Wolken.Heim. von Elfriede Jelinek | Regie: Martin Laberenz © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Wolken. Heim."

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"Wir sind das Volk" haben vor 30 Jahren die Bürger in der DDR gerufen, als sie gegen das repressive System revoltiert haben. Heute versuchen Rechtspopulisten diesen Protestruf für sich zu vereinnahmen. Aber wer ist das: "Wir"? Was meinen wir in Deutschland, wenn wir "Wir" sagen? Schon 1988 hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek das Stück "Wolken. Heim." über das deutsche Selbstverständnis geschrieben. Dabei taucht sie in die deutsche Geistesgeschichte ein, untersucht Nationalismus und Fremdenhass und folgt deren Spur bis in die Gegenwart.

Am Deutschen Theater hat Martin Laberenz den Text jetzt inszeniert. Da das Stück zeitlos danach fragt, welche Kultur, welches Selbstverständnis, vor allem: welche Sprache in Deutschland den Boden für den Nationalsozialismus geebnet hat, wirkt es noch so aktuell wie in den 1980er Jahren. Zu untersuchen, auf welchen Gedanken, Grundsätzen, Werten unsere Gesellschaft über die Jahrhunderte aufgebaut wurde, ist immer erhellend – heute jedoch, zu Zeiten des grassierenden Rechtsrucks, scheint es umso wichtiger.

Ambivalenzen

Jelinek wartet selbstverständlich nicht mit Antworten oder klarer Moral auf, sondern mit Ambivalenzen. Sie schreibt keine Dramen mit Figuren und Handlung, sondern, wie man so sagt, Flächen, Wortsteinbrüche. Diesmal fließen fast nur Zitate, tote Stimmen ineinander. Jelinek lässt Hölderlin sprechen, Fichte, Hegel, Kleist, Heidegger, aber auch die Briefe der RAF. Sie macht die Sprache dieser Autoren hörbar, doch sie verzerrt sie auch, demontiert, setzt Zitate neu zusammen.

Wolken.Heim. von Elfriede Jelinek | Regie: Martin Laberenz © Arno Declair
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Die Gefährlichkeit von Sprache

Eine geschickte Collage, die aufzeigt, wie ideologisch verwertbar die idealisierte und nationalromantische Geistesgeschichte war. Die Frage lautet: Warum konnten diese Autoren von Militaristen, Nationalsozialisten, Faschisten derart instrumentalisiert werden? Jelinek steigt tief in die Katakomben der deutschen Kultur- und Philosophiegeschichte; der Text ist ein einziges dunkles Raunen mit nationalistisch-größenwahnsinnigem Stimmenwirrwarr, das einen in dieser Ballung umhaut. Letztlich geht es um nichts weniger als um die Gefährlichkeit von Sprache an und für sich.

Stimmen aus der Vergangenheit

Martin Laberenz hat bereits Jelineks Stück "Wut" am DT inszeniert – als große Gaudi mit Video, Pop und Cocktails. "Wolken. Heim." ist nun, das überrascht positiv, nicht ansatzweise so spektakelhaft. Laberenz setzt an diesem kurzen, 80 minütigen Abend fast ausschließlich auf Sprache, auf die Stimmen aus der Vergangenheit – die mitunter gar nicht so vergangen klingen.

"Wir sind hier bei uns"

Über die vordere Bühnenhälfte ist ein Kunstrasen ausgebreitet, nach hinten verschwindet die Sicht in einem schwarzen nebligen Nichts. Auf der Bühne sitzen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler in kermit-froschgrünen Glitzeranzügen auf Campingstühlen, dazu Vogelgezwitscher, und schmecken selbstzufrieden dieses "Wir" ab. "Wir sind hier bei uns" heißt es immer wieder, "Unter den Völkern das Erste!". Oder: "Wir sind der Sockel, der die Statuen der Sieger trägt."

Zwiespältige Figuren der deutschen Geschichte

Passend zu diesem Sockel bringen Techniker später Holzteile herein, die zu einem großen Podest aufgebaut werden. Es hat zwar Löcher, aber man kann es besteigen – gegen Ende stehen alle Spieler gemeinsam dort oben, kultiviert und elegant in schwarzen Roben und Anzügen, nicht mehr die grünen Naturkröten von zuvor, und singen Martin Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott". Luther ist ja eine ebenso zwiespältige Figur der deutschen Geschichte, die beim Reformationsjubiläum 2017 hauptsächlich gefeiert wurde.

Distanzierende Ironie

Der Abend warnt also durchaus vor dem Wiedererstarken der rechten Kräfte. Allerdings nicht didaktisch mit dem Zeigefinger. Laberenz' Kommentar liegt in der distanzierenden Ironie, mit der er die Spielerinnen und Spieler sich in ihrer ausgestellten Selbstzufriedenheit suhlen lässt. Darunter so bekannte Namen wie Regine Zimmermann und Birgit Unterweger.

Kein einfacher Abend

Ausgangspunkt ist eine unsichere Nation, die nach einer neuen Identität sucht – bei dieser Suche aber immer wieder auf die Wurzeln der alten Identität stößt. Da spielt auch die deutsche Teilung hinein, Laberenz lässt Lieder von DDR-Musikern wie Silly, Klaus Ranft oder den Puhdys singen. Man schaut dabei zu, wie aus dieser Selbstverunsicherung wieder eine Herrschaftsarroganz entsteht, ein Schulterschluss der Privilegierten mit Abstiegsängsten. Kein einfacher Abend, vieles ist irritierend, nicht zuzuordnen, raunt vor sich hin. Doch um das Aushalten dieser Ambivalenz und Verwirrung unserer Geschichte ging es schon Elfriede Jelinek.

Tiefenbohrung

Auch wenn bei den vielen Texthängern und der Orientierungslosigkeit des Ensembles in der Premiere durchaus noch Luft nach oben ist: Eine Inszenierung, die die Wurzeln deutscher Geistesgeschichte untersucht, ist eine Tiefenbohrung, die gewinnbringender ist als jedes bloße Stochern im Hier und Jetzt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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