Szene aus Hamlet im Maxim Gorki Theater (Bild: Maxim Gorki Theater / Ute Langkafel)
Maxim Gorki Theater / Ute Langkafel
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Maxim Gorki Theater - "Hamlet"

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400 Jahre haben diesem Shakespeare-Stoff nichts anhaben können: Auch in Deutschland ballen sich derzeit wieder die Hamlet-Premieren. Die Bochumer Inszenierung mit Sandra Hüller in der Hauptrolle wurde gerade fürs Theatertreffen nominiert.

In Zeiten von Trump und Putin wird der Stoff um den Dänenprinzen, dessen Vater vom eigenen Bruder ermordet wird, gern als das moralische Aufbegehren gegen einen korrupten Staat inszeniert. Der Regisseur Christian Weise hat nun angekündigt, das Stück am Gorki Theater als eine Geschichte vom „schief vereinigten Deutschland“ erzählen zu wollen

Abenteuerliche Inszenierung

Shakespeares Stücke sind zwar viel zu brillant, als dass eine Theatermode sie kaputt machen könnte. Dass Weise im Hamlet nun aber die deutsche Wiedervereinigung finden möchte, ist doch ziemlich abenteuerlich – wohl deshalb bleibt dieser Dreh auch nur einer von sehr vielen Regieeinfällen, die an diesem Abend nicht weiter ausgeführt werden.

Immer mal wieder blitzt die deutsche Gegenwart auf. Claudius, der Brudermörder, hält eine Rede, in der er sein Volk, die sozialen „Germans“, zum Schutz von Freiheit, Demokratie und Kompromiss aufruft und vor extremen Kräften warnt. Der Verräter also als Vertreter der Sozialdemokraten? Zudem ist Polonius, der königliche Verwalter, Vater einer arabischen Einwandererfamilie. Seinen Sohn Laertes ermahnt er, deutsch zu sprechen, sonst könne man in „Germany“ nichts werden. Und die Tochter Ophelia singt arabische Sehnsuchtslieder, bevor sie sich umbringt.

Dreistündiges Metatheater mit wenigen Shakespeare Versen

Will Weise das Stück also mit der sozialpolitischen Situation Deutschlands verbinden? Schwer zu sagen, wohin der Abend eigentlich führen möchte. Zu sehen ist ein ausuferndes, dreistündiges Metatheater, das vergleichsweise wenige Shakespeare-Verse enthält, dafür aber umso mehr Insider-Späßchen, mal plump, mal komisch – kaum miteinander verbunden. Eine Grundidee gibt es jedoch zumindest: das Spiel im Spiel. Hamlet selbst nutzt ein Theaterstück dazu, seinen Onkel als Mörder zu entlarven. Hier ist Horatio, Hamlets Freund, ein Filmregisseur aus New York, dem sein Therapeut den Rat gegeben hat, einen Film über Hamlet in Deutschland zu drehen, um seine Gedanken zu sortieren. Die Bühne wird somit zu seinem Filmset, zur zweiten Spielebene.

Hamlet Maxim Gorki Theater © Ute Langkafel Maifoto

Projektion eines comicartigen Kunstfilms

Wir schauen auf die Wand, die das Live-Video, das dahinter entsteht, projiziert: Ein comicartiger Kunstfilm, der in einer gemalten Kulisse spielt. Alle Zimmer sind gemalt, auch die Türen, Lampen, Fernseher – nichts als Trompe-l’oeils. Sogar die Handys, die die Spieler in der Hand halten, bestehen aus bemalter Pappe. Manchmal werden auch Landschaften von Caspar David Friedrich eingespielt.

Die zehn Spielerinnen und Spieler sind ebenfalls Kunstfiguren, in dicken Strickkleidern steckend, mit Strickperücken auf dem Kopf. Wenn sie sterben, quellen ihnen blutrote Wollfäden aus dem Mund. Karikaturen, die aus dem Abend eine Parodie machen.

Hier und da wird der Film unterbrochen. Meistens durch Svenja Liesau in der Rolle des Hamlet. Wild berlinernd stellt sie sich dann vor der Wand als Schauspielerin vor, die diese Rolle eigentlich gar nicht habe haben wollen, viel zu viel Text. Dann spricht sie die Erwartungshaltung des Gorki-Publikums an, das nun Kino statt Theater zu sehen bekomme. Frech ist das, rotzig und witzig – zum Erkenntnisgewinn trägt es nicht bei.

Hamlet Maxim Gorki Theater © Esra Rotthoff
Bild: Esra Rotthoff

Vergleich des Theaters von 1980 mit heute

Auch die wunderbare Ruth Reinecke als Geist von Hamlets Vater mit aufgeplustertem Karl-Marx-Bart, die sich mit dieser letzten Rolle nach über 40 Jahren vom Gorki verabschiedet, tritt vor die Wand und vergleicht das Theater von 1980 mit dem von heute.

Doch all diese Teile ergeben kein Ganzes. Wenn Reinecke erzählt, dass man früher im Theater eine Stecknadel habe fallen hören – während es den Spielern heute nur darum gehe, Lacher zu erzeugen, ist das (Reineckes letzter Bühnen-Monolog!) eine verheerende Aussage. Doch dann rezitiert sie überpathetisch den "Sommernachtstraum", sodass man meint, der Regisseur wolle sich über sie als "Theater-Veteranin" geradezu lustig machen.

Svenja Liesau ist die einzige, der man gern zu sieht

Ein postdramatisches Knallchargen-Theater, zu dem der Musiker Jens Dohle am Bühnenrand den passenden Soundtrack liefert – vom Musical zum Melodram zum Gruselfilm. Zuletzt dann ein blockbusterhaftes Fechtfinale und Szenen, die ("Cut! Cut!") vier, fünfmal wiederholt werden, um noch mehr Brechungen zu erzeugen.

Der einzigen, der man bei all diesen Schnipseln gern zusieht, ist Svenja Liesau. Ihren Hamlet gibt sie als anstrengenden Charakter, der zu viel redet, zu viele böse Witze macht, zu viel im Kopf hat und mit seinen Extravaganzen allen auf die Nerven geht.

Doch was der Abend erzählen möchte, bleibt unklar. Als hätten sich ein paar Theaternerds zum Brainstorming getroffen und sich dann von ihren Lieblingsgags nicht mehr trennen können. Zu sehen ist exaltiertes bis albernes Insidertheater.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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