Caner Teker: "Kirkpinar"
Sophiensæle
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Sophiensæle – Tanztage Berlin - Caner Teker: "Kirkpinar"

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Mit dem türkischen Öl-Ringkampf, dem türkischen Nationalsport hat sich Caner Teker, beschäftigt. Nun hatte das Stück "Kirkpinar" Premiere in den Sophiensaelen, bei den Tanztagen Berlin, dem Festival für den choreographischen Nachwuchs.

Der türkischer Öl-Ringkampf ist eine jahrhundertealte Tradition, Kirkpinar heißt auch der Wettkampf, der seit mehr als 660 Jahren in Edirne in der Westtürkei ausgetragen wird – jedes Jahr kommen bis zu 2.000 Sportler zu diesem legenden- und mythenumrankten Turnier. Die Ringer treten mit freiem Oberkörper  gegeneinander an, von Kopf bis Fuß mit Olivenöl eingerieben, so dass die Gegner kaum Halt und Griff finden, außer an den traditionellen knielangen Lederhosen  aus Wasserbüffelleder, mehrere Kilogramm schwer. Diese Ringkampfform gilt als eine der härtesten Sportarten überhaupt, es sind nur Griffe, keine Schläge erlaubt und Sieger ist, wer die Schultern des Gegners auf den Boden drückt oder ihn anheben und drei Schritte weit tragen kann. Die Wettkämpfe in Edirne und anderswo in der Türkei sind große Volksfeste und die Ringer sind Helden, mit entsprechendem Status kraftstrotzender Männlichkeit. Traditionell stehen sie aber auch für Werte wie Ehrlichkeit, Loyalität und Respekt.

Verletzlichkeit und Intimität und homoerotische Komponente

Caner Teker, 1994 in Duisburg geboren, die Eltern aus der Türkei, ist offensichtlich fasziniert von den verborgeneren Schichten dieses Ringkampfes, von Verletzlichkeit und Intimität und sicherlich auch von der homoerotischen Komponente, die es gibt, auch wenn die Ringer und ihre Verbände diese Assoziation ablehnen und dagegen vorgehen. Aber muskelbepackte, halbnackte, mit Öl eingeriebene Männer in engen Lederhosen, die sich im Wettkampf auch in die Hosen greifen – ein erlaubter Griff, um überhaupt Halt am Körper des Gegners zu finden – keine Frage, dass dies Phantasien auslöst.

Um diese erotische Komponente geht es Caner Teker jedoch nicht vordergründig – Teker stellt in der sich sehr respektvoll dem Ringkampf nähernden Choreographie die Inszenierung von Männlichkeit in Frage und untersucht die Bewegungs-Intelligenz, die Bewegungs-Intuitionen, die Ringkämpfer brauchen.

Halten und Stützen – Bewegungs- und Paar-Harmonie

Denn Caner Teker geht es um das Miteinander im Kampf. Beide verharren Kopf an Kopf oder Kopf an der Schulter des anderen geborgen, Kraft und Druck gehen nicht in ein Niederkämpfen sondern in ein Halten und Stützen. Die Griffe wirken fest und zärtlich und wenn sie einander umschlingen, ineinander verknäult sind, dann geht es nicht um Macht und Sieg und Unterwerfung, auch nicht um Erotik oder sexualisierte Handlung sondern um eine langsam fließende Bewegungs- und Paar-Harmonie voller Sanftmut und Fürsorge und um eine Intimität, die den anderen nicht bedrängt sondern umsorgt.
Das ist also eine völlige Umdeutung, eine Umwertung des Kampfsportes, fernab von Siegern und Besiegten, von unnahbarer kraftstrotzender Männlichkeit und Potenzgehabe oder Heldenpathos.

Queere Perspektive klug umgesetzt

Caner Teker hat einen Abschluss in Bildender Kunst und studiert derzeit noch an der renommierten School für New Dance Development in Amsterdam. Mit "Kirkpinar" ist es gelungen, die queere Perspektive, den Blick aus nicht-heteronormativer sondern aus einer gender-fluiden Perspektive klug und sinnlich und tanzkünstlerisch umzusetzen. Das haben mit anderen Themen und Ideen schon viele versucht, gerade in den letzten Jahren, in denen queere und queerfeministische Ansätze bei den Tanztagen sehr präsent waren – wirklich geglückt ist es wenigen. Dies ist eine sehr starke Choreographie, in der auch der Kuss der beiden am Ende ein gemeinsames Atmen ist.

Frank Schmid, rbbKultur

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