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Deutsches Theater | Musikalische Lesung - "Erinnerungen an einen Staat"

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Die Gedenkveranstaltungen zum 30. Jubiläum des Mauerfalls sind gerade vorbei, da legt das Deutsche Theater noch mal nach. Corinna Harfouch und Alexander Scheer präsentierten in der Reihe DT Extra die musikalische Lesung "Erinnerungen an einen Staat". Und eigentlich wurde sogar an zwei Staaten erinnert …

Es ging um die DDR, wie sie wirklich war – grau, eingemauert, regiert von einer ziemlich beschränkten Führungsriege – und um die DDR der Herzen – das Land, von dem die Ostdeutschen träumten, als sie im Oktober und November '89 auf die Straße gingen. Von Wiedervereinigung war da noch nicht die Rede. Utopien wurden diskutiert und immer wieder die Frage: In was für einem Land wollen wir leben?

Ein Land voller Schrammen

Bei der Lesung gab es Texte der üblichen Vorzeige-Intellektuellen – Heiner Müller, Stefan Heym und Christa Wolf – aber auch von Emigranten wie Thomas Brasch und Einar Schleef, die die DDR weiß Gott nicht in den Himmel lobten. Thomas Brasch beschrieb sie zum Beispiel als ein Land, das viele Schrammen habe und seinen Bewohnern Schrammen zufüge. Aber sie doch sein Land gewesen.

DDR als Gesellschaft im Übergang?

Christa Wolf arbeitete sich in ihrem Roman "Stadt der Engel" an Begriffen wie "Wende", "Unrechtsstaat" und "SED-Diktatur" ab. Eine Frage wie "Wie lebt man in einer Diktatur?" brachte sie in Rage, weil sie den Vergleich mit der Nazi-Diktatur nahelegte. Die DDR begriff sich als Gesellschaft im Übergang. Beim Aufbau des Sozialismus gebe es Probleme, die später verschwinden würden, hieß es in der Propaganda. Auch viele Intellektuelle hofften darauf. "Wir mochten das Land nicht, wie es war, sondern wie es sein sollte", schrieb Christa Wolf. Und Volker Braun konstatiert in seinem jüngst erschienenen Buch, man sei "aus der Oase der Utopie in die Wüste des Wohlstands" gekommen.

Ungerechtigkeiten

Wiedervereinigungseuphorie klingt anders. Corinna Harfouch und Alexander Scheer haben bewusst Texte ausgesucht, die Sand ins Getriebe des Jubiläums-Jubels streuen. Beide stammen aus der DDR, sind aber keine "Jammer-Ossis". Man könnte sie als Profiteure der Wiedervereinigung bezeichnen – schließlich haben sie als Schauspieler heute Möglichkeiten, die sie in der DDR nie gehabt hätten. Aber sie wollen auch auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, die den Ostdeutschen im Zuge der Wiedervereinigung widerfahren sind. Stichwort: Treuhandanstalt.

Die nicht verwirklichten Utopien von 1989 wirken als Phantomschmerz nach

Da wurde das DDR-Volkseigentum nicht etwa dem Volk zugängig gemacht, sondern einfach privatisiert. Die DDR-Bürger hatten nicht die Mittel um gleichberechtigt mitzubieten und so gelangte ein Großteil der Betriebe und Grundstücke in West-Hand. "Kolonisierung" nannte das der Schriftsteller Wolfgang Hilbig in einer Rede 1997, die Corinna Harfouch und Alexander Scheer ausführlich zitierten, ebenso einen Dialog aus dem Stück "Wessis in Weimar" von Rolf Hochhuth, wo es genau darum geht: Der Westen hat die DDR aufgekauft. Die nicht verwirklichten Utopien von 1989 wirken als Phantomschmerz nach.

Ergreifend

Dass der Abend trotzdem nicht in Melancholie erstickte, ist erstaunlich. Corinna Harfouch und Alexander Scheer gelang es, die Texte so vorzutragen, dass sie das Publikum nicht niederdrückten. Und Scheer hatte auch seine Gitarre dabei. Seit er im Film von Andreas Dresen den Liedermacher Gerhard Gundermann gespielt hat, singt er auch dessen Songs, und sie klingen bei ihm fast besser als im Original. Da ist von den Kämpfen des Alltags die Rede und von der Sehnsucht nach Ehrlichkeit. Wer von Gundermanns Stasi-Vergangenheit weiß, wird auch Zwischentöne hören – zum Beispiel im Song "Ich mache meinen Frieden", der ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung herauskam. Alexander Scheer hat ihn mit seiner leicht kratzigen Diktion ungeheuer ergreifend gesungen. Da war sogar Corinna Harfouch, die ja oft cool und überlegen wirkt, sichtlich bewegt.

Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und man konnte eine Art Einverständnis des Publikums spüren – Sehnsucht nach einer neuen Utopie. Ergreifend!

                                                                                          

Oliver Kranz, rbbKultur

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