Dreimal Leben Berliner Ensemble © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Berliner Ensemble - "Drei Mal Leben"

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Nicht nur mit ihren Romanen und Erzählungen steht sie regelmäßig weit oben auf den Bestseller-Listen, auch mit ihren Theaterstücken ist Yasmina Reza derzeit europaweit die am meisten gespielte Gegenwartsautorin.

Und das Berliner Ensemble scheint sich zum Wallfahrtsort für alle Fans der französischen Schriftstellerin zu mausern: Nach den Erfolgsstücken "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" steht seit gestern Abend auch "Drei Mal Leben" – in der Regie von Andrea Breth - auf dem Programm.

Yasmina Reza führt die menschlichen Tragödien ins Groteske

Yasmina Reza beherrscht, wie keine andere Gegenwartsautorin, die Kunst, das Schwere federleicht erscheinen zu lassen, die menschlichen Tragödien ins Absurde, Groteske und Komische zu überführen, die unübersichtliche Komplexität des Lebens wird bei ihr transparent und durchschaubar: Ihre Stücke sind brillante Zimmerschlachten, ein Fest für Schauspieler, kommunikative Therapiesitzungen für ein gebildetes Publikum, das auf der Bühne sich selbst erblickt und über seine eigenen Unzulänglichkeiten befreiend lachen kann: Denn die beiden gut situierten Paare, die in "Drei Mal Leben" eine Party feiern wollen und dann ihr alltägliches Elend und verlorenen Träume gleich dreimal in minimalen Variationen durchspielen müssen: das sind ja wir alle, die da in den Spiegel schauen und in heiterer Melancholie uns selbst beim Laufen im Hamsterrad zuschauen.

Der ausweglose Wahnsinn in drei Variationen

Henri und Sonja führen gerade einen ihrer zermürbenden Ehekleinkriege, da klingelt es an der Tür und plötzlich stehen, aus Versehen einen Tag zu früh, Hubert und Ines auf der Matte: auch die beiden haben gerade auf der Straße gestritten, auch sie haben eigentlich keine Lust auf das Treffen, denn der Astrophysiker Hubert weiß genau, dass sein Assistent ihn nur eingeladen hat, damit er sich weiterhin für ihn stark macht und ihm Forschungsgelder bewilligt.

Das nette Beisammensein wird zu einem emotionalen Kleinkrieg, als der machtgeile Hubert seinem devoten Mitarbeiter die Nachricht unter die Nase reibt, dass soeben ein Aufsatz erschienen ist, in dem dasselbe astrophysische Problem abgehandelt wird, mit dem sich Henri seit Jahren beschäftigt: Der Aufsatz, der demnächst erscheinen sollte, ist mithin jetzt schon Makulatur, die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat.

In den drei Versionen dieser von Minute zu Minute mehr entgleisenden Party werden verschiedene Reaktionen auf diese Nachricht durchgespielt, versinkt Henri mal in tiefe Depressionen, mal in aggressiven Widerstand gegen seinen boshaften Chef. Mal beleidigt Hubert seine puppenhafte Frau als intellektuelle Topfpflanze und macht Henris kluger und schöner Gattin eindeutige sexuelle Avancen, mal schwingen sich Sonja und Ines dazu auf, dem widerlichen Gehabe von Hubert zu widersprechen und den am Boden zerstörten Henri beizustehen.

Permanente Begleitmusik zu allen drei Varianten der sich gegenseitig zermürbenden Paar-Beziehungen ist das Genöle und Gewimmer des kleinen Kindes im Nebenzimmer, das nicht schlafen kann, nach Essen und Trinken schreit und alle in den Wahnsinn treibt. Man braucht großartige Schauspieler, damit der dreimal variierte und immer wieder ausweglose Wahnsinn nicht lahm und langweilig, sondern kurzweilig und komisch wird. 

Dreimal Leben © Bernd Uhlig
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Die Schwierigkeit ins absurde Getümmel zu finden

Bei der Uraufführung in Wien waren es Susanne Lothar und Andrea Clausen, Ulrich Mühe und Sven-Eric Bechtolf: Das ist natürlich ein ganz schönes Brett, an dem man sich erst mal messen und abarbeiten muss. Die vier Darsteller tun sich schwer und haben Mühe, ins absurde Getümmel zu finden und die groteske Komik der Eheschlachten und Machtkämpfe zu erfassen.

Am besten gelingt das Judith Engel (als Ines), die in den Wortgefechten eigentlich nur eine Nebenrolle spielt und nur eine vom übergriffigen Ehemann permanent gedemütigte Hausfrau ist: aber wie ihre Gesten von Szene zu Szene immer mehr entgleisen, ihre Grimassen immer mehr verrutschen, wie sie sie zetert und zittert und lallend die komplizierten Dinge kurz, bündig von entwaffnender Naivität auf den Punkt bringt, ist ganz große Schauspielkunst.

August Diehl dagegen (als Hubert) bleibt - mal ein bisschen böser, mal ein bisschen melancholischer - immer der aasige Zyniker im schnieken Anzug, der sich seiner Macht bewusst ist und der sich alles erlauben kann, die schlechten Manieren, das Grabschen nach den Frauen, das Schmatzen beim Essen, das Kokettieren mit der öligen Selbstverliebtheit: Diehl suhlt sich geradezu im Gestus der eitlen Männlichkeit.

Constanze Becker (als Sonja) mutiert im Laufe des Abends von der genervten und intellektuell und sexuell unterforderten Ehefrau eines ängstlichen Schlappschwanzes zu einem bukolischen Weib und lüsternen Vamp, ihr macht es Spaß, die Männer zu bezirzen und zu verwirren und dabei die Unschuld vom Lande zu spielen.

Und Nico Holonics (als Henri) muss die vertracktesten Kapriolen schlagen und die größten Charakter-Varianten zustande bringen: mal ist er weinerlicher Waschlappen, mal brüllender Berserker, mal kriechender Kauz, mal schwitzender Scharfrichter, der die ganze verlogene Bagage am liebsten hinrichten würde, dann aber doch klein beigibt, sich vorm Chef in den Staub wirft und von der herrischen Gattin einen Kuss erfleht. Das Leben geht weiter, auch wenn man es dreimal durchspielt, die Gäste gehen, das Kind schläft endlich ein, und morgen ist wieder ein neuer Tag.

Die Inszenierung hat zu wenig Tempo und Esprit

Regisseurin Andrea Breth, weniger für absurde Komik als für sensible Psychologie bekannt, hält die Darsteller und die Komik an der kurzen Leine. Die Schauspieler dürfen für Momente ihrem Affen Zucker geben und ausgelassen herum blödeln, schreien, saufen, sich an die Wäsche gehen, doch dann tritt sie auf die Bremsen, legt kleine Kunst-Pausen ein, lässt die Figuren zu Eis erstarren und in sich hinein horchen.

Auf turbulentes Tohuwabohu folgt gähnende Stille, auf zotige Witzelei folgt zähes Ringen um jedes Wort und jeden Ton. Sie schürft tief und sucht nach philosophischem Sinn, wo eigentlich nur der Wahnsinn des banalen Alltags wütet. Für meinen Geschmack hat die Inszenierung zu wenig Tempo und Esprit, zu wenig Eleganz und Erotik: Sie ist von existenzieller Wucht, aber nicht von komischer Leichtigkeit, nachdenklich, aber nicht brillant, unsentimental, aber nicht zärtlich, ihr fehlt der Zauber und die Poesie, die aus einem guten einen wirklich gelungenen Theaterabend macht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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Ute Langkafel/MAIFOTO

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