Lehman Brothers – Vaganten Bühne © Manuel Graubner
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Vaganten Bühne - "Lehman-Brothers"

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Der italienische Dramatiker Stefano Massini hat ein Stück über den langjährigen Aufstieg des Familienunternehmens "Lehman Brothers" geschrieben, der 2008 mit einer Pleite endete.

2019 ist die "Vaganten Bühne" im Berliner Westen 70 Jahre alt geworden – und damit eines der ältesten Privattheater der Stadt. Gegründet wurde es von Horst Behrend 1949, sein Sohn Jens-Peter hat es mit seinem Bruder übernommen und 40 Jahre geleitet – und zum neuen Jahr an Lars Georg Vogel abgegeben. Vogel führt schon seit Jahren bei den "Vaganten" Regie, mit den "Lehman Brothers" des italienischen Dramatikers Stefano Massini hat er nun seine erste Inszenierung als Intendant präsentiert.

Zeitgenössisch

Das Stück passt zum Profil des Hauses, das sich immer schon den ernsthaften, aufklärerischen Stoffen gewidmet hat. In den 1950er Jahren wurde hier lange Borchardts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" gespielt, später Existenzialisten wie Sartre und das Absurde Theater von Ionesco. Eine einstige Avantgarde-Bühne, an der berühmte Künstler arbeiteten, darunter Dieter Hallervorden, Harald Juhnke, Andreas Schmidt. Auch heute zeigt die Vagantenbühne zeitgenössische Dramatik. Viel Gesellschaftskritisches, aber auch ein Stück von Yasmina Reza – für Vogel allerdings, wie er sagt, das "höchste der Gefühle", gespielt werden soll an seinem Theater nämlich "alles außer Boulevard".

"Lehman Brothers" ist ein 2013 in Paris uraufgeführtes Stück, das in den vergangenen Jahren die europäischen Bühnen erobert hat. Über die konkreten Ursachen der Wirtschaftskrise 2008, für die "Lehman Brothers" ja geradezu ein Synonym ist, erfährt man hier jedoch rein gar nichts. Das ungewöhnlich lange Stück analysiert auf seinen 250 Seiten keinerlei ökonomische Prozesse.

Lehman Brothers – Vaganten Bühne © Manuel Graubner
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160 Jahre Wirtschaftsgeschichte

Stefano Massini macht etwas anderes: Er erzählt die Familiengeschichte der drei Lehmann-Brüder, die 1844 als Söhne eines jüdischen Viehhändlers aus Bayern nach Alabama kommen. Erst eröffnen sie ein Textilgeschäft, dann werden sie zu Zwischenhändlern, die Rohbaumwolle billig kaufen und teurer verkaufen. Später machen sie in New York eine Geschäftsstelle auf und werden zur Bank. Ihre Söhne investieren in die Eisenbahn, in Öl, in den Krieg – und schließlich in Geld und Aktien.

Verve und Witz in alle Rollen

Massini fächert also 160 Jahre Wirtschaftsgeschichte auf, vom Sklavenhandel über den Sezessionskrieg zum Börsencrash 1929. Zweiter Weltkrieg, Mc-Carthy-Ära, Vietnam. Die Realwirtschaft wird abgeschafft; alle Waren sind nur noch eine Börsenkurve. Massini schreibt die Geschichte als Parabel, als Märchen, in einer lyrischen, rhythmischen Sprache, die immer wieder jüdische Riten aufgreift. Gleichzeitig ist es eine packende Familiensaga und ein Historienbild, mit grobem Strich gemalt. Kein Stück mit Dialogen, sondern ein episches Gedicht, das Vogel stark gekürzt und auf drei Schauspieler aufgeteilt hat: Andreas Klopp, Urs Stämpfli und Joachim Villegas geben die Lehman-Brüder als coole, testosterongestählte Gang, die von Anfang an in Jeans und Cowboy-Hut auftreten. Sie schlüpfen mit Verve und Witz in alle Rollen: Söhne, Enkel, Ehefrauen. Die Spielfreude, mit denen die drei am Werk sind, ist das Schönste der Inszenierung.

Von der Bühnendecke hängen lange Papierstreifen, auf denen die Videokünstlerin Stella Schimmele Bilder projiziert – erst unbewegte Landschaften, dann, als die Geschichte ins 20. Jahrhundert wechselt, auch bewegte Bilder und Live-Videos. Es bleibt der einzige sinnliche Hinweis, dass die Zeit zwei Jahrhundertwenden überschreitet.

Der Inszenierung wird diese grundlegende Zeitlosigkeit zum Problem, denn das Stück lebt davon, dass die Lehmans selbst darüber staunen, wie rasant sich die Welt und die Atmosphäre in ihr verändert. Und als Leser staunt man mit ihnen, wie schnell die Entwicklung vom tüchtigen Unternehmer zum skrupellosen Turbokapitalisten vonstatten geht. Wie rasch die Menschen ihre Wurzeln, ihre Werte verlieren.

Es geht also um Geschichte – doch hier ist alles Gegenwart. Die Brüder sehen schon 1844 aus wie unsere heutigen Nachbarn. Nicht, dass sie im historischen Kostüm auftreten müssten – aber das langsame Vergehen der Zeit damals, hin zur rasanten Beschleunigung im Heute, geht somit unter. Die Inszenierung tritt deshalb bei allem Tempo, auf das Vogel setzt, auf der Stelle. Welches Jahrzehnt gerade verhandelt wird, welcher Cousin welche Geschäftsstrategie fährt – es wird über die Dauer des Abends fast ununterscheidbar.

Unterhaltsam

Dass Vogel die meisten religiösen Motive gestrichen hat, ist nachvollziehbar – das Stück fokussiert gefährlich holzschnittartig und klischiert auf "die Juden", die den amerikanischen Finanzmarkt kontrollieren. Doch Vogel hat eben auch das Parabelhafte, Philosophische, atmosphärisch Zeitgeschichtliche zurückgedrängt, sodass man zuletzt nicht mehr weiß, worauf er in den zwei Stunden der Aufführung eigentlich hinausmöchte. Trotzdem: Die vitalen Schauspieler machen einen unterhaltsamen Abend daraus. 

Barbara Behrendt, rbbKultur

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