Schaubühne am Lehniner Platz: Peer Gynt | Lars Eidinger © BENJAKON
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Schaubühne Berlin - "Peer Gynt"

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Ein Tatendrang-Drama hatten Schauspiel-Star Lars Eidinger und der sich auf vielen Feldern tummelnde Konzeptkünstler John Bock versprochen – und vorab vor dem Einsatz pornografischen Materials gewarnt. Doch: keine Angst. Ibsens dramatisches Gedicht "Peer Gynt" darf seine Wirkung, zumindest punktuell, aufs Schönste entfalten.

Nackte Tatsachen

Vor Beginn der Premiere kam die Dramaturgin auf die Bühne und sagte dem Publikum, dass sich Lars Eidinger auf einer Probe einen Finger abgeschnitten habe, aber er habe rasch notoperiert werden können und wolle auch spielen. Es sei aber zu bedenken, dass er unter dem Einfluss starker Schmerzmittel stehe. War also alles danach ein Drogenrausch? Nein. Zum einen wurde schnell klar, dass an der Horrorgeschichte nichts dran ist, zum anderen wird zu viel Halligalli geboten, als dass sich wirklich ein Rausch des Wahns entfalten könnte.

Dominiert wird die Szenerie von einem, ja, bildgewordener Alptraum, einem riesigen Stofftier aus vielen, vielen bunten Teilen, das vielleicht aber auch einen riesigen Menschenmagen symbolisiert. Drumherum allerlei Requisiten und Aufbauten, etwa ein enormes Gerüst, auch eine Melkmaschine. Das ist, der Drehbühne sei Dank, allen Seiten zu bewundern, das Stofftier-Magen-Monster mittels Video auch von innen, wenn Lars Eidinger hineinkriecht. Effektvoll. Nur: die Effekte nutzen sich rasch ab, weil zu oft auf dem Präsentierteller serviert. Das gilt auch fürs Gesinge und Gehopse. Der Abend ist immer dann groß, wenn er die Einfälle klein hält, wenn die Sprache im Zentrum steht, wenn sie schillern darf, all ihre Magie entfalten kann.

Hohe Sprechkultur

Spricht Lars Eidinger Ibsen, ist man gebannt. Kunstvoll, aber nie kunstgewerblich, erkundet er die Texte, dringt tief in sie ein, beleuchtet mit seiner Stimme unzählige Facetten. Es ist hinreißend, wenn er etwa Peer Gynts Mutter spielt, dabei kaum auf äußerliche Attribute setzend, sondern auf Gestik und Mimik und seine Sprechkunst. Schlicht und ergreifend wird da eine Frau begreifbar, die ein falsches Leben gelebt hat, die so gern eine andere an einem anderen Ort auch mit einem anderen Sohn gewesen wäre. Ganz groß.

Vieles andere, etwa der Einsatz eines Pornos per Video-Einspiel, der en détail zeigt, wie drei Frauen ihre Sexualität ausleben, ist überflüssig, entfaltet dagegen so gut wie keine Wirkung. Auch die zahlreichen Momente, da Lars Eidinger fast oder auch mal völlig nackt agiert, haben keinen Mehrwert. Firlefanz. Anders sieht es aus, wenn Brecht-Texte oder solche von Heiner Müller eingestreut werden. Das bringt zusätzliche Gedankenfluten, wie auch zwei Videoeinspielungen, in denen der Theologe Eugen Drewermann höchst Kluges zu Peer Gynt im Besonderen und dem Zustand der Welt im ganz Besonderen sagt.

Apropos Video: Großartig gelungen ist es, Nicht-Zeigbares zu zeigen. Dazu wird die Green-Screen-Technik genutzt. Im Kino dient sie meist dazu, Akteure in Phantasiewelten agieren zu lassen. Und Peer, der ewig große Junge, lebt nur in der Phantasie, sieht sich selbst als Phantasie-Figur und redet sich so in die tollsten Lebensmomente. Dank der Green-Screen-Technik.

Erklären lässt die sich vereinfach so: Menschen und die Dinge, die, selbst vollkommen grün angemalt, vor einer grünen Wand sind, kann man im Video nicht mehr sehen, oder, sind sie nicht grün, in die üppigsten Bilder hineinprojizieren. Da kann die unsichtbare Welt der Fabelwesen, der Trolle, mit viel Raffinement sichtbar gemacht werden, kann andererseits Peer kurz vorm Finale gar verschwinden, so, als habe er sich unter eine Tarnkappe begeben.

Peer Gynt, Lars Eidinger, Schaubuehne Berlin © BENJAKON
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Ein Fest für Eidinger-Fans

Natürlich kommt Lars Eidinger am Ende nochmal selbst an die Rampe bzw. auf den Steg, der ins Parkett hineinreicht. Er muss den Zuschauern ja noch sagen, was für ein großer Schauspieler er ist. Was völlig unnötig ist. Das hat er an dem Abend – wieder einmal – mit Verve bewiesen. Der ein Abend ist, den Fans von Lars Eidinger als Fest empfinden dürften. Sie kommen voll auf ihre Kosten. Alle anderen Theaterbesucher brauchen bei diesem mehr als zweieinhalbstündigen pausenlosen Abend viel Geduld, denn zwischen den theatralisch genialen Moment gilt es, einige Durststrecken auszusitzen.

Peter Claus, rbbKultur

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