Radialsystem in Berlin
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Radialsystem V | Open-Spaces-Festival - "Rita Klaus"

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Wer ist Rita Klaus? Und was hat der Berliner Choreograph Martin Hansen mit ihr zu tun? "Rita Klaus“, so hat Martin Hansen sein neues Stück genannt. Gestern hatte es Uraufführung beim Open-Spaces-Festival der Berliner Tanzfabrik.

Wer ist Rita Klaus?

Angeblich, so wird uns erzählt, hat Rita Klaus von den 1950er Jahren bis in die 2000er gelebt, stammte aus Halle an der Saale, ist als Kind nach Westdeutschland gekommen und später nach Australien ausgewandert, wo sie als Verkäuferin, Tourist-Guide durch die Wüste und Sexarbeiterin gelebt hat. Dies sei die Wahrheit, erzählt Martin Hansen am Ende seines Stückes. Er habe Rita Klaus zwar nie kennengelernt, aber von ihr erfahren, als er seine kranke Mutter in seiner australischen Heimat besucht habe. In deren Nachbarschaft soll Rita Klaus gelebt haben und ihm sei es leichter gefallen, sich mit der Unbekannten zu beschäftigen, als mit seiner Mutter - erzählt er jedenfalls.

Gespenstischer Flug in Geisterwelten

Vielleicht ist dies die Wahrheit, vielleicht auch nicht, aber darauf kommt es eigentlich nicht an. Denn dieser Abend, der wie ein biographisches Erzählen begonnen hat, hebt ab zu einem gespenstischen Flug in Geisterwelten, zu Grüßen aus der Jenseits-Welt und das mit donnernder, live gespielter Punk-Musik. Aus dem stillen Beginn, in dem wir vergilbte Fotos, vielleicht aus den 60er Jahren sehen: Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Bad, vielleicht die Wohnung von Rita Klaus, wird am Ende ein krachiger Gruß aus dem Reich der Toten.

Vom Archiv zur Projektionsfläche – vom Konkreten ins Imaginäre

Aus den Fotografien meint man ein eher einsames, zurückgezogenes Leben ablesen zu können, die Einträge aus dem Tagebuch von Rita Klaus, die wir hören, beschreiben Alltägliches in akribischer, distanzierter Sprache: da geht es um Telefonate mit einem Freund über dessen Auto-Reparaturen. Nur selten, erzählt die Tänzerin Xenia Taniko, gebe es in den Tagebüchern kleine Andeutungen von Gefühlen, sonst sei alles trocken und entpersonalisiert, bestünde quasi nur aus Fakten. Aber diese Rita Klaus habe ihr gesamtes Leben aufgeschrieben und alles gesammelt, habe ein Archiv über sich angelegt. Ein Archiv allerdings, mit dem man dieser Frau nicht wirklich nahekommt und genau das macht sie zur Projektionsfläche.Vom konkret Sichtbaren und Erzählten, von den Fotos und Texten ausgehend, weiten Hansen und Taniko den Blick – sie vergleichen sich mit ihr, mit ihrem Passfoto und ihren Falten im Gesicht und etwas später verschwimmt das Gesicht von Xenia Taniko im Beamer-Licht mit dem Antlitz auf dem Foto. Hansen inszeniert zunehmend Überlagerungen, Verfremdungen, man fragt sich, womit die beiden sich eigentlich identifizieren, was sie an dieser Frau fasziniert. Und dann beginnt der Tanz und alles ändert sich.

Körper lösen sich auf, werden zu Geisterkörpern

Hansen, eher klein und schmal und Taniko, lang und zart, wandeln schwankend und schlingernd in unsteten Bewegungen, in Zögern, Aufbäumen, Niedersinken, in verschwimmenden Mehrdeutigkeiten. Sie zucken ruckhaft, jede Bewegung im Körper wird verschoben und verschlissen, auch wenn die Positionen kurz genau markiert werden. Das sind Flüssig-Zustände, unfertig, nur Ansätze und Übergänge – die Körper lösen sich auf, wirken wie nicht von dieser Welt, werden zu Geister-Körpern.

Von Rekonstruktion zu Imagination und spekulativer Illusion

Aus der vermeintlichen Nacherzählung oder Rekonstruktion eines Lebens wird ein Schlingern in eine Zwischenwelt, in der das Davor und das Danach zur gleichen Zeit existieren. Aus der Welt des Konkreten und Greifbaren sind sie in eine Welt der Imagination hinübergewandert und warum soll es dort nicht Geister geben, vielleicht die Geister der Toten?! Und so wird dieser Abend zu einer Fantasie über den Tod, über das, was von einem Menschen übrigbleibt, wie man von ihm erzählen kann und wie diese Erzählung zu einer spekulativen Illusion wird, die der Wahrheit genau so nah und fern sein kann, wie ein Erzählen von Fakten.

„Hello from the other side“

Am Ende wird dann ein Schlagzeug aufgebaut, Mini-Synthesizer, Mikrophone und Martin Hansen, Xenia Taniko und Brandon Johnson am Bass, der zuvor raunende Elektroklänge in den Raum geschickt hat, sie alle ziehen 80er Jahre Punk-Klamotten an und los geht’s. Dass Martin Hansen, Anfang bis Mitte 30, immer sehr auffälliger Tänzer in vielen Berliner Produktionen, so gut singen kann, war bislang nicht bekannt. Und endlich gibt es mal wieder harten Punk in einer Tanzperformance. "Hello from the other Side" singt er und der Punk wird zum Bindeglied zwischen Diesseits und Jenseits. Ein beeindruckend phantasievolles Stück, von einem dichten Netz aus Ideen, Assoziationen und starken Performance-Aufritten getragen, über die gesamte weite Wanderung in den 80 Minuten sehr faszinierend.

Frank Schmid, rbbKultur

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