Volksbühne, Berlin "legende" von Ronald M. Schernikau, Uraufführung: 11.12.2019, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Licht: Kevin Sock, Musik: Christopher Uhe, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Musiker: Chikara Aoshima, Réka Csiszér, Michael Mühlhaus, mit: Sólveig Arnarsdóttir, Rosalie Bergel / Leander Kissiov, Leander Dörr, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Ueli Jäggi, Robert Kuchenbuch, Elisa Plüss, Emma Rönnebeck, Milena Arne Schedle, Dieter Rita Scholl, Katharina Marie Schubert, Sylvana Seddig, Nicolaas van Diepen, © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Volksbühne - "legende" – nach dem Roman von Ronald Schernikau

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Als Ronald Schernikau 1980 sein erstes Buch veröffentlichte, war er noch Abiturient an einem niedersächsischen Gymnasium: Die "Kleinstadtnovelle" war sein literarisches Coming-out als Homosexueller und Kommunist. Schernikau ging nach West-Berlin, wurde Mitglied der "Sozialistischen Einheitspartei", studierte ein paar Semester am Institut für Literatur in Leipzig und übersiedelte – kurz vor dem Mauerfall – in die DDR. 1991 starb Schernikau an AIDS und hinterließ seinen Freunden ein gigantisches Manuskript, sein "Opus Magnum", an dem er jahrelang gearbeitet hatte und das 8 Jahre nach seinem Tod – und nur gedruckt auf Vorbestellung – in einem Kleinverlag herauskam, bis es völlig vom Markt verschwand. So wurde der Roman "Legende" selbst zur Legende. Jetzt hat der "Verbrecher Verlag" das 1000-seitige Buch neu herausgebracht. Regisseur Stefan Pucher hat zugegriffen und seine eigene Theaterfassung geschrieben.

Der Roman "Legende" hat etwas Größenwahnsinniges, er will alle Lebenswelten und Politikfelder durchdringen, springt zwischen West und Ost hin und her, vermischt die eigene Biografie mit den gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit. Schernikau spielt ständig auf literarische Vorbilder an, zitiert Gesetze und Zeitungstexte herbei, schmeißt Zeit- und Erzähl-Ebenen, unzählige Figuren und Handlungsstränge wild durcheinander: ein Literatur-Labyrinth, ein Mosaik aus Möglichkeiten, märchenhaft, realistisch, fantasievoll und poetisch, manchmal aber einfach nur banal.

Kaum zu zähmendes Literatur-Ungeheuer

Vielleicht wollte Schernikau mit seinen Gedankenströmen und mehrdimensionalen Schichtungen an "Ulysses" von James Joyce anknüpfen, an Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder an "Manhattan Transfer" von John Dos Passos, vielleicht auch an die Bibel: und ist damit letztlich grandios gescheitert. Der Roman ist ein Literatur-Ungeheuer, kaum zu zähmen, als Leser schwer auszuhalten, geschweige denn zu verstehen, was es mit all den Göttern und Fabrikanten, Arbeitern und Arbeitslosen, Tänzern und Musikanten, Strichern und Liebespaaren auf sich hat.

Groteske Flaschenpost aus einer versunkenden Welt

Stefan Pucher bedient sich beliebig am Text, greift hier und da ein paar Figuren und Handlungen heraus, dampft alles auf eine Spielfassung von 3 1/2 Stunden ein. Ob seine Bühnenfassung noch etwas mit dem Roman zu tun hat, kann ja sowieso niemand überprüfen, denn ich wage zu behaupten, dass die Anzahl der Zuschauer, die sich vorher durch den gigantischen Papier-Berg gequält haben, gegen Null tendiert. Pucher inszeniert eine groteske Flaschenpost aus einer versunkenen Welt, eine bizarre Revue der fast vergessenen politischen Kämpfe und Krämpfe.

Rasender Stillstand

Ein Götterhimmel in der 1980er Jahren: Dort hocken fifi, kafau, stino und tete und blicken hinab eine eine geteilte Insel namens Berlin. Schon bald werden sie hinabsteigen, um den Menschen hüben wie drüben Gutes zu bringen und, wo nötig, Schlechtes anzutun. Da ist der Schokoladenkönig Anton Tattergreis, der den Profit liebt, die Arbeiter ausbeutet und ganz nebenbei zum Kanzler mutiert. Janfilip Geldsack dagegen will sein Geld loswerden, die Welt retten und die Kommunistin Lydia heiraten, die wiederum gern mit ihrer Partei die 5 % - Hürde erklimmen würde. Ein Doppelgänger von Erich Honecker geistert durchs Geschehen, der sich mit dem Großkapital einlässt, um seinen maroden Staat zu retten, ein Schernikau-Double, das das Geschehen kommentiert und eine Hymne auf den Kommunismus und die Homosexualität singt. Arbeiter mit dreckigem Schutzhelm und Krankenschwestern mit weißem Kittel, laute Polit-Profis, bekiffte Hausbesetzer und Widergänger von Wolf Biermann, Marianne Rosenberg, Ulrike Meinhof, dazu ein paar Marx-Zitate und Heiner-Müller-Witze. Es ist ständig was los, es wird viel geplappert und gesungen, politisiert und palavert, doch eigentlich passiert rein gar nichts: rasender Stillstand.

Volksbühne, Berlin "legende" von Ronald M. Schernikau, Uraufführung: 11.12.2019, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Licht: Kevin Sock, Musik: Christopher Uhe, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Musiker: Chikara Aoshima, Réka Csiszér, Michael Mühlhaus, mit: Sólveig Arnarsdóttir, Rosalie Bergel / Leander Kissiov, Leander Dörr, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Ueli Jäggi, Robert Kuchenbuch, Elisa Plüss, Emma Rönnebeck, Milena Arne Schedle, Dieter Rita Scholl, Katharina Marie Schubert, Sylvana Seddig, Nicolaas van Diepen, © Thomas Aurin
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Wenig präsente Schauspieler*innen

Die Bühne gleicht einem bunten Kinderzimmer, in der Mitte ein ständig rotierendes Podest, das aussieht wie ein aus der Zeit gefallenes Ufo, auf dem Boden kreisen rosarote Plastik-Schweine und niedliche, grüne Plastik-Frösche; schnell wird das Kinderzimmer auch mal zur verräucherten Kneipe, zum sterilen Krankenhaus oder zur leckeren Schokoladenfabrik. Die Bühne mit ihren kunterbunt gewandeten Darstellern ist alles und nichts, vor allem aber eines: viel zu groß, zu weit, zu hoch für die viel zu kleinen und viel zu wenig präsenten Schauspieler, die sich redlich bemühen, schön falsch zu singen und leidenschaftlich die banalsten Polit-Phrasen absondern, aber – bis auf ein, zwei Ausnahmen – einfach nicht spielen und nicht sprechen können. Die mangelhafte Bühnenpräsenz und grottenschlechte Schauspielkunst hat manchmal etwas Peinigendes und Peinliches, fast möchte man sich ein bisschen fremdschämen.

Endlose Langweile

Es bleibt eine große Müdigkeit, die 3 1/2 Stunden erscheinen endlos, sie sind in ihrer lustlosen Albernheit zermürbend und nervenaufreibend, dagegen ist jede 7-Stündige Castorf-Inszenierung ein kurzweiliger Spaziergang und ein anregendes, inspirierendes Abenteuer. Einen ohnehin ziemlich flatterhaften Text nach Belieben zu fleddern, ein paar neckische Klassenkampf-Parolen mit ein bisschen klischeehafter Kapitalismus-Kritik anzurühren und das ganze mit lauter Live-Musik aufzupeppen, ergibt noch keinen irgendwie berührenden oder bewegenden, geschweige denn unterhaltsamen oder lehrreichen Theaterabend. Ich habe mich selten so gelangweilt und geärgert, wie über diese völlig überflüssige Inszenierung, die mit Sicherheit keine Legende wird, sondern allenfalls als "legendär schlecht" in die Annalen der Volksbühne eingeht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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