Staatstheater Cottbus: FAUST © Marlies Kross
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Faust"

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Goethes "Faust" gilt als nationales Kulturgut. Am Staatstheater Cottbus hat Jo Fabian ein Projekt begonnen, bei dem er erst den Originaltext und dann das Gegenteil inszenieren will: "Faust" und "Antifaust" heißen die beiden Produktionen. Die erste hatte nun Premiere …

Die Bühne zeigt einen Museumsraum. Faust steht als Denkmal auf einem Sockel – oben ist in gemeißelter Schrift "Deutscher Pavillon" zu lesen. Wir erleben eine internationale Kunstausstellung, bei der Faust als Inbegriff der deutschen Kultur präsentiert wird – nicht altbacken als Skulptur, sondern in einer modernen Multimediainstallation, mit Bild- und Texteinblendungen und einer Faust-Figur, die sich bewegt. Ansagen auf Deutsch, Englisch und Italienisch laden die Museumsbesucher ein, sich Schlüsselszenen anzuschauen. "Erleben Sie die Beschwörung des Erdgeists!", heißt es zum Beispiel – und schon verlässt Faust seinen Sockel, um magische Zeichen auf den Fußboden zu kritzeln.

Faust als liebestoller Mann, der seinen zweiten Frühling erlebt

Fausts Geschichte wird als Stück im Stück erzählt. Die Figur wird permanent von Museumsbesuchern beobachtet, wodurch die Handlung einen doppelten Boden bekommt. Dass Faust kein trockener Gelehrter ist, merkt man schnell. Schon als er noch auf dem Denkmalsockel steht, schaut er einer jungen hübschen Putzfrau hinterher. Es ist Gretchen, wie sich später herausstellt. Gleich nach dem Teufelspakt befiehlt Faust Mephisto, sie herbeizuschaffen. Axel Strothmann spielt ihn als alten Mann, der seinen zweiten Frühling erlebt. Als Mephisto ein paar Hexen herbeitanzen lässt, die ihn erotisch umgarnen, hoppelt er sofort hinterher und ist am Ende aus der Puste. Die Liebestollheit glaubt man ihm sofort. Der Tatendrang des Wissenschaftlers hingegen, fällt unter den Tisch. Das ist allerdings weniger Axel Strothmann anzulasten als dem Regiekonzept. Faust als Wissenschaftler ist Jo Fabian vermutlich egal, Faust als Mann, der durch die Liebe wieder jung wird, interessiert ihn hingegen sehr.

Staatstheater Cottbus: FAUST © Marlies Kross
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Mephisto als Conférencier

Mephisto ist in dieser Lesart des Stücks eine Art Conférencier, der den Abend in Schwung hält. Boris Schwiebert tritt im Gründgenskostüm auf, grinst aasig und knallt mit einer Nilpferdpeitsche. Gleich am Anfang legt er sich mit Gott an, der im Prolog im Himmel als Schatten in einem Fenster erscheint. Und den gutmütigen Faust piesackt er immer wieder.

Während bei Goethe von einem Teufel die Rede ist, der "stets das Böse will und stets das Gute schafft", siegt bei Jo Fabian eindeutig das Böse. 

Naive Gutgläubigkeit, die nicht von dieser Welt ist

Auch Gretchen wird am Ende nicht gerettet. Die erlösende Stimme "von oben" bleibt aus. Aber die ist ja auch im Original unglaubwürdig. Das Stück ist eine Tragödie. Ein unbedarftes Mädchen wird von einem älteren Mann verführt und sitzen gelassen – was nach den moralischen Maßstäben der Zeit ihr Ende bedeutet. Und diese Geschichte wird in all ihrer Härte erzählt: Gretchen, die junge hübsche Putzfrau mit den blonden Zöpfen, ist von Faust, als er Interesse an ihr zeigt, beeindruckt. Lara Feith macht das wirklich spürbar – das ist die wahrscheinlich stärkste Leistung des Abends. In ihrem Blick liegt eine naive Gutgläubigkeit, die nicht von dieser Welt ist. Und es blitzt etwas wie Liebe auf. Als Faust und sie sich umarmen, kommen Bühnenarbeiter und befestigen Ketten an ihren Kostümen. Man erwartet, dass die zwei gleich auseinandergerissen werden. Doch sie rollen sich in die Ketten ein und sind auf einmal fest aneinander gebunden. Die Ketten sind Schutz und Fessel zugleich. Die Beiden fallen auf den Boden und versuchen, sich zu befreien, was nur mit großer Mühe gelingt. Treffender kann man eine kurz aufflammende Liebe, die dann zur Qual wird, nicht ins Bild setzen.

Hoher Schauwert

Jo Fabian erweist sich als großer Theatermagier, der Goethes Text in effektvolle Zeichen übersetzt. Die Inszenierung hat einen hohen Schauwert und ist keine Sekunde langweilig. Doch es fällt auch einiges unter den Tisch. Die Dialektik von Gut und Böse, das Ringen von Faust und Mephisto kommt viel zu kurz. Doch man muss bedenken: dieser "Faust" ist nur der erste Teil eines zweiteiligen Projekts. Im Frühjahr möchte Jo Fabian einen "Antifaust" herausbringen, vielleicht wird da die fehlende Seite der Geschichte noch nachgeliefert.

Oliver Kranz, rbbKultur

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