Emanuel Gat: "Sunny" © JUBAL BATTISTI
JUBAL BATTISTI
Bild: JUBAL BATTISTI

Staatsballett Berlin in der Volksbühne - Emanuel Gat: "Sunny"

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Gerade erst hatte das Berliner Staatsballett einen umjubelten Premierenabend in der Staatsoper Unter den Linden ("EKMAN | EYAL"). Jetzt, genau neun Tage danach, gab es schon die nächste Premiere: "Sunny" heißt das Stück des ursprünglich aus Israel stammenden Choreografen Emanuel Gat.

Und "Sunny", der berühmte Soul-Song von Bobby Hebb aus den 60er Jahren war auch Inspiration für den früheren Tänzer bei Emanuel Gat, jetzt Komponisten Awir Leon. Der Song, extrem häufig gecovert, von Boney M. zum Disco-Hit aufgepeppt, erklingt auch kurz am Anfang, bevor die Musik sich auflöst in Elektrosound- und Techno-Wölkchen, in sentimentale Balladen mit Percussion oder harten Techno. Das hat dann nichts mehr mit dem Song von Bobby Hebb zu tun, höchstens mit dessen Stimmungen zwischen Melancholie, Trauer und erhoffter sonniger Freude.
So ist auch die Choreografie: voller höchst verschiedener Stimmungen und Atmosphären, kalt und heiß und von untergründig flirrender Hitze, ein Ausdruck der überreizten Überspanntheit unseres Lebens heute.

Reiner, purer Tanz – System-Struktur und Improvisationen

Dieses Stück, das 2016 zur Eröffnung von Tanz im August in Berlin zu sehen war, damals mit der Company von Emanuel Gat, jetzt mit dem Staatsballett neu erarbeitet, es ist reiner, purer Tanz. Es gibt keine Handlung und kein Thema, höchstens eine Art Motto: Mut zu Freiheit und Experiment.
Emanuel Gat, in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden, der von der Musik kommt, der Cello gelernt hat und Dirigent werden wollte, bis er mit 23 Jahren den Tanz für sich entdeckt hat, Emanuel Gat lädt die Tänzer immer zu freiem Improvisieren ein, baut mit deren Angeboten und Talenten das Stück und gibt dabei eine Art veränderliche System-Struktur vor. Auch bei den Aufführungen gibt es die Freiheit zur Improvisation, weswegen jede eine andere sein kann.

Emanuel Gat: "Sunny" © JUBAL BATTISTI
Bild: JUBAL BATTISTI

Spektakulärer Tanzstil

Seinem eigenen Tanzstil bleibt er aber auch dabei treu und der ist durchaus spektakulär – nicht umsonst gehört er, der schon lange in Frankreich lebt, zu den gefragtesten Choreografen im Zeitgenössischen Tanz.

Und dieser Stil ist höchst expressiv, wie ein Showing der Bewegungs-Möglichkeiten professioneller Tänzer und die neun Damen und Herren des Staatsballetts sind beeindruckend.
Die Bewegungen entstehen aus Kraft, Athletik und extremer Dehnbarkeit, sind Ausspreizungen der Glieder, Verdrehungen und Verdehnungen in den Gelenken, die Körper kippen und klappen in sich zusammen, öffnen und schließen sich, verkrampfen, verhärten und zerfließen ins Weiche. Es gibt abrupte explosive Wechsel und Ausbrüche in Bewegung, Gestik und Bewegungsrichtung, es gibt Verwirbelungen der einzelnen Bewegungen und der Gruppen in ihren Schwarmexistenzen. Das ist ein Sprudeln und Zersplittern und Zerbersten, sehr nervös und kapriziös, extrem energievoll. Die Tänzer wirken mitunter wie irrlichternde Irrwichte.

Unberechenbarkeit, Unvorhersehbarkeit

Wobei alles immer am Kippen ist: die Stimmungen, die Atmosphären, die Cluster-Struktur des Tanzes und zudem pflegt Emanuel Gat noch eine absolute Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Seine Choreografie ist im besten Sinne unzuverlässig. Und er bricht mit herkömmlichen dramaturgischen Regeln: wer, wann, wie abgeht und wieder erscheint, die Soli und kleinen und großen Gruppen bauen sich unvermittelt auf und vergehen ebenso unvermittelt, manchmal herrscht Chaos, dann Ruhe und Stille, manchmal ist es ein reines Gewusel über die Bühne, dann bleibt sie überraschend leer.

Erst sind die Tänzer in Slips und engen Shirts unterwegs, dann in Karnevalskostümen wie aus dem Opernfundus und dann wieder in Trainingskleidung, wie auf einer Probe im Tanzstudio.
Die Ballungen und Zerfaserungen der Choreografie wirken willkürlich, sind es jedoch nicht, wie die Szene, in der die Tänzer eine Sequenz immer wieder aufs Neue versuchen, bis eine oder einer "Stopp" ruft, weil etwas nicht gelungen ist und alle wieder von vorn beginnen.
Dies ist ein Stück voller verführerischer Widersprüche und Widerstände.

Faszinierend und problematisch

Die Vielfalt der Bewegungen und die Grandezza, mit der die Tänzer das schwierige Material beherrschen und mit ihren Persönlichkeiten stützen, ist faszinierend – sie und Emanuel Gat wurden auch vom Publikum mit kräftigem Applaus und kleinem Jubel bedacht.
Es gibt jedoch auch Probleme mit der Fokussierung, es schleichen sich Beliebigkeiten ein, manchmal fehlt ein stärker strukturierender Zugriff. Das war schon 2016 so und wird nun trotz der phantastischen Staatsballett-Tänzer wieder sichtbar. Die Choreografie ist sperrig und weit entfernt von jeder Gefälligkeit – Emanuel Gat will es dem Zuschauer nicht leicht machen.

Nach dem Premierendoppel letzte Woche mit Alexander Ekman und Sharon Eyal hat das Staatballett gleich noch einen außergewöhnlichen Abend nachgelegt, ist weiter konsequent im zeitgenössischen Tanz unterwegs.

Frank Schmid, rbbKultur

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