Hasta la Westler © Arno Declair
Arno Declair
Bild: Arno Declair Download (mp3, 4 MB)

Deutsches Theater, Kammerspiele - "Hasta la Westler, Baby!"

Bewertung:

30 Jahre Mauerfall hat das Land im November mit zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen, Gedenktagen, Dokumentationen gefeiert. Etwas verspätet kommt am Deutschen Theater noch ein Abend zur Ost-West-Geschichte heraus. Wer, wenn nicht Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sollten den erdacht und inszeniert haben – die beiden Ost-Theater und -Medienmacher, die sich in ihren Revuen immer schon mit dem Osten beschäftigt haben.

Nach "Feminista, Baby" und "Capitalista, Baby" jetzt also eine Revue über den Abschied vom Westen. Zentrum des Abends ist die Arroganz, mit der der Westen sich nach der Wiedervereinigung dem Osten gegenüber verhalten hat und ihn sich wie ein Besatzer unter den Nagel gerissen hat. So zumindest die These von Kühnel und Kuttner.

Das wird schon zu Beginn deutlich, wenn Jürgen Kuttner als Astronaut vor einer Weltall-Videoprojektion auf die Bühne schwebt und seine Deutschlandflagge in ein Mondgestein schlägt, das ostdeutsches Terrain versinnbildlichen soll. Dazu spricht er Ausschnitte aus den Tagebüchern von Michael Eberth, wie dieser 1990 als neuer Chefdramaturg unter dem Intendanten Thomas Langhoff aus dem Westen ans Deutsche Theater kommt und sich beschwert, dass Langhoff hier trotz Wende nur die alten Oststoffe spielen lassen will.

Nachwendegeschichte des Deutschen Theaters

Man könnte also meinen, hier solle auch die Nachwendegeschichte des Deutschen Theaters aufgearbeitet werden – doch das wäre heillos übertrieben, bei den paar Schnipseln, die dem Zuschauer hier und da um die Ohren wehen. Schade, die ereignisreiche Geschichte dieses Hauses nach der Wende gäbe genügend her. Die Demo am 4. November 89 auf dem Alexanderplatz, organisiert von DT und Volksbühne. Die Neufindung dieser Staatsbühne der DDR – schließlich etablierte sich nach der Wende die Volksbühne zur großen Ostbühne des Landes. Der Westen hatte dagegen die Schaubühne.

Michael Eberth beschreibt in seinen Tagebüchern zwar sehr selbstfixiert und nicht gerade uneitel, aber doch aufschlussreich, welche Probleme das Haus hatte, sich nach der Wende zu definieren. Ein Riesenapparat mit vielen Mitarbeitern, von denen hundert entlassen werden sollten. Schauspieler, die mit Westautoren wie Botho Strauß oder mit den Theoretikern der Frankfurter Schule rein gar nichts anfangen konnten – während Eberth die Texte von Peter Hacks öde fand. Die Zuschauer pilgern aus Charlottenburg ans berühmte DT – aber die Schauspieler wissen nicht mehr, für oder gegen wen sie auf der Bühne stehen.

Kuttners Videoschnipsel-Vorträge

Aber Kühnel und Kuttner streuen, wie das so ihre Art ist, nur ein paar Tagebuchzitate ein über den "Thomas" und den "Lilienthal" und den "Pierwoß" – bei denen kaum ein Laie wissen wird, von wem die Rede ist. Fitzelchen, die im Konfetti-Verfahren zusammenhanglos auf einen niedersegeln.

Daneben: Noch mehr Konfetti-Flitter, wie man sie aus Kuttners zahlreichen Videoschnipsel-Vorträgen kennt. Mit der eigenen Vergangenheit, inklusive der als Stasi-IM, setzt sich Kuttner, Radiomacher und Moderator, auf der Bühne nicht auseinander. Er spielt Original-Zitate von Helmut Kohl ein, von Honecker, von Wirtschaftsbossen und Politikern, die die Schauspieler Playback mitsprechen, was nur mittelgut funktioniert. Peter René Lüdecke lässt er James Hawes zitieren, den britischen Historiker, der meint, das gesamte Übel Deutschlands komme von östlich der Elbe.

Hasta la Westler © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Eine bunte Ost-Farce

Maren Eggert, Katrin Klein und Lüdecke sind die sächselnden, hinterwäldlerischen Indianer mit Kopfschmuck, denen der Schauspieler Božidar Kocevski dann als Cowboy (und also Besatzer und Kolonialmacht) eine überhebliche Westlektion in Marketing erteilt.

Eine bunte Ost-Farce, eine glitzernde Show mit viel Musik, die Matthias Trippner am Bühnenrand begleitet. Lauter Medleys und Interpretationen von Songs aus den 1950ern bis Ende der 1980er: Funny van Dannen, Frank Schöbel, Falco, Westernhagen, Freddy Quinn.

Das ist ganz nett – aber auf die Dauer von mehr als zwei Stunden nicht abendfüllend. Von neuen Erkenntnissen über das Ost-West-Verhältnis ganz zu schweigen. Dafür surft der Abend zu oberflächlich auf den Zitaten. Hier und da gibt es kleine Aha-Momente. Etwa, wenn Günter Gaus aus dem Jahr 1992 zitiert wird, der damals wusste, dass diese "Wende" ganz anders aufgearbeitet gehört.

Pauschales West-Bashing

Doch erstens bleibt die Inszenierung im pauschalen West-Bashing stecken. Zweitens kommt sie über die 1990er Jahre nicht hinaus. Über die Gegenwart weiß sie rein gar nichts zu sagen. Das Schwelgen in alten Schlagern lässt den Abend dann vollends (n)ostalgisch wirken. Da kann auch Maren Eggerts schöne Fassung von "The Winner takes it all" nicht viel helfen – ein Song, der hier natürlich auch nur pauschal den schamlosen Westen abmeiern soll.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Gorki Theater: Maria, hier: Vidina Popov; © Ute Langkafel/MAIFOTO
Ute Langkafel/MAIFOTO

Gorki Theater - "Maria"

Der britische Dramatiker Simon Stephens gehört zu den europaweit meistgespielten Gegenwartsautoren. Seine Stücke werden nicht selten in Deutschland uraufgeführt. Auch "Maria" erlebte im vorigen Jahr am Hamburger Thalia Theater (in der Regie von Sebastian Nübling) seine Uraufführung. Jetzt inszeniert Nurkan Erpulat das Stück am Berliner Gorki Theater.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Showcase Beat Le Mot: "Don Quijote", Foto: Dorothea Tuch
© Dorothea Tuch

HAU3 - Showcase Beat Le Mot: "DON QUIJOTE / DONKEY SHOT / DONE QUICHE HOT / DON CONQUISTA / DON E. COYOTE"

Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, der auf seinem klapprigen Ross durch die Welt reitet und Abenteuer erlebt, die nur in seiner Vorstellung wundervoll sind, nicht jedoch in der Realität. Diesen Don Quijote hat die Performancegruppe Showcase Beat Le Mot zum Helden ihres neuen Stückes gemacht. Nun war Premiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: