Kat Valastur: "Arcana Swarm", HAU 1 © Dorothea Tuch
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HAU 1 - Kat Válastur: Arcana Swarm

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Die Berliner Choreografin Kat Válastur ist bekannt für sehr eigentümliche, exzentrische Tanzstücke mit oft surrealen Erlebnis- und Bildwelten. In ihrem neuen Stück "Arcana Swarm" soll es nun um die Flüchtigkeit und Fragilität von Freude gehen, so die Ankündigung. Gestern war Premiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Diesmal schickt Kat Valastur ihre sieben Tänzerinnen und Tänzer durch verglühende emotionale Zustände, in denen die Körper und Bewegungen überwältigt werden von Freude, Trauer oder Angst.
Die Zeiten und Räume des Geschehens sind unklar verschwommen, wie das Licht, das die zumeist dunkle Bühne nur in Spotlights erhellt und das die anthrazitschwarzen Vorhänge an den Seiten und an der Rückwand dunkel-silbern schimmern lässt. Vorhänge, die flattern und sich aufbauschen – ähnlich wie der Elektrosound, der sich in Wolken aufbaut und auflöst.
Dies ist ein unsteter, nicht greifbarer Ort, wie eine Zwischenwelt – ähnlich wie Valasturs postapokalyptischen Stücken der letzten Jahre, nur das hier unsere Gegenwart gemeint ist.

Fröhliche Liebeserklärung – Beharrlichkeit und Lebensfreude

Dieses Stück ist eine fröhliche Liebeserklärung in einer leichten spielerischen Performance, die zwischen Konkretion und Assoziation changiert. Die Namen der Frauen werden nur kurz erwähnt, die Performance selbst ist eine emotionale Reflexion, ein Assoziationsraum, für den allerdings sehr viele Frauen Inspiration gewesen sein könnten.
Juliana Piquero und Alex Viteri erst als Duo, dann am Ende auch Catalina Fernandez, die bis dahin als D-Jane am Pult stand, geben ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zu diesen Frauen Raum.
Beharrlichkeit, Lebensfreude und selbstbestimmtes Leben drücken sich in ihren Performance-Aktionen aus, zu denen es auch gehört, den Zuschauern Blumen zuzuwerfen und ihnen Schnaps zum gemeinsamen Anstoßen auszuschenken  – das funktioniert immer und lockert die Stimmung, hier hat es gepasst und wurde auch freudig angenommen.

Kat Valastur: "Arcana Swarm", HAU 1 © Dorothea Tuch
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Jubilieren und Frohlocken, Erschrecken und Ehrfurcht

In dieser Zwischenwelt zerfließen die Tänzerinnen und Tänzer in ihren jeweiligen Zuständen und Atmosphären. Die Bewegungen entstehen etwa aus kleinem Erbeben von Bauch und Becken, ein Erbeben, das den ganzen Körper erfasst, das ihn krampfhaft zucken lässt, jeder Muskel angespannt, eine kaum mehr bewegliche Verhärtung, die Glieder scheinen aus den Gelenken heraus zu knacken.
Oder sie wandern und gleiten, schreiten und hüpfen durch den Raum, Arme und Kopf erhoben, die Gesichter strahlend, ein Jubilieren und Frohlocken, das jedoch ebenso vergehen wird, wie die Zustände von Erschrecken, Ehrfurcht und Hingabe. Oder wie das Wimmelbild, die orgiastische Skulptur sich streichelnder, liebkosender Körper, zu der sich die sonst einsam durch den Raum Treibenden einmal versammeln. Alles vergeht, jeder Zustand, jede Emotion erlischt, ergibt sich übergangslos in etwas anderes, was ebenso wenig von Dauer ist. Die Körper krampfen und verschießen und sie öffnen und weiten sich, alles bleibt nur für einige Zeit existent.

Daseins-Erfahrungen des Einzelnen

Auch Kat Válastur widmet sich wie so viele andere Choreograf*innen des Zeitgenössischen Tanzes derzeit dem Thema Gemeinschaft, der Frage, wie Gemeinschaften entstehen und vergehen. Das ist eines ihrer Grundthemen, das sich auch hier findet, aber nicht im Vordergrund steht. Die Spannungen, die sich im Raum zwischen den Vereinzelten auftun, die Kraftfelder, die zwischen ihnen zu wirken scheinen, die sie auseinander und zueinander treiben, sind nicht das Entscheidende. Hier geht es v.a. um Daseins-Erfahrungen des Einzelnen, um das Aufgehen in Emotionen und die mögliche Gleichzeitigkeit verschiedener Emotionen.

Entschleunigung und Beschleunigung – Zeitlupe und Chaos

Und das oft in Zeitlupe, in Verlangsamung und Entschleunigung der Bewegungen, in denen die Tänzer Mimik, Gestik und Körperhaltungen von einem Gefühl ins nächste gleiten lassen. Das Sich-Selbst-Genießen im glücklichen Rausch, die Erhabenheit in der Hingabe an die Freude verschiebt sich langsam in Entsetzen oder Hysterie, man sieht das Hinübergleiten von Glück in Schmerz und beides wird als ekstatischer Zustand gezeigt.
Die Zeitlupen-Entschleunigung und die Unruhe, das Chaos, das alle erfasst, das sie hektisch durch den Raum schwirren lässt – das eine entsteht aus dem anderen – es erfasst jeden einzelnen und die gesamte Gruppe und damit ist das Thema Gemeinschaft angesprochen.

Ein Herz, zwei Kirschen und Luftwurzeln

Kat Válastur ist auch bekannt für einzigartige Räume, für Skulpturen und Objekte auf der Bühne. Diesmal sind es keine schwebenden Neonröhrenkonstruktionen oder ineinander kippende weiße Wände. Diesmal sind es ein fleischfarbenes Herz, so groß wie ein Mensch und zwei von der Decke hängende riesige Kirschen, die wie verwest aussehen, es ist ein riesiges Ohr und zwei blaue Gestänge, die wie Luftwurzeln durch den Raum ranken. An diesen sind Mikrofone befestigt, in die die Tänzer summen, gurren, pfeifen. Ihre Geräusche werden in Loops in die Elektrosound-Wolken eingespeist, die in sanften Klangflächen dahinschweben oder in tiefen Bässen wummern oder sich am Ende zu einem lauschigen Sommerabend mit Grillenzirpen und Vogelzwitschern erheben.

Diagnose einer neurotischen Gesellschaft

Der Sound, die Objekte, das diffuse Licht, die emotionalen Schwebezustände, die karstigen und exaltierten Bewegungen – das alles wirkt bizarr und rätselhaft, mitunter auch verstörend und beängstigend. Und alles zusammen ergibt das Abbild einer zwangsgestörten neurotischen Gesellschaft – das scheint hier ihre Gegenwarts-Diagnose zu sein. Es gibt keine wohltemperierte Ausgeglichenheit, nur Zustände der Dauer-Erregtheit.

Das ist als Diagnose nicht neu, aber zutreffend und von Kat Valastur in einem ihrer eindringlichsten Stücke perfekt in Szene gesetzt.

Frank Schmid, rbbKultur

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