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Bea Rodrigues
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Sophiensæle – Hochzeitssaal - Fan de Ellas

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Eine Hommage an drei lateinamerikanische Heldinnen soll das neue Stück von drei Berliner Tanzkünstlerinnen sein. "Fan de ellas", "Fans von ihnen", so der Titel dieser Choreographie von Juliana Piquero, Alex Viteri und Catalina Fernandez. Gestern Abend war Premiere in den Sophiensælen in Berlin-Mitte.

Die drei Heldinnen sind eine Sängerin, eine Sportlerin und eine Mutter – genauer gesagt: die Sängerin Gilda, eine berühmte argentinische Cumbia-Sängerin, in Lateinamerika bis heute ein großer Star, obwohl schon 1996 bei einem Autounfall ums Leben gekommen und Yulimar Rojas, die Leichtathletin aus Venezuela, in den letzten Jahren bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sehr erfolgreich und schließlich Luz Marina Giraldo, die Mutter einer der drei Performerinnen, 2016 an Krebs verstorben.
Worin genau die Faszination an diesen Frauen besteht, warum sie für die drei Künstlerinnen Heldinnen sind, das wird im Stück nicht erklärt und nicht gezeigt – man kann es nur vermuten.

Fröhliche Liebeserklärung – Beharrlichkeit und Lebensfreude

Dieses Stück ist eine fröhliche Liebeserklärung in einer leichten spielerischen Performance, die zwischen Konkretion und Assoziation changiert. Die Namen der Frauen werden nur kurz erwähnt, die Performance selbst ist eine emotionale Reflexion, ein Assoziationsraum, für den allerdings sehr viele Frauen Inspiration gewesen sein könnten.
Juliana Piquero und Alex Viteri erst als Duo, dann am Ende auch Catalina Fernandez, die bis dahin als D-Jane am Pult stand, geben ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zu diesen Frauen Raum.
Beharrlichkeit, Lebensfreude und selbstbestimmtes Leben drücken sich in ihren Performance-Aktionen aus, zu denen es auch gehört, den Zuschauern Blumen zuzuwerfen und ihnen Schnaps zum gemeinsamen Anstoßen auszuschenken  – das funktioniert immer und lockert die Stimmung, hier hat es gepasst und wurde auch freudig angenommen.

Fan de Ellas © Bea Rodrigues
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Hüpfende und wackelnde Pobacken

Zu Beginn, in einer sehr langen Sequenz, bewegen sich Juliana Piquero und Alex Viteri vornübergebeugt, die Beine meist weit gespreizt, die Hände auf dem Boden oder an den Knöcheln und Schienbeinen, die Füße schnell trippelnd – und zwar mit dem Rücken zum Publikum. Man sieht also nur die hopsenden und wackelnden Pobacken. Das ist komisch und irritierend, das sieht mühsam und anstrengend aus wie ein unendlicher Kampf, in dem es kein Aufgeben, kein Scheitern, aber auch keinen Fortschritt, keine Entwicklung gibt. Es dauert sehr lange, bis eine den Zuschauern einen Blick über die Schulter zuwirft und dieser ist dann keck grinsend und strahlend, ein wunderschönes Lächeln von Alex Viteri, als wolle sie dem Drama des Existenzkampfes reine Lebenslust entgegensetzen.

Sport- und Wettkampf-Übungen

Später dann – nach der kleinen Pause, die alle drei mit Wassertrinken, Herumstehen, Quatschen und Schnaps ausschenken verbringen – folgen Sport-Übungen, Lockerungs- und Konzentrations- und Motivationsübungen wie bei Sportlern kurz vor dem Wettkampf, gefolgt von Freude- und Jubel-Gestik – womit sie sehr konkret an die Leichtathletik-Heldin anschließen, wenn auch mit ironischer Distanz zu den oft gesehenen und zu oft gezeigten immer gleichen Bildern von Sportveranstaltungen.
Am Ende tanzen alle drei mehr oder minder synchron eine Art Line-Dance, wobei jedoch nur Catalina Fernandez auf ihrem Smartphone die vorgeschriebenen Bewegungen sieht und die anderen beiden sie nachzuahmen versuchen – ein kurioses Ende.

Ungefilterte Bewunderung

Das ist eine persönliche Reflexion mit einfachen Performance-Ideen, nicht sonderlich tiefschürfend oder konzeptionell – das will dieses Stück auch gar nicht sein. Dies ist ungefilterte Bewunderung, etwas unkritisch und eindimensional.
Es geht ihnen offensichtlich einfach um eine Liebeserklärung an starke, unabhängige, selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen – in einigen wenigen Szenen tanzen sie zu der sehr gut tanzbaren lateinamerikanischen Popmusik frei und lässig und selbstgenießerisch.
Jedwede Tragik-, Leidens- und Opfer-Perspektive, Rassismus, Diskriminierung, Migration, Überlebenskampf – all das bleibt außen vor, man kann es sich dazu denken, es ist für die Performance aber nicht bestimmend.

Leichtgewichtiger lebensfroher Abend

Juliana Piquero, Alex Viteri und Catalina Fernandez, alle drei aus Argentinien oder Kolumbien, seit Jahren in der Tanz- und Performance-Szene Berlins als Choreographinnen, Tänzerinnen, Licht-, Musik- und Video-Künstlerinnen unterwegs, die drei, die sich als Team verstehen und immer genreübergreifend arbeiten, sie haben sich hier für einen leichtgewichtigen, lebensfrohen, heiter-vergnüglichen Abend entschieden. Und das gelingt ihnen, das ist auch mal ganz erholsam bei dem sonst so stark theorielastigen Berliner Tanz. Es ist wie ein bisschen Sommer-Gefühl im dunklen November.

Frank Schmid, rbbKultur

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