Ode Deutsches Theater Kammerspiele © Arno Declair
Arno Declair
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DT | Kammerspiele - Thomas Melle: "Ode"

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Was darf die Kunst? Welche Grenzen sind ihr gesetzt und was ist das überhaupt – ein Kunstwerk? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Stücks und es werden auch verwirrend viele Antworten gegeben. Der Autor wünscht sich, dass die Zuschauer im Anschluss an die Vorstellung miteinander diskutieren. Er will keine Standpunkte vorgeben, sondern Denkprozesse auslösen. Es könnte ihm gelingen …

Das Stück hat drei Akte, von denen jeder einem anderen Künstlertyp gewidmet ist. Im ersten tritt eine Bildende Künstlerin auf, die zugleich Professorin an einer Akademie ist. Sie hat von privaten Sponsoren viel Geld für eine Statue bekommen. Als sie enthüllt wird, stellt sich heraus – da ist nichts. Das Werk besteht nur aus einem Titel – eine Provokation, die einige Besucher der Vernissage durchaus gut finden, aber als die Künstlerin erklärt, was der Titel "Ode an die alten Täter" bedeutet, kommt es zum Skandal.

Mit den alten Tätern sind die Nazis gemeint. Die hätten nämlich den Großvater der Künstlerin umgebracht, der ein schrecklicher Mensch und ein Vergewaltiger gewesen sei. Fazit: den Mördern des Großvaters müsse gedankt werden – eine verquere Logik, auf die Melle bewusst setzt, denn er möchte einen Tabubruch konstruieren. Die Verherrlichung der Nazizeit ist eine Grenzüberschreitung, die nicht einmal in der Kunst gestattet ist. Die Künstlerin verliert ihre Professorenstelle, fühlt sich missverstanden und bringt sich um.

Ode Deutsches Theater Kammerspiele © Arno Declair
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Was ist das? Was bedeutet das? Ist das international?

Der 2. Akt spielt zehn Jahre später und zeigt einen Theaterregisseur, der mit einer Inszenierung an den Skandal erinnern will. Im 3. Akt geht es um einen Schauspieler, der auf der Bühne eine aufrührerische Rede hält. Und alle diese Künstler werden angegriffen. Zuallererst von einer Bürgerwehr, die im Text einfach Wehr heißt und die entweder aus einem Sprecher bestehen kann oder aus mehreren. Sie stellen immer wieder die gleichen stereotypen Fragen: Was ist das? Was bedeutet das? Ist das international? Hat das was mit Marx zu tun? Klar ist: politische Kunst gefällt diesen Leuten gar nicht, abstrakte Kunst auch nicht. Am liebsten haben sie Originalstücke am Originalort und im Originalkostüm. Sie vertreten Positionen, wie man sie heute zum Beispiel von der AfD hören kann.

Aber es wird auch eine Kunstkritik von links formuliert. Wer darf wen auf der Bühne spielen, wird zum Beispiel gefragt. Wer entscheidet, wie bestimmte Milieus dargestellt werden? Darf eine Putzfrau mit Kopftuch gezeigt werden? Darf der Darsteller ein Mann sein? – Der Regisseur sagt ja, sein Ensemble widerspricht. Es werden Tabus formuliert, die es früher nicht gab. „Das ist das Ende des Theaters, wie wir es kennen“, ruft der Regisseur entnervt aus. "Die Abmachung, dass jemand jemanden spielt, sie ist schlicht vorbei …"

Lilja Rupprecht findet für abgehobene Texte sinnliche Billder

Der Diskurs im Theater über das Theater könnte leicht kopflastig wirken – doch nicht in der Inszenierung von Lilja Rupprecht. Der junge Regisseur findet selbst für die abgehobensten Texte sinnliche Bilder. Die Schauspieler treten in einem Raum mit leeren weißen Wänden auf, die im Lauf des Abends vollgekritzelt werden - sie werden also selbst eine Art Kunstwerk. Hinten gibt es eine Öffnung, durch die ein kleines Bühnenpodest hineingeschoben werden kann.

Das geschieht aber nur in Akt 2 und 3, also dann, wenn es auch im Stück ums Theater geht. Der 1. Akt geht zeigt die Vernissage, auf der die Skulptur enthüllt wird. Da möchte die Kunstszene zuerst sich selbst feiern. Die Gäste tragen merkwürdige Strickoveralls und sehen selbst wie Skulpturen aus. Das wirkt ironisch, aber nie lächerlich – eine geschickte Gratwanderung. In der Inszenierung werden Bilder über Bilder geschichtet, auf die Wände werden Cartoons und historische Fotos projiziert – schließlich geht es um die Nazi-Täter. Nicht jedes Bild passt, aber was sich mitteilt, ist ein Gefühl überbordender Kreativität.

Viele offene Enden, an denen sich die Fantasie entzünden kann.

Der zweite starke Regieeinfall besteht darin, die Rollen der Wehr u.a. mit zwei Schauspielern des Theaters RambaZamba zu besetzen – also eines inklusiven Theaters. Die beiden sprechen langsam und manchmal auch unartikuliert. Dadurch wirken die rechten Gedankenpolizisten, als wären sie schwer von Begriff.

Und auch das übrige Ensemble ist stark. Katrin Wichmann zum Beispiel spielt die Kunstprofessorin, die betroffen ist, als sie merkt, wie sehr ihre Provokation missverstanden wird. Sie beschließt, sich umzubringen, was natürlich sinnlos ist, wie eine andere Figur betont, denn selbst wenn die Künstlerin weg sei, bliebe ihre künstlerische Position ja da. Diese kleine Bemerkung macht einen neuen Diskurs auf, und das passiert in dem Stück immer wieder.

Da gibt es so viele offene Enden, an denen sich die Fantasie entzünden kann, dass es eine Lust ist. Das Ganze ist natürlich ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst – obwohl die Eitelkeiten der Künstler und die Widersprüche des Kunstbetriebs genauso offengelegt werden. Am Premierenabend gab es viel Applaus für die Schauspieler, das Inszenierungsteam und den Autor. Zu Recht.

Oliver Kranz, rbbKultur

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