4.48 Psychose von Sarah Kane © Arno Declair
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Deutsches Theater - "4.48 Psychose" von Sarah Kane

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Ulrich Rasches Regie-Handschrift ist unverwechselbar: Auf gigantischen Walzen oder Drehscheiben skandiert ein Männerchor im Gleichschritt, dazu dröhnen die Bässe. Ein Überwältigungstheater, das einerseits abstoßen, andererseits faszinieren kann. Drei Mal hintereinander war Rasche zum Theatertreffen eingeladen. Jetzt inszeniert er zum ersten Mal am Deutschen Theater.

Mit tonnenschweren Drehscheiben-Apparaten wäre es auf der DT-Bühne sicher schwierig geworden. Die versucht Ulrich Rasche gar nicht erst zu installieren. Die Bühne ist für seine Verhältnisse reduziert: Vier Laufbänder stehen darauf, mal längs zum Publikum, mal quer – je nachdem, wann die Drehbühne stillsteht. Auf ihnen gehen und marschieren die Spieler pausenlos, mal alleine, mal als Gruppe. Mal in dieselbe Richtung, mal gegensätzlich.

Bedrohliches Surren

Am Bühnenrand sitzen die Live-Musiker, die dem Abend mit Schlagwerk, Bass, E-Orgel den Rhythmus vorgeben. Zunächst sind es synthetische Klänge, ein Tröpfeln, ein bedrohliches Surren, dann Paukenschläge, als ginge es zum Schafott. Später wird es immer ekstatischer. Einzelne Neonleuchtstäbe schweben von der Decke auf die schwarze Bühne; Spotlights werfen kaltes Licht.

Tiefschwarzer Todesmarsch

Der Abend ist eine Tortur: drei pausenlose (!) Stunden voller Sound-Bombast und Chor – ein tiefschwarzer Todesmarsch, der einen erschöpft, verstört und mit hängendem Kopf aus dem Theater spült. Das liegt auch am Stoff: "4.48 Psychose" handelt mitunter von Depression. 4.48 steht für 4 Uhr 48 – die Zeit, in der sich die Erzählerin am klarsten fühlt, wenn Medikamente nicht ihren Kopf vernebeln. Zwar gibt es keine Figurenzuschreibungen, doch es wird deutlich, dass ein lebensmüder Mensch aus der Psychiatrie schreibt. Es ist das letzte von Sarah Kanes fünf Stücken, bevor sich die britische Autorin mit 28 Jahren das Leben nahm. Das führt leider dazu, dass der Text oft ausschließlich autobiografisch gelesen wird.

4.48 Psychose von Sarah Kane © Arno Declair
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Existenzielle Einsamkeit des Menschen

Doch es wäre falsch, ihn auf eine individuelle Krankengeschichte zu reduzieren. Es ist ein hoch artifizieller, rhythmisierter, minimalistisches Stück, das mit Zahlen, Bildern, Worten fast lyrisch spielt. Die existenzielle Einsamkeit des Menschen ist Thema, sein Leiden an der Welt, seine Macht (in der angedeuteten Figur eines Arztes) und sein Ausgeliefertsein (in der angedeuteten Figur eines Patienten). Das Aushalten von Schmerz, die Sehnsucht nach Liebe, das ewige Verlassensein. Es liegt auch ein böser Witz darin, ein sarkastisches Aufbegehren.

Individuum und Gesellschaft

Zuerst treten drei Frauen in Soli auf, in fleischfarbenen Ganzkörperanzügen, und sprechen rhythmisch zerdehnt die Passagen der Kranken. Kathleen Morgeneyer und Linda Pöppel wählen einen hoch pathetischen Leidenston, immer den Tränen nah. Nur Katja Bürkle wechselt in eine Wut, die dem Lamento entgegensteht. Die sechs Männer treten in durchsichtigen, schwarzen, hautengen Ganzkörper-Suits auf, geben zuerst den Gegenpart, die Norm, die Gesellschaft. In der zweiten Hälfte des Abends, der deutlich Tempo aufnimmt, formieren sie sich zu Rasches typisch virilem Männerchor – vermischen sich aber auch mit den Frauen, dividieren sich wieder auseinander. Kaum verstehbar, warum es eine Aufteilung in Individuum und Gesellschaft gibt – die dann negiert und wieder aufgebaut wird.

Das Verschwinden

Das Lichtspiel löst oft eindrückliche Bilder aus. Am Ende etwa stehen die Frauen auf dem Laufband wie drei verkümmerte Seelen. "Sieh mich verschwinden", sagen sie und gleiten immer weiter in die Schwärze hinein. Zuvor stehen fahle Lichtstreifen am schwarzen Bühnenhimmel – wie die Luke im Seelengefängnis.

Brutalität und Pathos

Doch diese poetischen Momente werden stranguliert von der Brutalität, dem Pathos der drei repetitiven Stunden. Alles hier erschlägt erbarmungslos und die großen Menschheitsthemen, die bei Sarah Kane mitschwingen, werden von der Krankengeschichte verschluckt. Als würde sich ein Selbstmörder direkt vor unseren Augen den Strick nehmen – wer ist da distanziert genug, zu überlegen, was dessen Verzweiflung mit dem eigenen Leben zu tun hat?

Übergriffig, voyeuristisch, pietätlos

Selbst die zarten Textpassagen werden dem Publikum gnadenlos ins Gesicht geschrien. Verständlich, dass sich dem nicht alle Zuschauer bis zum Vorstellungsende aussetzen möchten oder können. Die Inszenierung wirkt derart übergriffig, voyeuristisch, pietätlos, dass man geradezu verstört und traumatisiert zurückbleibt. Man mag es hohe Kunst nennen, wenn Theater so starke Gefühle evozieren kann – doch Rasches Maschinenmonster und Chöre zermalmen den Zuschauer. So überzeugt von der Schlechtigkeit, der Hoffnungslosigkeit und Unveränderbarkeit der Welt geht man selten aus dem Theater.  

Barbara Behrendt, rbbKultur

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