Zu der Zeit der Königinmutter von Fiston Mwanza Mujila | Regie: Charlotte Sprenger © Arno Declair
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Deutsches Theater | Box - "Zu der Zeit der Königinmutter"

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Vor fünf Jahren hat der kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila seinen ersten Roman veröffentlicht – und landete damit auf der Longlist für den Man-Booker-International-Prize. "Tram 83" spielt in einer Bar, in der gesoffen, Musik gemacht, geprügelt und gevögelt wird. Eine rohe, gewalttätige, pulsierende Welt. Mujilas Theaterstück "Zu der Zeit der Königinmutter" spielt nun wieder in einer Bar, irgendwo im Nirgendwo. Am Deutschen Theater Berlin ist es zum ersten Mal in Deutschland inszeniert worden.

Mujila entführt auch hier in eine rohe Welt: Die New-Jersey-Bar ist eine ähnlich fiese Spelunke wie die "Tram 83", allerdings ohne jeden Zeit- oder Ortsverweis. Ein paar Stammgäste hängen am Tresen, trinken und trauern den guten alten Zeiten nach. Als, wie es heißt, die Frauen noch "die Königinnen der Nacht waren und leuchteten vor Schönheit". Bis ein Fremder die Bar betritt – und mit ihm ein Stück Wirklichkeit.

Erinnerungen an eine rauschhafte Glückszeit

Doch es passiert eigentlich nicht viel mehr in diesem Stück, als dass man sich magische, mythische, gewaltige Geschichten erzählt und sie durch dieses Erzählen bewahren will. Etwa die über Jakob, der erst die Dinge und Tiere sprechen hört und sich dann in eine Schlange verwandelt und Menschen erwürgt. Oder von Solo, der Mensch aus Lehm, der sich am Ende im Regen auflöst. Die Trinker erinnern sich an die Vergangenheit, als sie Goldnuggets geschürft haben und ihnen die Geldscheine aus den Taschen gequollen sind. Zur Zeit der Königinmutter, der rauschhaften Glückszeit. Sie war die Chefin der Bar, die schließlich von einem Gast erstochen wurde. Die Heimat der Figuren liegt nun einzig in ihren Geschichten.

Zu der Zeit der Königinmutter von Fiston Mwanza Mujila | Regie: Charlotte Sprenger © Arno Declair
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Musikalische Sprache

Das wirkt manchmal allzu klischiert-exotisch – doch das Besondere des Textes ist sein Rhythmus. Er besitzt eine unglaublich musikalische Sprache, die mit Wiederholungen und Refrains spielt. Flirrend ist sie, fiebrig, drängt stets an den Abgrund, kennt nichts Laues, nur Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Gewalt – und Melancholie. Das ist schon deshalb ungewöhnlich, weil Mujila hier zum ersten Mal ein Stück in deutscher Sprache geschrieben hat. Seit zehn Jahren lebt er in Graz, seine Muttersprache ist französisch.

Der Inszenierung fehlt es an Gefühl für den Rhythmus des Textes

Inszeniert hat die deutsche Erstaufführung die junge Regisseurin Charlotte Sprenger. Sie lässt einen Live-Musiker hinter einem durchsichtigen Vorhang im hinteren Bühnenbereich am Klavier sitzen und ab und zu eine Melodie anstimmen. Doch wenn dieser Inszenierung etwas Grundlegendes fehlt, dann ist es ein Gefühl für Rhythmus, für die Musikalität von Sprache.

Immer wieder wird "Sag mir, wo die Blumen blüh’n" angespielt und schräg angesungen: ein Schmachtfetzen, der nichts mit dem kräftigen Drängen des Textes zu tun hat. Zwischendurch dröhnen Techno-Beats und R’n’B-Sounds vom Band, völlig unvermittelt.

Doch auch auf der Sprach-Ebene verliert der Abend jedes gefühlsschwangere Treiben, da die Schauspieler den Text entweder im Schnell-Sprech herunterrattern, oder ihn mit ironischer Distanz und süffisantem Lächeln zu Nichte machen.

 

Artifizieller Kunstraum, der jede Gefühlsregung erstarren lässt

Das Setting von Alexandra Pavlović macht es ihnen allerdings auch nicht eben leicht. Natürlich wird nicht in einer Bar gespielt. (Ein heiliges Gesetz des deutschen Theaters: einen Text niemals dort spielen lassen, wo er angelegt ist.) Das ist nicht an für sich ein Problem – hier jedoch wird er in einen hoch artifiziellen Kunstraum verlegt, der jede Gefühlsregung erstarren lässt.

Die fünf Spielerinnen und Spieler, darunter Franziska Machens und Harald Baumgartner, bewegen sich zwischen zwei gold-silbernen Rahmen am vorderen und hinteren Bühnenrand. In der Mitte eine blank polierte Toilette auf einem Sockel, die zwar nicht aussieht wie Duchamps’ Pissoir, aber von Niklas Wetzel durchaus angebetet, gestreichelt und geputzt wird wie ein kostbares Ausstellungsstück.

Die Spieler tragen (außer Baumgartner als Fremder in Cowboymontur) königsrote Kleider und haben weiß geschminkte Gesichter mit knallroten Wangen und aufgeklebten Glitzertränen. Eine Mischung aus Püppchen, Clowns und Rokoko-Figuren in einem Mix aus Puppenhaus und Museum. Wenn es heißt: "Wir befinden uns nicht im Theater. Wir existieren im Ernst, wir proben nicht!" – dann wird besonders exaltiert gestikuliert und Theater gespielt.

Künstlichkeit, Sterilität, Langweile

Selbstverständlich: Auch die Bar ist ein Traumraum, der Text selbst fordert wörtlich zum Fabulieren auf. Doch hier wird nicht fabuliert, sondern sich so weit wie möglich von der flirrenden Sprache des Stücks distanziert. "Zu der Zeit der Königinmutter" erzählt von der Kraft der Sprache, die lebendig gemacht werden will: "Worte besitzen keinen Wert, wenn sie nicht in den Zustand der Existenz gebracht werden", heißt es im Text. Hier aber herrscht Künstlichkeit, Sterilität, Langeweile.

Ohne Textkenntnis wird man kaum verstehen, was dieser Abend bedeuten soll. Mit Textkenntnis umso weniger. Entweder ist das alles ein großes Missverständnis – oder aber die Regisseurin nimmt das Stück ganz bewusst nicht Ernst. Ihre Einfälle dafür aber umso mehr.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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