Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Gerrit Jansen, Stefanie Reinsperger, Barbara Schnitzler, Andreas Döhler (Quelle: Matthias Horn)
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Glaube und Heimat"

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Glaubenskrieg – da mag man an den Islamischen Staat und den Völkermord an den Jesiden denken, an die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten oder an die verfolgten Uiguren in China. Doch auch mitten in Europa, in Österreich, wurden noch im 19. Jahrhundert Protestanten vertrieben oder getötet, wenn sie nicht zum Katholizismus übertreten wollten.

Davon erzählt Karl Schönherrs selten gespieltes Stück "Glaube und Heimat", das Michael Thalheimer am Berliner Ensemble inszeniert hat. Es spielt 1837 in Tirol, Schönherr hat es 1910 geschrieben und Thalheimer lässt die verfolgten protestantischen Bauern Figuren in Schürze und Cordhose sein, ohne, dass man sie fest in einer Zeit verorten könnte. Thalheimer interessiert sich nicht für eine Behauptung von Aktualität, sondern für existenzielle Fragen – auch deshalb inszeniert er so häufig antike Dramen.

Auch Schönherrs Stück wartet weder mit ausgefeilter Psychologie auf noch beschreibt es die Vergangenheit historisch genau. Es verhandelt Grundsätze zum Stücktitel Glaube und Heimat. Die Bauernfamilie Rott bewirtschaftet darin in Tirol seit vielen Generationen einen Hof. Großvater und Vater leben heimlich ihren protestantischen Glauben, während Frau und Sohn "echt" katholisch sind.

Durchs Dorf zieht ein Reiter, ein vom Kaiser eingesetzter Mönch, der die Protestanten vertreibt oder gleich umbringt, wenn sie ihrem Glauben nicht abschwören. Als der Vater – Christoph Rott – sieht, wie seine Nachbarin vom Reiter erstochen wird, weil sie an ihrer Bibel festhält, kann er den eigenen Glauben nicht mehr verleugnen. Er bekennt sich, verliert den Hof, die Heimat, am Ende auch noch seinen einzigen Sohn – und bringt das Übermenschliche zustande: Er reicht dem Reiter, dem Feind, die Hand, wie es in der Bibel steht. Dieser zerbricht daraufhin sein blutiges Schwert.

Ein romantisiertes Finale, das die Heldentat der Vergebung als Hoffnung setzt, den Kreislauf des Mordens zu durchbrechen. Die Nationalsozialisten haben das Stück und Schönherrs Schaffen besungen – sicher auch, weil sich die Standfestigkeit im Glauben auslegen lässt als Prinzipientreue und Führergehorsam. Schönherr hat sich gegen diese Vereinnahmung nie gewehrt – ein Grund, warum er bis heute so selten gespielt wird, nachdem er in den 1910er Jahren als Kassenschlager galt.

Gewaltiger Pathos

Thalheimer interessiert auch an diesem Stoff das Existenzielle: Wie viel kann einem Menschen aufgebürdet werden, bevor seine Standfestigkeit einbricht? Gelten die eigenen Glaubenssätze auch im Angesicht des Mörders des eigenen Kindes? Er inszeniert das Stück ganz bewusst so holzschnittartig, so schwarz-weiß, wie es auf dem Papier steht, ohne es zu skelettieren, wie es ihm sonst eigen ist. Diese Grobzeichnungen, das Ringen ums Ganze macht stets seinen Stil aus.

Vom ersten Moment an fährt er gewaltigen Pathos auf. Stefanie Reinsperger, die als Mutter zwischen dem Abschied von ihrem Mann und ihrem Sohn hin- und hergeschleudert wird, wirft sich mit großem Gefühl, mit Schreien, Zittern, Bibbern und vielen Tränen ins Spiel.

Dazu eine tiefschwarze Welt, die kein Mensch seine "Heimat" nennen wollen wird. Auf der düsteren Nebelbühne dreht sich ein gigantischer Quader aus Metall, der, je nach Licht, golden leuchtet wie ein sakraler Kirchenraum oder eiskalt wirkt wie eine Betonwand im Verlies. Dazu ein wummernder Sound, der bei jedem Szenenwechsel dramatisch hochfährt und einen in den Sitz drückt.

Thalheimer entwickelt die Tragödie nicht, er stellt die Szenen mit jedem Bühnendreh wie in einem religiösen Gemälde vor – als gäbe es von vorneherein kein Entkommen, keinen Handlungsspielraum.

Berliner Ensemble Vorabfoto Andreas Döhler in "Glaube und Heimat" von Karl Schönherr, Regie: Michael Thalheimer© Matthias Horn

Ohne Zwischentöne

Andreas Döhler gibt Christoph Rott mit nervösen Ticks, schweißnass, die Finger am Hemd nestelnd, zwischen Gewissen und Familie zerrissen. Ingo Hülsmann ist der sadistische, unerbitterliche Reiter, der Leute niedersticht als würde er Unkraut ausrupfen. Allesamt außergewöhnliche Schauspieler, die hier aber ganz ohne Zwischentöne in die Vollen gehen.

Ein bombastisches, überartikuliertes Überwältigungstheater mit heldenhaftem Ende, das einem manches Mal die Tränenrührung aufzwingt – etwa, wenn der kleine Sohn, der Wildfang, der sich an keine Obrigkeitsregeln hält, plötzlich tot im Arm der Mutter liegt.

Thalheimer inszeniert, ja zelebriert das sichtbare Leid der Familie, statt deren innere Gewissenskämpfe auszuleuchten. Doch dafür hätte es wohl ein anderes Stück gebraucht.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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