BERLINER ENSEMBLE/“Stunde der Hochstapler“ von Alexander Eisenach, Regie: Alexander Eisenach, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüme: Julia Wassner, Musik: Sven Michelson, Dramaturgie: Amely Joana Haag
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Berliner Ensemble | Kleines Haus - Stunde der Hochstapler. Das Krull-Prinzip

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Manchmal lässt einen ein Gedanke einfach nicht mehr los. Autor und Regisseur Alexander Eisenach jedenfalls scheint wie besessen von der Idee zu sein, dass wir alle nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können und das ganze Leben nur noch eine einzige Hochstapelei ist. Nachdem er sich im Großen Haus des Berliner Ensembles einen Abend lang mit "Felix Krull" beschäftigt und den von Thomas Mann erfundenen Schwindler als Spiegelbild des modernen Menschen vorgeführt hat, legt er jetzt nach: "Stunde der Hochstapler. Das Krull-Prinzip" heißt das Stück, das er verfasst und am Wochenende am Kleinen Haus zur Uraufführung brachte.

Eine seiner Figuren, der Autor und Regisseur Kevin, könnte als Alter Ego und Sprachrohr von Alexander Eisenach durchgehen: Kevin befreit sich ganz am Anfang des Inszenierung aus einem riesigen Mund mit schiefen Zähnen. Während er diesem gräßlichen Schlund entkommt, zetert und stottert er kaum verständlich, stimmt sich ein auf das, was ihn als in eine Sinn-Krise und Schreib-Blockade treibt: Er fragt sich, wann das angefangen hat, dass wir ständig lügen: mit dem aufrechten Gang oder mit der Erfindung der Sprache? Beruhen Zivilisation und Fortschritt auf einem unendlichen Lügen-Geflecht, weil wir die Wahrheit nicht mehr kennen und ertragen können, weil wir es nicht aushalten, dass wir aufgeklärt und liberal und im selben Moment Unterdrücker und Ausbeuter sind? Werden wir zu Hochstaplern, weil wir nur so Anerkennung und Liebe, Glück und Geld bekommen? Ist die Realität nur ein "Fake", das Leben nur eine Illusion, die Realität nicht existent, sondern nur Lug und Trug? Und wie kann es sein, das wir, die angebliche Krone der Schöpfung, die Welt durch unsere Lügen an den Abgrund bringen und dabei sind, uns selbst auszulöschen?

Großartige Inszenierung

Was mit vielen Fragen beginnt, wird zu einem tollen Stück und einer großartigen Inszenierung: Alle hoch komplexen Fragen über Erkenntnistheorie, über die Matrix, in der wir als Informationshäppchen dahin schlummern, über die Lügen-Maschine, die uns in eine Zukunft treibt, in der wir bald nur noch Algorithmen einer Datenbank sind, die unser Leben und unser Bewusstsein formt, – all das wird in eine bizarr überdrehte, hirnrissig absurde Szenen-Collage verwandelt, das hochtrabende Theorie-Gewäsch wird schräg und schrill intoniert, in tausend Stücke und in kabarettistisch-satirische Miniaturen zerdeppert.

Seltsam schräge Typen

Autor und Regisseur Kevin, herrlich vertrottelt gespielt von Peter Moltzen, palavert mit dem Film-Produzenten Gordon, den Marc-Oliver Schulze als völlig durchgeknallten Spinner gibt: Beide steigern sich in eine Film-Idee hinein, in der ein Autor sich von seiner Schreibkrise befreit, indem er gegen eine eigenmächtig handelnde Maschine der künstlichen Intelligenz kämpft und nicht nur sich, sondern die ganze Welt rettet. Schwuppdiwupp, harter Cut und viel Theaternebel, und schon mutieren die beiden modernen Hochstapler zu Steinzeitmenschen, sitzen am Lagerfeuer, braten Mammut-Fleisch und streiten sich, ob sie ewig nur Jäger und Sammler bleiben oder doch lieber andere Realitäten, neue Wahrheiten und zivilisatorische Lügen ausprobieren sollten. Es tauchen aus dem Theaternebel auch noch andere seltsam schräge Typen auf, eine Computer-Wissenschaftlerin, die auch esoterische Prophetin ist; eine Therapeutin, die neuroyale Experimente unternimmt und in die Zukunft reist; und ein philosophischer Arzt, der alles weiß und doch ziemlich verrückt ist.

Vorgespielte Realität in einer vorgelogenen digitalen Zukunft

Auf der Bühne ein sich permanent drehender Holz-Turm, eine Art Rumpelkammer oder Gedanken-Gefängnis. Oben in der Hütte haust, als greiser, grauhaarige Mephisto, der gelangweilt dem Treiben zuschaut und es mit ätzenden Kommentaren versieht, der wunderbar nölende und herrlich greinende Wolfgang Michael. Manchmal spuckt die Holzhütte Cynthia Micas aus, die dann mit oberlehrerhaftem Ernst und in Hippie-Kleidern gewandet ihre Visionen über die Matrix absondert, in der wir alle die uns nur vorgespielte Realität in einer vorgelogenen digitalen Zukunft verdösen. Cordelia Wege versteckt sich unter den Zuschauern, bis ihr der Kragen platzt, sie sich durch den Theaternebel bis zum Holz-Turm vorkämpft und sich als eine Therapeutin ins Geschehen wirft, die an allem herum mäkelt, aber einsehen muss, dass auch sie eine Lüge kaum je von einer Wahrheit unterscheiden kann. In der Hütte lagern auch Maschinen, mit denen sie Zeitreisen unternehmen, Kostüme, mit denen sie zu einem Elefanten oder Nasenbären werden, aber egal, wie lächerlich sie aussehen: sie reden doch immer in einer völlig abgehobenen und zugleich völlig albernen Tonlage über die Wahrnehmung der Welt, die aus Lügen besteht, in der sie zu Hochstaplern werden und behaupten, die Wahrheit mit Löffeln gegessen zu haben.

BERLINER ENSEMBLE/“Stunde der Hochstapler“ von Alexander Eisenach, Regie: Alexander Eisenach, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüme: Julia Wassner, Musik: Sven Michelson, Dramaturgie: Amely Joana Haag
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Herrliche Komödie der menschlichen Eitelkeiten

Auch nach einem Abend, der behauptet, dass wir alle alle Hochstapler sind und die Realität nur eine Lüge ist, verlassen wir das Theater mit viel gute Laune, Denn der schreckliche Abgesang auf alle Gewissheiten wird zu einer herrlichen Komödie der menschlichen Eitelkeiten. Ja, wir lügen alle, aber jeder weiß vom anderen, dass er lügt und spielt mit. Die Lügen dienen als zwischenmenschliches Schmiermittel, wer behauptet, immer die Wahrheit zu sagen, kann nur ein notorischer Lügner sein. Wo könnten wir mehr über die Lüge lernen als im Theater, dem Ort der Träume, an dem die Hochstapelei zum Programm gehört und wir uns an so wahnwitzig klugen und unterhaltsamen Inszenierung wie die von Alexander Eisenach erfreuen dürfen. Bestimmt ist das, was wir im BE gesehen und gehört haben, auch nur Hochstapelei. Und das, was ich darüber berichte, auch nur die halbe Wahrheit.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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