DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS © Gianmarco Bresadola
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Schaubühne - "Der kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht

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Der Regisseur Peter Kleinert ist Professor für Regie und Angewandte Dramaturgie an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Seit Jahren inszeniert er an der Schaubühne Abende mit seinen Studierenden. Brecht hat es ihm dabei angetan: "Der gute Mensch von Sezuan" stand in seiner Regie auf dem Spielplan, "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und "Die Mutter". Nun folgt Brechts "kaukasischer Kreidekreis".

Vor allem diese neue Arbeit zeigt weniger große künstlerische Ambitionen als Möglichkeiten für den Schauspielnachwuchs sich auszuprobieren. Der steht bei Kleinert im Zentrum, um die Rollen-Klaviatur möglichst weit abzuschreiten. Trotzdem verlangt der "kaukasische Kreidekreis" einem Regisseur einiges ab – schließlich spielt das Stück auf unterschiedlichen Ebenen und wird von einer Rahmenhandlung umschlossen. Der Brecht-Liebhaber Kleinert macht es sich jedenfalls nicht so leicht wie Michael Thalheimer, der am Berliner Ensemble schlicht jene Stück-Hälfte streicht, die ihn nicht interessiert.

Besitz wird duch den sozialistischen Staat bestimmt

Die äußere Geschichte spielt in Zeiten der stalinistischen Bodenreformen – zwei Kolchosen streiten sich um ein Tal. Damit die Frage nach dem rechtmäßigen Eigentümer mit einer sozialistischen Musterlösung beantwortet werden kann, erzählen ein Sänger und ein Musiker die Legende vom "kaukasischen Kreidekreis".

Diese innere Geschichte berichtet von der Magd Grusche, die im Bürgerkrieg das Baby annimmt, das ihre Herrin bei der Flucht eiskalt liegenlässt, um mehr kostbare Kleider einpacken zu können. Grusche muss vieles erleiden, um das Kind durchzubringen. Letztlich landet sie vor Gericht, weil die Herrin das Kind, und damit den rechtmäßigen Erben des Landes, zurückverlangt. Der Richter macht die Probe: Das Kind stellt er in einen Kreis aus Kreide, an seinen Händen die beiden Frauen – wer die Kraft hat, es zu sich zu ziehen, soll die wahre Mutter sein. Weil Grusche dem Jungen nicht wehtun möchte und nicht an ihm zerrt, wird sie zur rechtmäßigen Mutter ernannt. Für das Kolchosental in der Rahmenhandlung heißt das: Besitz wird nicht mehr durch Erbschaft bestimmt, sondern durch den sozialistischen Staat.

Alle Schaupieler sind Musiker und Sänger

Kleinert setzt eine andere Rahmenhandlung ein: Alle acht Spielerinnen und Spieler fungieren als Musiker und Sänger. Unter ihnen Philine Schmölzer, die eine cool kommentierende Erzählerin performt. Die linke Bühnenhälfte steht voller Instrumente – Cello, Schlagzeug, Xylophon, Gitarre, Klavier. Mit einer gemeinsamen Kakophonie beginnt der Abend, im Anschluss werden die Zuschauer als Genossen im Kaukasus begrüßt. Von einem dicken Brechtband wird der Staub gepustet – und in die Geschichte "aus alter, blutiger Zeit" eingestiegen.

DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS © Gianmarco Bresadola
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Die figurenreiche Handlung von der guten Grusche und ihrem Liebsten Simon, dem anarchistischen Richter Azdak, der auf der Seite der Armen steht, der Großfürsten-Familie, den Bediensteten, Bauern und den Reitern, die das Baby suchen, wird mit Dutzenden Rollenwechseln ausführlich erzählt. Bis auf Lotte Schubert, die nur die Grusche spielt, warm und gefühlvoll, wechseln die Spieler häufig die Rollen. Das gerät zwischendurch fast zwangsläufig zu klamaukig, zu schrill, wenn die Pelzmäntel und falschen Bärte fliegen – dazwischen zumindest leisere Szenen wischen Grusche und Simon, den Johannes Scheidweiler schön unbeholfen eckig spielt.

Neuere Postdramatik: Text als loses Spielmaterial

Einziger Rahmen und Rhythmus der Inszenierung bildet die Live-Musik und das chorische Sprechen. "Musik von Paul Dessau", heißt es im Programm, doch davon ist wenig zu hören. Hans-Jürgen Osmers schlägt am Klavier gemeinsam mit den Spielern mal jazzige Rhythmen an, häufiger Sprechgesang.

Wäre da nicht die Musik, zerfiele der Abend gänzlich in seine Splitterszenen, Unterbrechungen und kommentierenden Einzelteile – etwa wenn Brechts Stimme eingespielt wird, die Schauspieler bei den Proben korrigiert. Hier wird weniger episches Theater gespielt als neuere Postdramatik, die den Text als loses Spielmaterial begreift.

Welches Anliegen Kleinert mit dem Abend verfolgt, was ihn für den Stoff begeistert, bleibt unklar. Über rechtmäßige Besitzverhältnisse damals und heute erzählt die Inszenierung jedenfalls nichts. Unterhaltsam geraten die gut zwei Stunden mit so unterschiedlichen jungen Spielerinnen und Spielern dennoch.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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