"Can Touch This" © Jörg Metzner
Jörg Metzner
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PURPLE-Festival im Theater Strahl, Die Weiße Rose - "Can Touch This"

Gestern war Welt-Knuddeltag – die Erinnerung daran, wie wichtig für uns Menschen, für unsere seelische und körperliche Gesundheit Umarmungen, Zärtlichkeiten und Nähe sind. Dazu passt, dass gestern im Berliner Theater Strahl eine Tanz-Produktion für Menschen ab zwölf Jahren Uraufführung hatte, in der es um Berührungen geht.

Der Choreograf Leandro Kees ist an dieses für Kinder und Jugendliche heikle Thema auf lustvolle und komische Weise herangegangen, in Form einer Humoreske, einer Themen-Revue, in der alles angesprochen wird, was mit Berührung zu tun hat: die Sehnsucht danach und die Angst davor, die familiäre, soziale und kulturelle Prägung jedes Einzelnen, die Regeln und Normen, mit denen körperliche Nähe umstellt ist oder auch die unerwünschte Nähe, die als Gewalt erlebt werden kann – MeToo ist hier also inbegriffen.

Fünf Tänzerinnen und Tänzer in schlichten Hosen und weißen T-Shirts springen in Spielsituationen, in Tanz und Körpersprachen-Theater und das offensichtlich in der Annahme, man könne das junge Publikum mit etwas Comedy am besten erreichen.

"Can Touch This" © Jörg Metzner
Bild: Jörg Metzner

Affenhorde, am Po kratzen, Abstand halten

Zu Beginn tollen die Performer auf allen vieren krabbelnd als kreischende Affenhorde über die Bühne, bis sie das entwickelt haben, was wir Kultur nennen. So erklärt es jedenfalls mit skeptischem Unterton die Stimme aus dem Off, die nach einem Biologie-Lehrer klingt, der über Säugetiere, Primaten und Menschen spricht – Kultur heißt hier Kontrolle, Abstand, Distanz.

Und einer der Performer zeigt dann, was im Rahmen dessen akzeptiert ist und was nicht: am Po kratzen, in der Nase popeln, an anderen schnuppern, sich in den Schritt fassen. Und er zeigt, wie man all das versteckt und heimlich machen kann.

Dieser junge Mann ist es auch, der mit einem vielleicht 50 Zentimeter langen Stab einem Paar zeigt, wie nah sie einander stehen dürfen, der ihre kleinen Berührungen an Arm und Händen verhindert, der ein rot-weißes Absperrband herauszieht, um die beiden, die sich eigentlich gern näher wären, voneinander zu trennen. Von diesem jungen Mann heißt es in einem der kurzen Texte, seine Eltern hätten mit ihm als Kind nie wirklich gekuschelt.

Erschrockenes Kreischen und einsamer Tanz

In anderen der kurzen geflüsterten Sätze heißt es: Einer von uns wird nervös, wenn er sich beobachtet fühlt, eine von uns wird nicht gern angefasst, einer vermeidet Augenkontakt, einer kuschelt gern. Oder auch: Einer von uns meint, dass Lehrer ihre Schüler auf keinen Fall anfassen dürfen.

Das sind Charakterisierungen, die in den körpersprachlichen Szenen wieder auftauchen: das erschrockene Kreischen und Wegzucken bei Berührung oder im einsamen Tanz eines jungen Mannes, der immer so tut, als würde er nur Sport treiben, wenn er sich beobachtet fühlt. Oder in den empörten Rufen "Schwul, Sexist, Nazi", wenn sich zwei zu nahe kommen.

Körpersprache und Tanz als Pausenfüller

Der Wunsch nach Nähe und die Angst, die Kontrolle zu verlieren und verletzt zu werden, die Scham vor dem eigenen Körper, die Befürchtung, sich zu blamieren und ausgegrenzt zu werden – um all das kreist dieses Stück in körpersprachlichen Aktionen. Der Tanz mit viel Bodenakrobatik hat etwas zu oft die Funktion des Pausenfüllers, der auflockernden Überleitung zur nächsten Spielszene, das alles zu kurzen Popsongs, einem Walzer oder einem kleinen Sirtaki.

Sich fallen lassen und kuscheln

Am Ende wird dann das Durchbrechen von Angst und Scham gezeigt. Ein Tänzer, der als verklemmt gezeichnet wird und einsam Kampfsportübungen exerziert, der sich sozusagen stählt gegen die Zumutungen der Welt, wird allmählich von den anderen berührt, gestreichelt, hochgehoben. Er lernt, sich fallen zu lassen und am Ende sind alle eine glücklich strahlende Kuschelgruppe, finden Halt, Trost, Gemeinsamkeit und das zu einer Coverversion des Beatles-Songs "Here Comes The Sun".

Umkreisen der Themen – sympathisch und harmlos

Dieses Stück ist ein lockeres Umkreisen der Themen, ohne in die Tiefe gehen zu wollen. Vieles wird kurz angerissen, aber es wird nicht viel gewagt, kaum Grenzen überschritten, kein Risiko eingegangen. Da wären mehr Zumutungen und Zuspitzungen möglich gewesen, mehr Schärfe und Härte. So etwas auszuhalten, ist auch dem jüngeren Tanzpublikum zuzutrauen und es gibt auch solche herausfordernden Tanzstücke für Kinder und Jugendliche, auch beim Purple-Festival für junges Publikum, in dessen Rahmen diese Produktion gezeigt wird.

Leandro Kees und sein Tänzerteam haben sich für den humoresken Weg entschieden, wodurch alles zwar sympathisch, aber auch etwas harmlos, gefällig und nett wirkt. Beim jungen Tanzpublikum ist das jedoch gut angekommen – es gab viel Jubel am Ende.

Frank Schmid, rbbKultur

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