Falk Richter: In my room © Esra Rotthoff
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Gorki Theater - "In My Room"

"Nicht Männlichkeit an sich ist toxisch, aber viele Männer verhalten sich toxisch", sagte der Autor und Regisseur Falk Richter vor wenigen Tagen im Interview. Anlass dafür ist sein neues Stück "In My Room", das sich mit der viel beschworenen "Krise der Männlichkeit" beschäftigt.

Richter hat sich schon häufig mit Männerbildern auseinandergesetzt, hat Stücke über das Leben als Homosexueller und über die Einsamkeit von Großstädtern vorgelegt. Jetzt also die toxische, die giftige Männlichkeit. Darunter ist das zu verstehen, was man früher als "klassische Männlichkeit" bezeichnet hätte: Ein Mann weint nicht, hat keine Angst und spricht nicht über Gefühle – stets ist er der mächtige, potente Macher, der auch mal zuschlägt, wenn’s sein muss.

Diese Vorstellung eines "echten Mannes" wurde eigentlich schon vor Jahrzehnten abgelöst vom sogenannten "Softie", dem "Frauenversteher", der sich nicht vor Tränen beim Fernsehen scheut, mehr Kochbücher besitzt als seine Freundin und beim Paartherapeuten ohne Scham das eigene Sexualleben ausdiskutiert. Doch seit Männer wie Trump und Putin, Inbegriff toxischer Männlichkeit, wieder Mehrheiten hinter sich versammeln, zeigt sich, dass die Welt der alten Machos nicht passé ist – im Gegenteil, eine neue Faszination für den omnipotenten Führer und Beschützer breitet sich aus, der Frauen ebenso abwertet wie Homosexuelle. "#MeToo"-Debatte hin oder her.

Plumpes AfD-Bashing

Diese politischen Verschiebungen kommen in "In My Room" allerdings höchstens am Rande vor – neben gefühlt 20 anderen Assoziationen, die Falk Richter beim Schreiben gehabt haben muss. Darunter dann eben auch, wie die AfD jenes überkommene Männerbild zu reaktivieren weiß und von "deutschen Männern" spricht, die ihre Frauen schützen müssen. So plump, wie hier die AfD gebasht wird – und auch die Konservativen der CDU, die laut Richter den neuen Nazis den Weg ebneten – klingt das jedoch höchstens wie ein hingeschluderter Hass-Kommentar auf Twitter.

Im Zentrum des zu langen (fast zweieinhalbstündigen) Abends steht Richters Auseinandersetzung mit seinem eigenen Vater: 1926 geboren, kriegstraumatisiert und ein beinahe prototypischer Vertreter des traditionellen männlichen Rollenbilds jener Zeit. Er spricht wenig, arbeitet viel und drischt auf den Sohn ein, als er von dessen Liebhaber erfährt.

Jonas Dassler erzählt diese Geschichte zu Beginn als ausufernden Monolog, der immer wieder anrührt – und gleichermaßen strotzt vor Selbstmitleid und Nabelschau.

Insgesamt fünf männliche Schauspieler stehen auf der Bühne und monologisieren über die Biografien ihrer Väter. Gerade diese manchmal lustigen, oft verletzten, traurigen, auch liebevoll-warmen Episoden zählen zu den schönen Momenten des Abends – so schnörkellos und (zuerst!) noch gut verdichtet sind sie.

Im Publikum werden die Taschentücher gezückt

Taner Şahintürk imitiert seinen Vater, der ins Telefon schreit, sobald er Verwandte in der Türkei anruft. Emre Aksızoğlu erzählt, wie sein Vater stets der beste Deutsche werden wollte. Benny Claessens’ hat nur Trauriges über diesen schweigenden, abwesenden Mann an der Seite seiner Mutter zu berichten. Und Knut Berger singt seinem verstorbenen Vater, der sich nie zu seiner Bisexualität bekannt hat, eine herzergreifende Version von "Boys don’t cry". Hier werden denn auch die ersten Taschentücher im Publikum gezückt.  

Überhaupt gibt es wunderbare Musikstücke: Emre Aksızoğlu singt Peter Gabriels "Don’t give up" am Klavier, Benny Claessens gibt Lana Del Rey – während die Bühne sich mit einer schwarzglänzenden, männlichen Heldenfigur auf einem Sockel dreht, um sie herum verlassene Kinderfiguren. Das ist berührend und amüsant. Aber auch völlig selbstreferenziell. Kaum eine Szene weist über die individuelle Vater-Sohn-Beziehung hinaus. In klassischer Gorki-Ästhetik stehen die Spieler mit Mikrofon an der Rampe und erzählen aus ihrem Leben.

Der Abend verzettelt sich in Anekdoten und Assoziationen

Zur Debatte über heutige Männlichkeitsbilder kann der Abend somit wenig beitragen. Je länger er andauert, umso mehr verzettelt er sich in Anekdoten, Assoziationen, Gefühligkeiten. Vieles erinnert an Falk Richters Vorgängerstücke am Gorki: Polemische Reden werden ins Publikum gebrüllt, man bemitleidet sich, man feiert sich – und reiht eine Szene an die nächste.

Einmal wird das Männlichkeitsbild des Vaters verhandelt, dann die Beziehung zum Vater, später dessen Sterben. Aus dem Nichts plötzlich eine Dialogszene über Sex in schwulen Beziehungen: "Kuscheln ist nicht die Lösung! Kuscheln ist die Endlösung jeder Beziehung!" wütet Knut Berger, sprachlich nicht sonderlich geschmackssicher, über das abflauende Verlangen seines Partners. Zwischendurch wieder Alexander Gauland, die Neue Rechte und ihr Geschlechterverständnis. Auf der Bühne dazu viel Bilderflimmern und eine lustige Collage aus Filmen mit John Wayne – dem "Lonesome Cowboy", Held aller rauen Machos schlechthin.   

Intellektuell ist das alles andere als befriedigend. Warum es für diesen wirren Szenenreigen gleich drei Dramaturgen braucht, wie der Programmzettel aufführt, wird auf ewig ein Rätsel bleiben. Wer nichts gegen Sentimentalität einzuwenden hat, kann sich aber bei schöner Musik zumindest einen unterhaltsamen Abend machen, der (auch Töchter!) die Beziehung zum eigenen Vater reflektieren lässt.  

Barbara Behrendt, rbbKultur

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