Titel: Howl. Autor: nach Allen Ginsberg - David Marton und Ensemble. Regie: David Marton. Buehne: Christian Friedlaender. Kostueme: Tabea Braun. Choreografie: Jill Emerson. Licht: Henning Streck. Dramaturgie: Peggy Maedler, Henning Nass. Ort: Volksbuehne Berlin. Urauffuehrung: 21. November 2019. No model release. Spieler*Innen: Paul Brody, Jan Czajkowski, Marie Goyette, Thorbjoern Bjoernsson und Jill Emerson u.a..
David Baltzer
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Volksbühne - "Howl"

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Das Gedicht "Howl" von Allen Ginsberg, zu deutsch: Geheul, galt bei seiner Veröffentlichung 1956 als derart obszön, dass es verboten wurde. Den Gerichtsprozess gewann sein Verleger dann aber – ein Befreiungsschlag für die Kunst- und Meinungsfreiheit. An der Volksbühne hat der Regisseur David Marton "Howl" nun auf die Bühne gebracht.

Schon die erste Szene entwickelt musikalische und bildhafte Sogwirkung. Silvia Rieger betritt mit schwarzem langen Indianerinnenhaar und amerikanischem Jeans-Hemd die Bühne und beginnt eine alte Kaffeemühle zu drehen. Immer hektischer wirft sie die Bohnen ein, verschüttet sie, dreht rasend weiter. Dazu setzt auch das Drehen der Bühne ein und die treibende Klaviermusik, Pauken kommen hinzu, Trompeten, ein Akkordeon. Alles live gespielt.

Auf der Bühne kreiselt ein türkisfarbener Springbrunnen, der an ein explodiertes Knallbonbon erinnert, daneben ein schwarzer Fels, auf der Rückseite das Zimmer einer Psychiatrie, dann ein Betongerüst. Alles getaucht in grünes, später rotes Licht, riesige Schatten bilden sich an den Wänden.

Und dazwischen hetzen Menschen, wie man sie von Fotos amerikanischer Straßenfotografen der 1960er Jahre kennt: ein weißer Matrose, eine Frau im Afro-Look, ein Mann in Black-Panther-Uniform, ein anderer mit Coca-Cola-Shirt. Später spielen sie stumme Miniaturszenen. Zwei Männer springen in den Brunnen und küssen sich, ein Hippie wird von einem Polizisten gemaßregelt, wie im Wahnsinn kämpfen sie gegen die Tretmühle des Leben an.

Vom Gedicht wird wenig vorgetragen

David Marton hat aus Allen Ginsbergs Gedicht einen musikalischen Drogentrip gemacht, der ins Abgründige und Albtraumhafte führen möchte. In den 80 Minuten des Abends, das ist das Erstaunliche, ist vom Gedicht kaum etwas zu hören. Nur ein paar Einsprengsel hier und da, etwa, wenn Hendrik Arnst auf dem Psychiatrie-Bett sitzt: "Ich bin bei dir in Rockland. In meinen Träumen kommst du triefend von einer Seereise auf dem Highway durch Amerika, in Tränen aufgelöst, zur Tür meiner Hütte in der westlichen Nacht. Ich bin bei dir in Rockland."

Die Passage ist direkt an Carl Solomon gerichtet, dem Ginsberg das Gedicht gewidmet hat. Den Autor Solomon hat Ginsberg in der Psychiatrie kennengelernt, wo er selbst acht Monate verbrachte. Rockland symbolisiert den Ort der Psychiatrie. Dieser Teil des Gedichts ist eine hingebungsvolle Beistands- und Liebeserklärung an Solomon und jene Menschen, die von der Gesellschaft ausgesondert wurden.

Bilder, Klänge und Atmosphäre übersetzen das Gedicht

Vorrangig aber wütet Ginsberg in "Howl" gegen Fesseln und Vorurteile. Es geht um Drogen, Jazz, um Wahnsinn, Sex, Liebe, Homosexualität. Doch auch um den Rassismus gegen Schwarze in den USA, um Konformismus. Um den Moloch Großstadt und den Kapitalismus darin, der Menschen krank macht.

All das fehlt nun allerdings in Martons an Christoph Marthaler angelehnte Musiktheater-Inszenierung, die fast ohne Worte auskommt. Er hat das Gedicht übersetzt in Bilder, Klänge, Atmosphäre – was zwar zum rhythmischen, bildstarken, flirrenden Text passt. Doch nicht mehr als eine sehr lose, assoziative Verbindung dazu herstellt.

Drei Klaviere und ein Cembalo liefern den hypnotisierenden Sound

Marton zitiert auch mal Jazz und Blues, ansonsten verzichtet er aber auf die Verbindungen in die amerikanische Musik der 1950er und 60er. Den hypnotisierenden Sound liefern hauptsächlich drei Klaviere und ein Cembalo mit repetitiven Minimal-Music-Motiven barocker Melodien, mathematisch durchkomponiert wie bei Bach, am Ende wird tatsächlich Geistliches gesungen: Pergolesis "Stabat mater".

Doch so musikalisch und ästhetisch einnehmend die Inszenierung ist – die rasende, wütende Gesellschaftskritik, die Ginsberg auf den Asphalt schmettert, ist bei Marton nicht vorhanden. Und das bleibt dann doch eine große Leerstelle bei einem Text von dieser historisch-politischen Schlagkraft.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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