iphigenie auf tauris © christian brachwit
Bild: Christian Brachwitz

Theater an der Parkaue - "Iphigenie auf Tauris"

Bewertung:

In der Dramengeschichte gibt es kaum spannende, starke Frauenfiguren. Ob in Shakespeares Hamlet, den Königsdramen oder Schillers Räubern: Am Ende sind die Frauen meist tot – und bis dahin oft kaum mehr als Stichwortgeberinnen. Anders ist das bei Goethes "Iphigenie auf Tauris": Inbegriff der starken Heldin, humanistisches Ideal.

Nora Bussenius hat das Drama am Theater an der Parkaue nun für Zuschauerinnen und Zuschauer ab 16 Jahren inszeniert. Ihr ist sehr daran gelegen, den Jugendlichen ein weibliches Vorbild vorzustellen – doch keine unerreichbare Heldin. Iphigenie soll dicht an uns herankommen. Was bei einer übermenschlichen Figur, die für das Menschheitsideal der Weimarer Klassik steht, Wahrheit und Menschlichkeit verpflichtet, durchaus schwierig ist.

Viele kluge Details

Doch die Regisseurin lässt sich viele kluge Details einfallen, um Iphigenie nahbar werden zu lassen. Die Tochter Agamemnons wurde von der Göttin Diana auf die Insel Tauris gebracht, wo sie in Dianas Tempel als deren Priesterin dient – sich jedoch zurück in die Heimat, zu ihrer Familie sehnt. Iphigenies Exposition ist intim und poetisch: Auf einem Gaze-Vorhang flackern die Sterne des Weltalls, dahinter sitzt Klara Pfeiffer in Unterhemd auf einem kreiselnden Glas-Tempel – sie deklamiert nicht, ihre Stimme kommt aus dem Off, wir lauschen ihren Gedanken.

Wenn Arkas, der Bote bzw. die Botin des Königs (Hanni Lorenz), im Space-Anzug spricht wie ein Roboter, bei dem die Festplatte hängt, ist das zwar lustig, doch auch überdeutlich, wie fremd und einsam sich die junge Frau an diesem Ort fühlen muss. Als König Thoas um ihre Hand anhält, exotisch ausstaffiert doch sensibel, lehnt Iphigenie zwar ab, doch bleibt behutsam, zärtlich zu ihm. Sie wird zur Sympathieträgerin, die ihren Stolz, ihre Ängste hat – und schlicht versucht, ein guter Mensch zu sein.

Iphigenie First!

Die Sprache Goethes hat Nora Bussenius glücklicherweise in den fünfhebigen Jamben belassen. Hier und da mal eine Szene mit aktuellen Einsprengseln, etwa, wenn Pylades, der Freund ihres Bruders Orest, Iphigenie motivieren will, dem König eine Lüge zu erzählen, damit sie fliehen können: „Iphigenie First!“ spornt er sie in Trumpscher Manier an. Doch das sind Ausnahmen. Bussenius bleibt nah am Text und zeigt, dass man Goethe heute durchaus verstehbar spielen kann.

Elektro-Beats und wummernde Bässe

Bussenius setzt geschickt ästhetische Mittel ein, um die Geschichte spannend und zeitgemäß zu inszenieren. Als die beiden Neuankömmlinge sich noch nicht als Orest und Pylades zu erkennen geben, werden sie in Käfigen in Zwangsjacken mit Elektroschocks gefoltert. Das fesselt die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler im Publikum.

Zudem benutzt sie Elektro-Beats und wummernde Bässe, um eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen. Dort, wo auf der Bühne der Ozean beginnen soll, liegt nichts als ein Meer aus Plastikmüll – und lässt aus der Zeit der Umweltverschmutzung und des Klimawandels grüßen.  

 

iphigenie auf tauris © christian brachwit
Bild: Christian Brachwitz

Inszenierung im Geiste Goethes

Doch zur Goethe-Nachhilfe im Anschluss an den Schulunterricht eignet sich der Abend nur bedingt: Man muss zumindest den Inhalt des Dramas kennen, um die gravierende Änderung zu bemerken, die die Regisseurin am Ende vornimmt.

Bei Goethe verläuft die Geschichte folgendermaßen: Iphigenie ist vom König dazu angehalten, die beiden Fremden zu töten. Als sie erfährt, dass ihr Bruder darunter ist, kann sie sich nur verweigern. Sie plant einen Fluchtversuch. Von Gewissensbissen geplagt sagt sie dem König die Wahrheit – und überzeugt ihn schließlich vom Frieden. Orest, der überraschend hinzukommt, kann beruhigt werden, dass dies keine Falle ist. Happy End.

Hier aber lässt sich der König zwar von Iphigenie vom Frieden überzeugen – doch Orest und Pylades handeln überstürzt und stürmen die Bühne, der König  sieht sich von ihren Waffen bedroht, alle metzeln einander nieder. Allein Iphigenie überlebt und endet mit dem grausamen Lied der Verfluchten: "Es fürchten die Götter das Menschengeschlecht. Sie halten die Herrschaft in ewigen Händen. Und können sie brauchen, wie’s ihnen gefällt."

Obwohl Iphigenie nach wie vor alles richtig macht, siegt der Krieg über den Frieden, Rache über Humanismus – ganz entgegen Goethes Ideal. Und doch bleibt die Inszenierung im Geiste Goethes, da sie die Folgen aufzeigt, sollten Iphigenies Werte nicht obsiegen; sollte die Menschheit es nicht schaffen, diese Werte zu verteidigen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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