Showcase Beat Le Mot: "Don Quijote", Foto: Dorothea Tuch
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HAU3 - Showcase Beat Le Mot: "DON QUIJOTE / DONKEY SHOT / DONE QUICHE HOT / DON CONQUISTA / DON E. COYOTE"

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Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, der auf seinem klapprigen Ross durch die Welt reitet und Abenteuer erlebt, die nur in seiner Vorstellung wundervoll sind, nicht jedoch in der Realität. Diesen Don Quijote hat die Performancegruppe Showcase Beat Le Mot zum Helden ihres neuen Stückes gemacht. Nun war Premiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Don Quijote, eine der rätselhaftesten Figuren der Welt-Literatur war für Showcase Beat Le Mot Anlass, wieder ihrem Spieltrieb freien Lauf zu lassen und einen recht verrückten Abend zu inszenieren, eine Show zwischen Performance, Konzert, Happening und Tanz. Gekocht wurde auch – für die Zuschauer gab es zu essen und zu trinken mit House-Music vom DJ.
Irgendwann heißt es im Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho Pansa, dass ja ohnehin keiner weiß und versteht, worum es im Roman wirklich geht – also, so die Grundidee dieses Abends, lassen wir doch einfach mal unserer Phantasie freien Lauf und gucken, wohin uns das treibt.

Zwischenwelt in Zwischenzeit – Realitäten und Fiktionen

Getrieben hat es sie in die Erfindung einer eigenen Welt, einer Zwischenwelt in einer Zwischenzeit. Don Quijote besucht Sancho Pansa in dessen Haus, sie plaudern, ein bisschen müde, etwas sentimental – man denkt, alle Abenteuer liegen hinter ihnen. Dann jedoch erzählt Don Quijote vom zweiten Teil des Romans, von dem, was noch vor ihnen liegt, er aber schon kennt. Er kennt das Ende, bevor es geschieht – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen hier ineinander.
Und damit ist das große Roman-Thema angesprochen: was ist Realität und Fiktion, was ist Traum und Wirklichkeit, was ist Wahnsinn?!

Das Haus von Sancho Pansa ein Gestaltwandler

Zumal das sogenannte Haus von Sancho Pansa unter einem riesigen weißen Stofftuch liegt. Was darunter ist, sehen wir nicht – wie sehen nur, wie dieses Stofftuch-Etwas sich zu Beginn mühsam in den Raum wälzt, wie es darin bebt und wackelt, wir hören, wie es darin rumpelt und rumort, sehen, wie Rauch aufsteigt und wie es sich ständig verändert, ausbeult oder schrumpft oder hoch in die Luft wächst – als wäre es ein lebendiges Wesen ohne feste Form. Das Haus ein Gestaltwandler, ein unstetes Heim für zwei unstete Geister.

Showcase Beat Le Mot: "Don Quijote", Foto: Dorothea Tuch
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Reflexion und Weiterschreiben und Umformen, Umgestalten

Diese Performance ist angelegt wie eine Reflexion über den Roman von Miguel de Cervantes und wie ein Weiterschreiben und ein Umformen, wie etwa im Tanz mit acht Sitzbällen. Vier Performer lassen jeweils einen großen Sitzball auf einem kleinen durch den Raum rollen, übergeben die Bälle aneinander, wobei immer ein Ball in Berührung mit einem anderen bleiben muss. Ist das nun der niedliche Kugelroboter aus Star Wars oder sind das Erde und Mond oder sind das die zwei Welten Traum und Wirklichkeit, immer in Berührung, aber doch verschieden oder sind das Don Quijote und Sancho Pansa, die ohneeinander nicht sein können? Ein simples Spiel, ein Tänzchen mit Sitzbällen und die Phantasie wird befeuert – bevor schnöde die Luft aus den Bällen gelassen wird.

Reales und Fiktives – Spiel mit Illusionen

Nebenbei erzählt einer der Performer vom Jahr 1491, von Kolumbus und dem Ei, von der Eroberung Granadas und der nachfolgenden Vertreibung Andersgläubiger, Nichtgläubiger, Anders-Seiender, von der Inquisition in Spanien und der Christianisierung in Amerika. Und das, um zu der bekannten These zu kommen, Cervantes entstamme vielleicht einer der früher jüdischen, dann zwangskonvertierten Familien, eine Erklärung für seine Außenseiterperspektive.
Reales und Fiktives stürzen hier ineinander, das andere große Romanthema, das Spiel mit Illusionen wird ins Bühnengeschehen übertragen.

Showcase Beat Le Mot: "Don Quijote", Foto: Dorothea Tuch
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Gemütliches Beisammensein mit Paella und Sangria

Und nebenbei wird in zwei großen Pfannen gekocht und gebrutzelt. Denn es gibt vegetarische Paella und Sangria mitten in der Performance, fast alle Zuschauer greifen zu. Es wird geplauscht, alte Bekannte treffen sich oder man lernt sich neu kennen. Der Abend wird zum gemütlichen Beisammensein. Bis gesampelte Hornklänge wie Fanfaren zum zweiten Teil rufen, in dem Don Quijote und Sancho Pansa über die edelsten Pflichten des Ritters sprechen, über Riesen und Windmühlen und den Wahnsinn, der Don Quijote am Leben erhält. Und in einem gesampelten Rap fällt plötzlich die Frage: "Lebe ich noch in einer Demokratie?". Romanphantasie und Gegenwart poltern ineinander.

Verspieltes Phantasie-Universum – Ritter der fröhlichen Gestalt

Showcase Beat Le Mot haben wieder ihre postdramatische Spiel- und Assoziations-Maschine in Gang gesetzt – komisch und undramatisch und lässig unterspannt, leicht dahinplätschernd wie die Gespräche zwischen Don Quijote und Sancho Pansa. Sie haben ihr eigenes verspieltes Phantasie-Universum entworfen – in Anlehnung an den Roman und aus heutiger Perspektive.

Gegen Ende fragt Sancho Pansa, warum er eigentlich nie zum Ritter geworden sei. "Dazu fehlt dir die Phantasi", antwortet Don Quijote. Insofern zeigen sich Showcase Beat Le Mot in ihrer eigenen verrückten Abenteuerreise als etwas in die Jahre gekommene Ritter der fröhlichen Gestalt.

Frank Schmid, rbbKultur

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