Berliner Ensemble | Fahrenheit 451 © Moritz Haase
Moritz Haase
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Berliner Ensemble - "Fahrenheit 451"

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George Orwell, Aldous Huxley, Ray Bradbury – von ihnen stammen die großen Science-Fiction-Dystopien, die uns heute hellsichtiger denn je erscheinen. In "1984" hat Orwell einen technisch versierten Big-Brother-Überwachungsstaat vorausgesehen, Huxley in "Brave New World" im Reagenzglas erzeugte Menschen prognostiziert.

Bradburys "Fahrenheit 451" erzählt die futuristische Geschichte eines Feuerwehrmanns, dessen Job es ist, Bücher zu verbrennen. Am Berliner Ensemble hat Alexander Simon, Schauspieler, Regisseur und Professor an der Ernst Busch Hochschule, den Roman mit seinen Schauspielstudierenden inszeniert.

Auf den ersten Blick scheint uns diese Diktatur, in der man keine Bücher besitzen darf, recht fern. Unsere Demokratie ist zwar bedroht – doch dass sämtliche Bücher verboten werden, ist in einer Zeit, in der das Internet ausnahmslos alles verbreitet, unvorstellbar.

Die Bücher hinterfragen das Leben

Nach wie vor relevant an "Fahrenheit 451" ist jedoch, dass im Roman keine brutale Diktatur von oben am Werk ist, sondern die Gesellschaft selbst sich gegen den Besitz von Büchern ausgesprochen hat. Die Menschen empfinden es als nutzlos, über den Sinn des Lebens nachzudenken, sie konsumieren lediglich. Die Gedanken der großen Geister der Vergangenheit sind kontraproduktiv geworden. Bücher hinterfragen das Leben – und davon will sich Bradburys Personal nicht mehr unter Druck setzen lassen. Die Menschen sind gefangengenommen von den "Bildwänden", den Flachbildfernsehern, die an jeder Wand des Zimmers Soap-Operas zeigen, deren Protagonisten als Familienersatz dienen.

Menschen werden vollgestopft mit Informationen, dass sie alles gleich wieder vergessen

Bradburys Klassiker ist also mehr Medienkritik als Warnung vor Diktatur. Er selbst war ein großer Liebhaber von Büchern und Bibliotheken. In diesem 1953 erschienenen Bestseller kritisiert er den Beginn des Fernsehzeitalters, in dem er die Menschen untergehen sieht im Strudel der Medienflut. Bücher stehen für ihn für die Reflexion, für das kulturelle Gedächtnis. Wohingegen die Massenmedien ein immerwährendes "Jetzt" propagieren, bei dem Menschen derart vollgestopft werden mit Informationen, dass sie alles sogleich wieder vergessen. Die Diktatur entsteht nebenbei, vergleichbar mit dem, was wir heute mit Massentechniken wie Google erleben: Keiner zwingt uns, unsere Daten abzugeben – wir tun es freiwillig, weil wir dazugehören, teilhaben wollen.

Fahrenheit 451 © Moritz Haase
Bild: Moritz Haase

Der Feuerwehrmann Montag, der Bücher verbrennt, ist also eine Metapher dafür, wie wir kritisches Denken und die Schätze der Vergangenheit über Bord werfen. In einer Romansequenz wird die Suche nach dem (inzwischen revoltierenden) Montag live im Fernsehen übertragen – ein bombastisches Medienspektakel, wie wir es inzwischen nur allzu gut vom Katastrophenjournalismus kennen.

Wer den Roman nicht kennt, wird seine Schwierigkeiten haben, am Ende mehr zu wissen

Alexander Simon verzichtet auf den naheliegenden Einsatz von Videobildern oder Multimedialem. Er gibt sich hingegen Mühe, die eigentlich simple Parabel über den Feuerwehrmann, der von der jungen Claire zum Lesen inspiriert wird und aufbegehrt, bis zur Unkenntlichkeit zu verkomplizieren. Wer den Roman nicht kennt, wird seine Schwierigkeiten haben, am Ende mehr zu wissen, als dass Bücher bei der Temperatur von Fahrenheit 451 verbrannt werden und die Gesellschaft Pillen zum Glücklichsein schluckt.

Das fängt schon damit an, dass alle Spieler alles spielen – sodass man Mühe hat, zu entschlüsseln, ob es sich hierbei um Rückblenden handelt oder neue Figuren eingeführt werden. Und auch: ob das überhaupt sinnvoll ist oder Simon es allein darauf anlegt, den Studierenden eine große Rollenvielfalt anzubieten. Letzteres ist zu vermuten

Die vierte Wand ist der vierte Fernseher

Zudem fehlt schlicht ein Dramaturg, der die groben inhaltlichen Ungereimtheiten beseitigt. Wenn von der vierten Wand die Rede ist, die man sich anschaffen möchte, sprechen die Schauspieler bedeutungsschwanger ins Publikum: Schließlich bezeichnet die "vierte Wand" im Theaterjargon die (Nicht-)Verbindung zu den Zuschauern. Kaum verstehbar, dass damit bei Bradbury der vierte Fernseher gemeint ist. Wenig sinnvoll auch, dass Montag seinen Beruf in der Inszenierung noch gar nicht angetreten hat, sondern sich als Feuerwehrmann zunächst bewirbt – und am Tag seines Vorstellungsgesprächs bereits auf Claire trifft, die ihn aus dem Bücherverbrennungsalltag reißen soll, den er allerdings noch gar nicht kennen kann.

Schräge Kostüme und kryptische Story

Die neun Schauspielstudierenden zeigen derweil, was sie drauf haben. Auf der Bühne steht ein großer, rot bemalter Plastik-Waggon, dessen Seiten man beliebig auf- und zuschieben kann. Darin und drum herum schreiten sie die Klaviatur ab – von der Rolle der traumatisierten Außenseiterin über die der unter Drogen stehenden Ehefrau mit hysterischen Anfällen, einer Slow-Motion-Schlägerei bis hin zu den artistischen Verwandlungskünsten in einen mechanischen Mörderhund.

Die Spieler machen das technisch versiert bis in die Fingerspitzen – es wird nur leider keine runde Geschichte daraus. Alles ist einen Ticken zu exaltiert: die schrägen Kostüme, die kryptische Story, das Spiel, das von Höhepunkt zu Höhepunkt hüpft. Den Studierenden ist das nicht vorzuwerfen. Doch man wünschte sich einmal eine Inszenierung mit Schauspielstudierenden, die nicht ausschließlich als Castingshow fürs erste Theaterengagement dient, sondern die dem Publikum tatsächlich etwas zu erzählen hat.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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