Die Räuber, Junges DT © Arno Declair
Arno Declair
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Junges DT - "Die Räuber"

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Für den erst 22-jährigen Schiller hatte die Uraufführung seines Erstlingswerks 1792 weitreichende Konsequenzen: Arrest, Aufführungsverbot des Stücks, schließlich Schreibverbot. 15 Jugendliche haben nun den Auftrag, "Die Räuber" auf die Bühne der Kammerspiele zu bringen. Doch schon mit der Rollenverteilung kommen erste Zweifel auf.

Es ist der Traum vieler Jugendlicher: Einmal auf der großen Theaterbühne stehen und der Star des Abends sein. Das "Junge Deutsche Theater" macht daraus seit zehn Jahren Wirklichkeit: Über 2.000 Jugendliche haben hier schon Inszenierungen erarbeitet und gezeigt – und manche, wie die Schauspielerin Maike Knirsch, heute Ensemble-Mitglied am Großen Haus, hat hier in den Jugendclubs angefangen. Zum zehnjährigen Jubiläum zeigt das Junge DT gleich zwei neue Inszenierungen – eine davon ist "Die Räuber".

Am Stück entlang

In der Ankündigung ist von einer "Überschreibung" nach Friedrich Schiller die Rede. Vom Original hört man an diesem Abend tatsächlich fast nichts – und doch hangelt sich die Inszenierung am Stück entlang. Nicht Szene für Szene, sondern Thema für Thema.

Der Abend beginnt mit 15 Jugendlichen, die die Bühne betreten und in Schreikrämpfe ausbrechen, weil sie sich vor Omas, Eltern und Geschwistern im Publikum wiederfinden – obwohl sie doch noch gar nicht geprobt haben! Einer reißt einem Zuschauer das Programmheft aus der Hand und liest: "Die Räuber" sollen sie spielen! Wer, fragt er, will denn von Laien-Schauspielern den berühmten Franz-Moor-Monolog hören, wer den Karl-Moor-Monolog: "Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert!"?

Die Erwartungen des Publikums werden vorgeführt: Bestimmt hätten die Zuschauer im Foyer gedacht: "Na, wenn sich die Jugendlichen an diesem Stoff mal nicht verheben ..."

Und deshalb zeigen die jungen Spielerinnen und Spieler uns den Mittelfinger, proben die Revolte und brüllen, dass sie sicher kein Stück spielen werden, in das Lehrer ihre Schüler für die nächste Klausur schicken können. Auch keines mit vorbildlich aktuellen Bezügen zu Greta und #MeToo. Und schon sind sie von Schillers wütender Räuberbande gar nicht mehr so weit entfernt.

Alles nur gespielt

Dramaturgisch sind die Handlungsstränge verworren. Wir erfahren, dass wir uns am gescheiterten Ende der Probenphase befinden – und werden nun zurückgeführt zu Tag Eins, als sich das junge Ensemble noch ernsthaft mit den Räubern habe auseinandersetzen wollen. Das Drama finden sie "mega krass". Sie machen Übungen im sich hassen und verlieben, haben, wie im Stück, Probleme, ihren Räuberhauptmann zu finden – und stellen frustriert fest, dass im Theater sowieso alles nur gespielt ist, dass es hier keine echte Revolte geben darf.

Doch im letzten Moment rauscht ein Brief herein – angeblich von Intendant Ulrich Khuon, der die Gruppe rausschmeißt, weil sie zu schlecht seien fürs Junge DT. Da packt sie die Wut – sie formieren sich zur Räuberbande, entführen Khuon und mit ihm alle Intendanten aller deutschen Theater, die gerade in der Chef-Etage getagt haben, und sperren sie in die Unterbühne. (Kleiner Insider-Gag zur Frauenquote am Rande: Die Intendantinnen, so sagen sie, haben sie laufen lassen – aber es sei trotzdem noch wahnsinnig voll da unten ...)

Der Brief ist natürlich gefälscht, in Anlehnung ans Schiller-Stück, hier von Laurids, der sich zurückgewiesen gefühlt hat. Ab diesem Zeitpunkt verwischt Probensituation mit Schiller, mit echtem Leben.

Die Räuber, Junges DT © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Die Jugendlichen spielen also, wie heute an den Theatern üblich, sich selbst. Da ist Leni, die sich unbedingt richtig verlieben will. Jona, dem sein Opa Schiller ans Herz gelegt hat und der sich am Text abarbeiten möchte. Und Franz, der seinen Vater stolz machen und den Hauptmann spielen will.

Doch mehr und mehr verschwimmen die Biografien mit den Motiven des Dramas. Die echten Brüder Friedrich und Oskar werden zu Rivalen. Der linke Aktivist Rio radikalisiert sich. Carl und Marie verlieben sich wie Karl und Amalia. Geschwister- und Generationenkonflikte also, aber vor allem: der Wunsch, so akzeptiert zu werden, wie man ist – nicht nach Leistung beurteilt zu werden. Das ist die Art von Freiheit, die hier angestrebt wird.

Das pralle Leben auf der Bühne

Die Fassung, die die Regisseurin Joanna Praml mit ihrer Dramaturgin Dorle Trachternach und den Jugendlichen erarbeitet hat, bleibt schwierig. Da knirscht und quietscht es dramaturgisch an allen Enden, um noch halbwegs an Schiller dranzubleiben. Zur Ausgangssituation vom Anfang kehrt man gar nicht mehr zurück. Zweifelhaft, ob Jugendliche, die das Stück noch nicht kennen, der Handlung überhaupt folgen können.

Joanna Praml; Foto: Carsten Kampf
Joanna Praml | Bild: Carsten Kampf

Doch Praml ist großartig darin, das pralle Leben der Jugendlichen, deren Power und Lebenslust unterhaltsam auf die Bühne zu bringen, sie ganz natürlich wirken zu lassen. Das Ensemble ist beeindruckend: textsicher, komisch, anrührend, originell, voll bei sich. Ihnen zuzuschauen ist nicht nur für Jugendliche ein Spaß. Als Erwachsener lernt man einiges über diese Generation, die alles andere als abgebrüht ist.

Am Ende stehen sie gemeinsam an der Rampe und befürchten, ohnehin würde sicher wieder jemand finden, sie haben es nicht richtig gemacht. Sie hoffen inständig, dass wir bitte am heutigen Abend gelernt haben (frei nach Schiller), was es heißt, ein Mensch zu sein. Dass wir bitte, bitte sagen sollen, dass wir stolz auf sie sind. Da muss man dann tatsächlich schlucken.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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