber wie Beethoven in diesem Streichquartett geht es letztlich auch im Tanz um Variationen der Form.

Variationen des Bewegungsmaterials – Taumeln, Schlingern, Trudeln

Diese Variationen zeigen sich v.a. in der Komplexität der Fußarbeit, in den Tempo-, Richtungs- und Rhythmuswechseln. Und Leonard Engel verschiebt immer wieder die vertikale Körperachse, der Körper neigt sich zur Seite, biegt sich nach hinten, kommt in Schieflagen und das mitten im Drehen und Kreiseln. Sein Tanz wird zu einem Taumeln und Schlingern, Trudeln und Strudeln. Er droht an die Seitenwände zu stoßen oder über die Rampe ins Publikum zu fliegen oder die Musiker auf ihren Stühlen umzustoßen – zweimal stürzt er auch, einmal gewollt, einmal ungewollt. Aus dem einfachen, reduzierten Bewegungsmaterial wird also durch Variationen eine komplexe Struktur.
Zumal er dann auch noch die Raumbedingungen ändert, ein für Chétouane typischer Einfall. Leonard Engel schnappt sich die Stühle der Musiker und stellt sie im Raum um – ihre Quartett-Situation ändert sich und der Bühnenraum wird ein anderer, wird offener und unruhiger, weniger in sich geschlossen.

Aus Quartett wird Quintett – Entwicklungspotenzial

Der minimalistische Ansatz funktioniert, zumal Leonard Engel die Spannung hält zwischen Trance und Selbst-Beobachtung – er tanzt mit geschlossenen Augen und aufmerksamem Blick. Der Umgang mit den vielen Stimmungen, Atmosphären, Brüchen und Umschichtungen in Beethovens Musik passt. Engel tanzt mal in und mit und mal neben der Musik und nimmt sie teilweise auch vorweg. Aus dem Quartett wird ein Quintett und im Tanz zeigt sich eine Strenge, die sich momenthaft in Freizügigkeit öffnet, in ein lustvolles, befreites Loslassen, wobei das grundsätzliche, unausgesetzte Vorangetriebensein bleibt. Allerdings hätten die Bewegungsvariationen noch vielfältiger sein können und müssen – eine Folge des Konzepts, der Beschränkung der Bewegungsformen. So bleibt es bei einem faszinierenden Solo, das noch Entwicklungspotenzial hat.

Frank Schmid, rbbKultur

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