Ekman: LIB © Jubal Battisti
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Staatsoper Unter den Linden - Staatsballett Berlin: EKMAN | EYAL

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Doppelte Uraufführung beim Berliner Staatsballett. Mit Sharon Eyal und Alexander Ekman ist es dem Staatsballett gelungen, zwei international sehr gefragte Künstler nach Berlin zu holen, beide haben erstmals Stücke für das Staatsballett entwickelt. Gestern Abend war Premiere von "Ekman / Eyal" in der Staatsoper Unter den Linden.

Das erste Stück des Abends, "LIB" von Alexander Ekman birgt auch ein Sprachspiel in sich, der Titel  kommt von "Liberation", also "Befreiung". Und die Tänzerinnen lösen sich tatsächlich auf sehr kuriose Weise von einer extrem strengen Form. Im ersten Teil dieser Choreografie sieht man vier asketische Damen in engen, hautfarbenen Bodys, die Haare straff nach hinten gebunden, die Gesichter ausdruckslos, die Körper hager, fast skelettös in steif-gliedrigen, winkligen, geometrisch gezirkelten Bewegungen. Sie wirken wie Marionetten und Klone, rigoros und freudlos im Exerzieren ihrer Versteifungen. Bis sich plötzlich ein haariges Monster auf die Bühne wälzt.

Das wilde Fellhaar-Monster

Der Tänzer Johnny McMillan steckt von Kopf bis Fuß, auch das Gesicht verborgen, in einem Kostüm aus langen Haaren, das an die Chewbacca-Figur aus den "Star Wars"-Filmen erinnert und von Charlie Le Mindu stammt, dem New Yorker Designer, der mit Echthaar-Perücken arbeitet. Ekman soll schon lange davon fasziniert gewesen sein. Mit diesem Fellhaar-Monster ändert sich alles: die aseptisch-klinische Bühne wird zum offenen Spielplatz, die Damen erscheinen nun auch als Fellmonster, sind mutiert zu Mischwesen aus Mensch, Tier und Fabelgestalt.

Völlig losgelöster Tanz

Und sie tanzen nun völlig losgelöst zum gecoverten Stones-Song "Satisfaction", zu John Lennon und den Talking Heads, tanzen in Pop-Tanz- und Disco- und Glam-Fantasy-Stil, schütteln die Glieder, werfen die Köpfe. Sie sind jetzt sexy, lasziv und wild und andeutungsweise erotisch, die langen Haare flattern und fliegen und am Ende sitzen sie grinsend auf der Bühnenrampe und lassen Arme und Körper in Wellen fließen.

Neues Genre: das Ballett der komischen Monster

Der Schwede Alexander Ekman, einer der gefragtesten jüngeren Choreografen weltweit, hat sich hier einen Scherz erlaubt, eine fröhlich-lustige, witzige Choreografie, die man aber zu seinen Leichtgewichten zählen darf, eine charmante, nette Nummer, die viel Spaß macht, mehr aber auch nicht. Das Motto: "Befreie dich selbst von allen Zwängen, indem du das Fellmonster in dir entdeckst", sollte man doch besser nicht allzu ernst nehmen. Immerhin hat er ein neues Genre erfunden: das Ballett der komischen Monster.

Eyal: Strong © Jubal Battisti
Bild: © Jubal Battisti

Sharon Eyal: "Strong" – Automatentanz überarbeitet

Die zweite Uraufführung des Abends stammt von der israelischen Choreografin Sharon Eyal, die dem Staatsballett schon vor einem Jahr eines ihrer Erfolgsstücke überlassen hatte, den Publikumsrenner "Half Life". An diesen Erfolg kann sie nun mit "Strong" anknüpfen, denn es ist ihr gelungen, ihren automatengleichen Androiden-Tanz weiter zu entwickeln.
Die 17 Tänzerinnen und Tänzer zuckeln in schwarzen Dessous-ähnlichen Netz- und Latexkostümen wieder wie Roboter über die Bühne – die Körper in Vollspannung, jeder Muskel verhärtet im eckigen Ruckeln, jedes Körpergelenk verdreht – faszinierend, wie die Tänzer diese extreme mechanische, monotone, technoide Leiber-Maschinerie durchhalten.

Spiel mit Variationen in Bewegung und Raum

Und faszinierend, wie Sharon Eyal damit spielt: die Tänzer haben kleine individuelle Freiheiten, aus dem exaltierten Vogueing-Stil übernommen, greifen die Hände an Schulter und Hals, stützen sich verrenkt auf Bauch und Hüften ab, gehen auf Spitze in die bereitbeinige Hocke, während Rumpf, Oberkörper, Arme und Kopf kokett entgegengesetzt zucken.

Auch in den Gruppenformationen hat Sharon Eyal ihren Automaten-Tanz erweitert, in dem sie mit Ausfächerungen und Verdichtungen arbeitet: dann trippeln die Tänzer auf Spitze aus der zusammengeballten Masse in diagonale Linien, in Halbbögen und V-Formen, lösen sich in Duos und Trios  auf und immer wieder trudeln einzelne Solisten hervor. Diese Variationen im Umgang mit Körper und Raum sind neu bei Sharon Eyal und anders als in ihrem vom Publikum gefeierten Stück "Half Life".

Monotonie und Reduktion – Lust, Exzess und Ekstase

Die Choreografie hat kleinere Längen und die brachiale Technomusik kann einem auch ganz schön auf den Nerven gehen, wenn sie minutenlang auf einer Tonfolge herumhämmert.
Aber in der extremen monotonen Reduktion stecken Lust, Exzess und Ekstase, es entstehen Trance-Zustände beim Zusehen, zumal das Licht durch Nebel hindurch in den dunklen Bühnenraum fällt, die Bühne sich in einen Lichtdom verwandelt. Das ist wie der Besuch in einem Techno-Club, in einem Techno-Tempel, in dem tanzende Androiden ihren vermutlich mechanischen oder binären Gottheiten huldigen – das hat etwas Ritualhaftes und Rauschhaftes.

Jubel für beide Uraufführungen

Beide Uraufführungen wurden vom Publikum bejubelt – das ist auch ein außerordentlicher Abend für das Staatsballett. Beide Stücke sind auf ihre je eigene Weise sehr bizarr, ja grotesk, sind eine optische Überwältigung und lösen Energie-Stau-Zustände aus und auf. Dieser Doppelabend ist waghalsig zeitgenössisch und dürfte ein Erfolg für das Staatsballett werden.

Frank Schmid, rbbKultur

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