Wir sind auch nur ein Volk nach den Drehbüchern von Jurek Becker Regie: Maik Priebe Bühne: Susanne Maier-Staufen Kostüme: Christine Jacob MUSIK: Johannes Winde Dramaturgie: Natalie Driemeyer Auf dem Bild Jon-Kaare Koppe, Kristin Muthwill, René Schwittay Foto: Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "Wir sind auch nur ein Volk"

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Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, konnte sich wohl niemand vorstellen, wie schwierig die Wiedervereinigung werden wird, wie langlebig Misstrauen und Vorurteile sind, wie sehr sich (bis heute) Ossis und Wessis kritisch beäugen. Im Potsdamer Hans Otto Theater hatte jetzt ein Stück Premiere, das auf Drehbüchern von Jurek Becker basiert und sich die Kinderkrankheiten der Wendezeit vornimmt: "Wir sind auch nur ein Volk".

Einer der ganz genau wusste, wie die Deutschen ticken, der ihre Macken und Marotten satirisch auf den Punkt bringen konnte, war der Schriftsteller Jurek Becker, der mit dem Roman "Jakob der Lügner" international bekannt wurde und dem Fernsehen manches Serien-Highlight schenkte.

Deutsch-deutsche Serie

Jurek Becker hatte für die ARD kurz nach dem Mauerfall eine Serie geschrieben, um Missverständnisse, gebrochenen Versprechen, politischen Verirrungen und mentalen Verwundungen, die Abneigungen zwischen Ossis und Wessis augenzwinkernd und satirisch zu zerlegen. Ausgestrahlt wurde sie ab Dezember 1994 in 9 Folgen. Aus diesem Konvolut haben Regisseur Maik Priebe und Dramaturgin Natalie Driemeyer für Potsdam eine zweieinhalbstündige Theaterfassung destilliert.

Erfindung von Realitäten

Es ist nicht die erste Bühnenversion: Auch in Dresden, Plauen und Zwickau kamen kürzlich Theaterfassungen der 25 Jahre alten TV-Satire auf die Bühne: Es scheint also – zumindest im Osten – großes Interesse daran zu bestehen, sich die Fehler und Folgen der Vereinigung auf unterhaltsame Weise zu vergegenwärtigen. Bei der TV-Ausstrahlung war das Publikumsinteresse damals ziemlich mau, obwohl Jurek Becker die Hauptrolle wieder seinem alten Kumpel Manfred Krug auf den Leib geschrieben hatte (ähnlich wie in der Erfolgs-Serie "Liebling Kreuzberg"). Vielleicht war die Konstruktion der Story zu kompliziert, denn Jurek Becker meinte, man erkennt die Realität am besten, wenn man sie nicht abbildet, sondern in Fiktionen verwandelt. Deshalb handelt die Geschichte vor allem davon, mit welchen Lügen und Fiktionen eine Fernsehserie über die deutsche Einheit entsteht, die auch nur auf Lügen und Fiktionen basiert. Es ist also eine ironische Lehrstunde über die Erfindung von Realität und wie man mit Fiktionen Fakten schafft.

"Wir sind auch nur ein Volk" nach den Drehbüchern von Jurek Becker | Regie: Maik Priebe Bühne: Susanne Maier-Staufen Kostüme: Christine Jacob MUSIK: Johannes Winde Dramaturgie: Natalie Driemeyer Auf dem Bild v.l. Jon-Kaare Koppe, René Schwittay, Kristin Muthwill Foto: Thomas M. Jauk
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Konstruierte Familien-Geschichte legt die deutsche Misere amüsant bloß

Die Programmdirektion der ARD beschließt, eine Serie zur deutschen Einheit am Beispiel einer Familien-Geschichte zu produzieren und beauftragt ausgerechnet den West-Berliner Schriftsteller Anton Steinheim, der noch nie fürs Fernsehen gearbeitet hat, ein Drehbuch zu schreiben. Um herauszufinden, wie die Ossis leben und denken, logiert sich Steinheim bei Familie Grimm auf dem Prenzlauer Berg ein, die können das Honorar gut gebrauchen, denn Benno Grimm war in der DDR Dispatcher und ist jetzt arbeitslos. Seine Frau Trude ist Lehrerin, muss sich aber zu eventuellen Verstrickungen ins Unrecht-System äußern und hat Angst, entlassen zu werden. Weil das nicht reicht, erfinden die Grimms ein paar politische Gruselgeschichten, machen aus dem harmlosen Vater einen alten SED-Genossen, aus dem Sohn einen notorischen Motzki, aus dessen Freundin eine Friedens-Sängerin. Sie laden eine Schwester ein, die früher ein FDGB-Heim geleitet hat, dazu einen Verwandten, der vor Jahren in den Westen geflohen ist und heute lauthals über den Osten meckert; und weil der Drehbuch-Autor mehr über die Stasi wissen will, engagieren sie einen Schauspieler, der in die Rolle eines unverbesserlichen Genossen und notorischen Spitzels schlüpft. Das Ganze endet im großen Kuddelmuddel, legt aber die deutsche Misere amüsant bloß: Zwar wird die Produktion der Serie dann auf Eis gelegt, dafür aber kommen sich die Familien Grimm und Steinheim, also Ost und West, wenigstens ein bisschen näher.  

Kein Klischee wird ausgelassen

Die Inszenierung bleibt im Gestern. Blumentapete, Schleiflackmöbel, Polaroidkamera, Kassettenrekorder. Die Ossis tragen lackbraune Kleidung, die Wessis schicke graue Anzüge, die Ossis trinken Flaschenbier, die Wessis Rotwein. Nostalgie pur, kein Klischee wird ausgelassen, alle Themen und Debatten, Phrasen und Parolen der Wendezeit auf Volkshochschulniveau wiedergekäut. Warum die Mangelwirtschaft der DDR schief lief und wie ein Spitzel arbeitete, wie eng Staat und Gewerkschaft verflochten waren. Honecker-Witze werden gerissen, die DDR-Hymne ertönt, Opa hörte alte Ulbrecht-Reden. Karat und Phudys erklingen. Und West-Autor Steinheim saugt alles gierig auf, als würden neue Weisheiten verkündet. Doch der Erkenntnis- und Unterhaltungswert legt in Wahrheit bei Null.

Bühne: grandios

Aber die Bühne (Susanne Maier-Staufen) ist grandios. Über- und durcheinander gestapelte Container und Holzwände, alles rotiert und gibt ständig neue Räume und Einblicke preis. Das hätte selbst der geniale (und leider früh verstorbene) Bert Neumann an der Volksbühne nicht besser hinbekommen.

Gefühlt 1000 Mal gesehen

Die Darsteller geben sich alle Mühe, kommen aber übers Klischee nicht hinaus. Jon-Kaare Koppe gibt den arbeitslosen Benno Grimm als sympathischen Loser mit Berliner Schnauze. Kristin Muthwill ist als Trude Grimm von zupackender Gradlinigkeit. Joachim Berger gibt einen bärbeißigen und bauernschlauen Alten. David Hörning einen aufrichtig netten Sohn. René Schwittay glüht als Schriftsteller und Drehbuchautor vor Eifer und Wahrheitsliebe. Andreas Spaniol bolz kabarettreif alte Parteisekretäre und ausgemusterte Stasi-Spitzel auf die Bühne. Manchmal ist das ganz lustig, aber eigentlich hat man alles schon 1000 Mal gesehen und gehört. Es ist keine gute Idee, eine alte Fernseh-Serie, die übers Fernsehen nachdenkt, nach 25 Jahren noch einmal für das Theater zu recyceln.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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